Grundlos nett?

Heute ist der „Tag der grundlosen Nettigkeiten“ – ein Thema, das gut zu meinem letzten Blogbeitrag zum „Tag der Komplimente“ paßt. Verwirrend ist für mich die Verbindung von „nett“ und „grundlos“.

Nett?
Was bedeutet es eigentlich „nett“ zu sein? Oder wann empfindet man andere Menschen als „nett“? Für mich ist „nett“ vor allem ein Synonym für freundlich. Ich empfinde mich selbst als nett oder freundlich, wenn ich andere Menschen (auch unbekannte Menschen) begrüße, ihnen zum Beispiel ein schönes Wochenende wünsche, ihnen die Tür aufhalte oder mich bedanke, wenn mir die Tür aufgehalten wird. Es sind die kleinen Interaktionen des Alltags, die auch einen grauen Tag etwas sonniger und wärmer erscheinen lassen. Das freundliche Lächeln im Bus, im Supermarkt, im Café, ein freundliches Wort in tausendfach wiederkehrenden Alltagssituationen. Durch diese kleinen „netten“ und „freundlichen“ Interaktionen entsteht manchmal ganz zart eine Verbindung zwischen den Menschen, ein einzelner Faden, der sich – wenn er entsprechend gepflegt und verstärkt wird – im Laufe der Zeit zu einem Netz ausweiten kann.

Grundlos?
Braucht Freundlichkeit wirklich einen Grund? Es ist dieser Punkt, der mich verstört und verwirrt. Es klingt so, als ob ich am Ende eines Tages sagen könnte: Heute war ich freundlich, weil ….. Das empfinde ich für mich als falsch. Ja, manchmal (an besonders grauen Tagen) muß ich schon bemühen, freundlich zu sein. Das Lächeln oder der Wunsch für ein schönes Wochenende geht auch mir nicht immer und nicht bei jedem Menschen leicht über die Lippen. Was ist also der „Grundzustand“? Begründet freundlich (weil ich mir etwas davon verspreche) oder grundlos unfreundlich (weil es leichter ist, sich nicht anzustrengen)? Was auf den ersten Blick nach einer banalen Frage aussieht, hat beim zweiten Blick mehr Bedeutung und Brisanz für die heutige Zeit als ich anfangs dachte. Die Frage, wie einander unbekannte oder wenig bekannte Menschen sich begegnen, egal ob online oder offline, bestimmt sehr stark, wie wir miteinander umgehen. Sehen wir uns gegenseitig als freundlich und friedlich gestimmt – eben als Menschen – oder sehen wir uns (oder manche von uns) eher als Gegner, als Feinde. Dazu paßt die Geschichte „Der Tempel der 1000 Spiegel“ ganz wunderbar – wer diese (kurze) Geschichte noch nicht kennt, sollte sie unbedingt lesen.

Gesellschaft als Spiegel?
Es heißt so schön „wie man in den Wald hineiruft, so schallt es heraus“ und das paßt auch gut zu der Geschichte mit den 1000 Spiegeln. Da wo ich es schaffe freundlich aufzutreten, da erlebe ich meistens auch grundsätzlich freundliche Reaktionen. Freundliche Reaktion heißt dabei nicht, daß Menschen dann meine Meinung teilen oder meine Wünsche oder Forderungen erfüllen. Es ist einfach erst einmal die Ebene, auf der wir über Meinungen, Wünsche oder Forderungen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – überhaupt sprechen können. Es ist in gewissem Sinn die grundlegende Botschaft „ich bin ok, Du bist ok“, die ein (gutes) Gespräch überhaupt erst ermöglicht.

Nur da wo ich selber andere Menschen so behandele, wie ich auch behandelt werden möchte, habe ich eine Chance, selber „gut“ und „freundlich“ behandelt zu werden. Diese Chance habe ich bei jeder neuen Interaktion, bei jedem neuen Kontakt immer wieder. Diese Chance habe ich auch dann, wenn eine Interaktion gerade schlecht gelaufen ist, wenn ich mich geärgert habe, wenn ich mich selbst oder andere als unfreundlich empfinde. Das Leben bietet laufend neue Chancen!

Schaffen wir es gerade in diesem Jahr bei allen Unterschieden in unseren Meinungen und Einschätzungen freundlich miteinander umzugehen? Ich werde versuchen, meinen Teil beizutragen!

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