Fairer Umgang miteinander?

Vor ein paar Tagen hat Arno Peper bei Twitter den Hashtag #fairerUmgangmiteinander ins Leben gerufen. Es geht ihm dabei darum, der Verrohung der Sprache etwas entgegenzusetzen und damit auch zu verhindern, daß immer mehr Menschen Twitter verlassen oder sich zurückziehen.
Grundsätzlich finde ich die Idee gut. Gleichzeitig sehe ich für mich einige Herausforderungen, die ich in einem Tweet auch schon erwähnt habe, hier aber etwas genauer „beleuchten“ möchte.

1. Verrohung der Sprache
Sprache ist für mich – nicht nur bei Twitter – ein sehr wichtiges Kriterium. Ich glaube nicht, daß man Schimpfwörter oder „beleidigende Bezeichnungen“ (ich meine das nicht im strafrechtlichen Sinne) braucht, um miteinander zu sprechen oder zu diskutieren. Ein gutes Gespräch kann und muß ohne solche Begriffe auskommen. Gleichzeitig merke ich vermehrt, daß bei Twitter eine Art von Sprache Einzug hält, sozusagen salonfähig wird, die ich für mich nicht mag. Nein, diese Sprache ist nicht verboten und ich möchte auch nichts verbieten. Definitiv nicht. Aber es macht mir keinen Spaß, Unterhaltungen zu verfolgen oder daran teilzunehmen, in denen Menschen sich gegenseitig aufgrund abweichender Einstellungen als Dummköpfe, Denunzianten etc. bezeichnen (und das sind jetzt völlig harmlose Beispiele). Da bin ich einfach am falschen Ort. Ich habe schon sehr frühzeitig angefangen, nur Menschen zu folgen, die solche Begriffe – in der Regel – nicht verwenden und ich bin heute sehr dankbar dafür. Trotzdem merke ich auch in meiner Timeline den Trend zu einer Verrohung.

2. Etwas dagegen tun?
Ja und nein, also ein deutliches „jein“. Ich selber achte sehr darauf, auch in Momenten starker emotionaler Betroffenheit keine Schimpfwörter/beleidigenden oder abwertenden Bezeichnungen zu nutzen (auch wenn es in mir drin manchmal brodelt). Nichts wird besser, wenn ich auf meine eigenen sprachlichen Ansprüche verzichte, im Gegenteil – das „Gespräch“ würde vermutlich noch stärker aus dem Ruder laufen und ich würde mich hinterher selbst verachten. Nein, Verrohung meiner Sprache ist für mich kein Gegenmittel.
Meist führe ich Gespräche, die solche Begriffe enthalten nicht weiter oder gehe zumindest darauf nicht ein. Es macht keinen Sinn, einen sprachlichen Abgrund noch zu vertiefen. Da wo ein gemeinsames Gespräch eben nicht möglich ist, würde jedes weitere Wort alles nur verschlimmern. Ich denke hier sofort an die Stufen der Konflikteskalation nach Friedrich Glasl – „gemeinsam in den Abgrund“ ist die letzte Stufe der Eskalation, die bei Twitter in der Regel das ein- oder gegenseitige Blocken ist. Kommunikation ist dann nicht mehr möglich, eine „Konfliktlösung“ auch nicht.
Eigentlich wäre es spannend, sich Twittergespräche mal unter der Maßgabe dieser Konflikteskalationsstufen anzuschauen…….

Eingreifen in Gespräche anderer? Eher nein. Das wäre so etwas wie die Stufe 4 von Glasl – Koalitionen. Man ist in dem Moment zumindest für einen der Gesprächspartner nicht neutral. Wenn ich also einem Twitterer „vorwerfe“, daß er/sie eine unangemessene Sprache verwendet, dann verstärke ich vermutlich den Konflikt. Gleichzeitig fühlt es sich oft schlecht an, wenn Menschen „angegriffen“ werden, deren Meinungen/Tweets man schätzt.

Den Hashtag #fairerUmgangmiteinander verbreiten? Einerseits finde ich den Gedanken dahinter gut, andererseits stehe ich ungern für etwas ein, das ich inhaltlich nicht erklären/definieren kann und was – weil auf Twitter angelegt – flüchtig ist. Für mich hat der Hashtag drei Herausforderungen, die ich im folgenden ansprechen möchte.

3. Die Flüchtigkeit von Tweets
Tweets sind flüchtig. Das ist durchaus gut so, denn sie haben für mich in der Regel den Charakter von momentbezogenen Äußerungen oder Gesprächen. Es ist nicht wirklich wichtig, zu „bewahren“, was ich vor ein paar Tagen zu irgendjemand im Supermarkt oder im Bus gesagt habe. Twitter ist für mich vergleichbar. Deswegen ist für mich eine Initiative, die sich ganz klar auf Twitter beschränkt, von vornherein beschränkt. Ich kann nur begrenzt nachlesen, was sie ausmacht, wer dazu gehört, wer was darunter versteht. Meines Erachtens würde eine Verstetigung/Verbreitung der Initiative einen festen Ausgangspunkt außerhalb von Twitter brauchen, auf den in Tweet auch verlinkt werden könnte. Aber das ist meine persönliche Meinung.

4. Was ist eigentlich fair?
Das ist für mich der schwierigste Teil – was ist eigentlich „fair“? Wikipedia definiert „fair“ beziehungsweise „Fairness“ wie folgt: „Fairness geht als Begriff auf das englische Wort „fair“ („anständig“, „ordentlich“) zurück. Fairness drückt eine (nicht gesetzlich geregelte) Vorstellung von Gerechtigkeit aus. Fairness lässt sich im Deutschen mit akzeptierter Gerechtigkeit und Angemessenheit oder mit Anständigkeit gleichsetzen.“

Alles klar, oder?
Vermutlich hat fast jeder Mensch einen eigenen Begriff von dem, was er/sie als fair, anständig beziehungsweise gerecht empfindet. Oftmals empfinden wir Dinge, die wir selber machen/aussprechen als anständig und gerecht (weil: es ist ja so!), Dinge, die andere machen/aussprechen aber nicht (weil: der-/diejenige hätte mich ja mal vorher fragen können).

Letzlich ist hier wohl die goldene Regel „was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg auch keinem anderen zu“. Für mich persönlich haben sich im Laufe der Zeit (und durchaus beeinflußt durch die Mediationsausbildung in der Zeit von 2010 bis 2012) einige Punkte ergeben, die ich bei Gesprächen/Kontakten für mich versuche zu beachten – versuchen deshalb, weil Menschen immer Fehler machen und ich auch oft erst später merke, daß ich meine eigenen Prinzipien nicht beachtet habe.

5. Grundsätzliche Prinzipien
Damit ich „fair“ kommunizieren kann, muß ich für mich einige Grundbedingungen oder Prinzipien einhalten. Wenn ich selber diese Grundbedingungen oder Prinzipien einhalte, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, daß ein Gespräch auch über schwierigere Themen möglich ist. Natürlich kann es trotzdem schieflaufen – denn schließlich führe ich das Gespräch nicht alleine. Mein Gesprächsanteil kann daher positiv oder negativ sein – trotzdem kann das Gespräch „kippen“ und dann bleibt manchmal nur die Möglichkeit für eine gewisse Zeit Gesprächen mit dem/der Gesprächspartner/in aus dem Weg zu gehen, den-/diejenige stummzuschalten, zu entfolgen und/oder zu blockieren. Das eigene Wohlbefinden ist an der Stelle wichtiger als das Wohlbefinden der anderen Gesprächsbeteiligten!

* Wem folge ich und worauf antworte ich?
Menschen äußern auf Twitter ihre Gedanken und Ansichten. Wenn mir die Äußerungen von vornherein nicht gefallen, dann gibt es keinen Grund diesen Menschen zu folgen oder ein Gespräch zu beginnen. Ja, gelegentlich tappe ich auch in die Falle mit dem Gespräch ….. Aber so ganz grundsätzlich als Beispiel: ich mag keine Schokolade (wirklich!!). Gestern oder heute las ich in einem Tweet, daß „ein Leben ohne Schokolade möglich aber sinnlos ist“. Welchen Wert hätte es zu antworten, daß ich Schokolade nicht mag? Es sind oft diese „Du bist dumm/blöd/…., weil Du das magst/oder nicht magst“-Kommentare, die verletzen können. Ich habe das bei eigenen Tweets im Frühjahr oft erlebt. Ja, die Antworten sind oft sogar gut gemeint, aber ich fand sie nicht hilfreich, weil sie meine Ansicht zu einem bestimmten Punkt grundlos in Frage stellen und mir das Gefühl geben, „Deine Ansicht ist nicht in Ordnung“. Doch! Wenn jemand eine Ansicht hat, dann kann ich gegebenenfalls fragen, warum er/sie diese Ansicht hat, aber ich muß doch nicht widersprechen. Damit kommen wir zum nächsten Punkt.

* Fragen stellen
Tweets sind relativ kurze Texte. Manchmal macht man sich über irgendwelche Dinge lange Gedanken, formuliert Sätze im Kopf hin und her und schreibt dann einen Tweet. Dieser Denkvorgang ist im Tweet in der Regel nicht sichtbar. Das, was für mich klar und positiv ist, kann für andere falsch klingen. Statt nachzufragen, wie etwas gemeint ist, kommt dann oft ein Kommentar/eine „gut gemeinte Empfehlung“, die zum Thema/zum Gedanken überhaupt nicht paßt.
Das paßt übrigens auch zur Diskussion um den dpa-Tweet zum Interview mit Carsten Linnemann. Die dpa hat einen Gedanken bewußt überspitzt und damit eine „Diskussion“ (ok, einen „Shitstorm“) nur auf Basis dieser Überschrift losgelöst. Ich habe die Entwicklung der Diskussion voller Spannung verfolgt – auch weil sie das Anspringen auf bestimmte Begriffe (unabhängig von meiner inhaltlichen Ansicht) hervorragend zeigt. Toll fand ich übrigens, daß die dpa die Überschrift korrigiert und das auch getwittert hat. Was an der Diskussion bezeichnend war: kaum jemand hat den Text gelesen oder noch einmal gefragt, hat er wirklich „Grundschulverbot“ gesagt, die meisten haben den Begriff als „so ist es“ angenommen und nur auf diesen Begriff reagiert. Damit kommen wir zum nächsten Punkt.

* Verlinkte Inhalte lesen und nicht nur auf die Überschrift/Stichworte reagieren
Ich retweete in der Regel keine Texte, die ich nicht selbst gelesen habe (Ausnahmen bei besonders vertrauenswürdigen Twitterern!). Das was für den Retweet gilt sollte auch für das Gespräch über ein Thema gelten. Ein Teil unserer kommunikativen Probleme hängt für mich damit zusammen, daß wir Worte/Begriffe aus dem Zusammenhang reißen, uns über unsere Vorstellungen von dem Gemeinten empören – ohne zu fragen „hast Du das so gemeint, wie ich das gerade verstehe“ und damit gelegentlich eine „Empörungswelle“ lostreten, die sich nicht mehr aufhalten läßt. Das zusätzlich schwierige: man kann in diesem Moment praktisch nicht mehr deeskalierend eingreifen.

* Trennung von Person und Sache
Es ist für mich ein Riesenunterschied, ob jemand sagt „Du bist dumm“ oder „Deine Ansicht zum Thema X ist dumm“ (wobei ich auch disese Formulierung persönlich vermeide, bei mir ist es dann im schlimmsten Fall eher „unsinnig“). Ja, auch ich kann mich irren und Gespräche können durchaus dazu führen, daß ich über etwas nachdenke, nach „Beweisen“ suche oder nach der Begründung des Gesprächspartners für die von ihm/ihr geäußrte Ansicht frage. Kein Mensch kann alles wissen. Menschen können sich informieren, sie können lernen – dafür muß ich dem anderen Menschen aber diese Fähigkeit zugestehen. Wenn ich einzelne Punkte/Themen „kritisiere“ fühlt sich das anders an, als wenn ich den Menschen an sich abwerte.
Der zweite wichtige Punkt: auch Menschen, die ich persönlich schätze, müssen nicht in allen Punkten meiner Meinung sein. Gespräche wären langweilig, wenn alle immer dasselbe denken und gut finden würden. Kreativität und Innovation brauchen eine gewisse Reibung. Was ich bei Twitter immer wieder erlebe und problematisch finde: „wenn Du in dem Punkt nicht unserer Ansicht bist, dann gehörst Du nicht zu uns“, also eine Spaltung in „für uns oder gegen uns“. Das macht vieles schwierig – gerade für mich persönlich!

* Dem anderen zubilligen, daß er/sie einen guten Grund für sein/ihr Handeln/Äußerungen hat
Das war eine der schwierigsten „Lektionen“ in der Mediationsausbildung. Ich weiß noch, daß wir an dem Samstag nach dem Kurs zu mehreren essen waren und etwas ratlos über diese Frage diskutiert haben. Unser Diskussionbeispiel damals war (wenn ich mich richtig erinnere) ein Überfall auf eine Apotheke, bei der ein Vater ein Medikament für sein krankes Kind haben möchte. Aus Sicht des Vaters ein „guter Grund“ – er möchte, daß das Kind gesund wird. Aus meiner Sicht (und aus Sicht der Apotheke, der Richter etc.) kein guter Grund. Was wir damals herausgearbeitet haben: ich muß den Grund kennen, um das Handeln/die Äußerungen von anderen Menschen zu verstehen – wobei „verstehen“ nicht „akzeptieren“ oder „gut finden“ meint. Wenn man Menschen auf Twitter länger folgt, dann kann man manche Äußerungen aufgrund ihrer Erfahrungen nachvollziehen. Da wo man es nicht kann hat man eigentlich zwei Möglichkeiten: schweigen oder fragen („warum ist Dir das wichtig?/warum machst Du das?“).
Ich persönlich glaube, daß es ein Teil unserer heutigen Probleme ist, daß wir „am Anfang“ nie gefragt haben, warum Menschen sich für bestimmte Ideen begeistern oder warum sie Angst haben. Wir haben immer nur gesagt, daß das „dumm“ ist. Mir hilft es bei vielen Äußerungen mir deutlich zu machen, daß der/die andere einen „guten Grund“ für seine Äußerungen hat, auch wenn dieser Grund für mich kein „guter Grund“ ist.

* Umgang mit Emotionen
Ich habe lange gedacht, daß es hilft, sachlich miteinander umzugehen. Das ist aber kein Schlüssel für „erfolgreiche“ beziehungsweise „gute“ Kommunikation. Es gibt immer Themen, bei denen wir emotional betroffen sind – weil wir Erfahrungen mit dem Thema gemacht haben, weil wir oder Menschen aus unserem Umfeld davon betroffen sind. Ich habe gerade durch Twitter viel über Menschen und ihre Erfahrungen gelernt – fehlende Inklusion, Umgang mit Rassismus zum Beispiel – alles Dinge, die ich persönlich so nie erlebt habe. Ich bin dankbar, daß ich solche Erfahrungen nie machen mußte (ich habe dafür andere Erfahrungen gemacht, die auch nicht alle schön sind). Es ist oft die Emotionalität dieser Äußerungen, die mir das Ausmaß der Qual oder der Angst deutlich macht. Ich möchte diese Tweets nicht missen – nicht weil ich schlechte Erfahrungen von Menschen schön finde, sondern weil ich Dinge und Äußerungen für mich kritisch hinterfragen kann.
Für mich habe ich folgenden Umgang gefunden: wenn Menschen etwas Schöne erleben und davon schreiben, dann freue ich mich mit ihnen, manchen schreibe ich das auch unter den Tweet. Wenn Menschen schlimmes erleben, dann lese ich das, meistens kommentiere ich aber nicht (Ausnahme: Krankheiten/Todesfälle im engeren Twitterumfeld).

* Umgang mit Sprache
Ich selber nutze auf Twitter (und auch sonst) keine Schimpfwörter. Die inflationäre Nutzung von abwertenden Begriffen lehne ich für mich ab und ich zucke auch oft, wenn ich sie in Tweets von anderen sehe. Letztlich kann ich gute Gespräche nur dann führen, wenn ich gute Sprache nutze, zuhöre und mich mit etwaigen Argumenten inhatlich auseinandersetze, nicht mit Abwertung. Eine persönliche Verletzung durch abwertende Begriffe macht ein Gespräch unmöglich. Für mich gehören ganz viele Begriffe dazu (angefangen bei „dumm“, „Dummkopf“ und „Idioten“ bis hin zu strafrechtlich relevanten Äußerungen).
Meine persönlichen Entscheidungen:
– ich fave/retweete keine Tweets, die für mich sprachlich nicht in Ordnung sind – selbst dann nicht, wenn ich den Grundgedanken teile
– ich folge Menschen nicht, in deren Tweets ich eine Vielzahl solcher Begriffe sehe

Ich hoffe, daß ich mit diesen Prinzipien zumindest sprachlich selten „unfair“ bin.

6. Und nun?
Arno Peper hat vorgeschlagen, Menschen auf unfaire Sprachnutzung hinzuweisen. Das finde ich schwierig, zumal die Frage, was ich empfinde ja nichts mit dem Empfinden der Gesprächspartner zu tun haben muß und es eben keine eindeutige Definition für „unfair“ gibt.

Was ich mir vorstellen könnte (hatte ich schon als Tweets geschrieben):
– eine Blogparade, um Ideen zu diesem Thema zu sammeln
– eine Art freiwillige Selbstverpflichtung zum fairen Umgang miteinander (so etwas wie die X Prinzipien des fairen Umgangs)
– selber mit dem Hashtag um fairen Umgang zu bitten, wenn ich mich in einem Gespräch „angegriffen“ fühle

Digitalisierung und Demokratie – wer treibt wen?

Letztes Wochenende war ich in Berlin auf der Telemedicus Sommerkonferenz – #soko19 – eine Konferenz, die ich schon seit einigen Jahren gerne besuche. Das Programm war – wie immer – spannend und sehr interdisziplär, wir haben in einigen Bereichen über den Tellerand geschaut.

Besonders begeistert hat mich die Keynote von Jeanette Hofmann, in der es um „Mediatisierte Demokratie – Experimente im digitalen Möglichkeitsraum“ ging. Ein paar der Notizen und Gedanken, die ich mir während dieser Keynote gemacht habe, möchte ich hier zusammenfassen.

Startfrage: Wie ist das Verhältnis von Digitalisierung und Demokratie?
Irgendwie stehen Demokratie und Digitalisierung in einem Verhältnis – die spannende Frage ist, wie dieses Verhältnis aussieht. Häufig liest oder hört man, daß die Digitalisierung der Treiber des Wandels ist. Aber: das dahintersteckende Bild ist etwas merkwürdig. Demokratie wäre dann statisch und würde sich nur aufgrund der Digitalisierung bewegen. Es wäre praktisch eine kausale Beziehung: weil die Digitaliserung antreibt, bewegt sich die Demokratie. Aber: kann das stimmen? Wohl kaum.

Braucht Demokratie ein Gemeinschaftsgefühl?
Spannend fand ich die Frage, ob beziehungsweise in welchem Ausmaß Demokratie ein Gemeinschaftsgefühl braucht. Ein Gemeinschaftsgefühl kann zum Beispiel mit der Nutzung von Medien zu tun haben. Wenn „alle“ die gleiche Zeitung lesen/die gleichen Fernsehnachrichten schauen, dann kann dadurch ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen. Diese „mediale Gemeinschaft“ kenne ich noch aus meiner Schulzeit. Man sah die selben Fernsehsendungen, sprach über die selben „Ereignisse“. Heute empfinde ich das oft anders. Es scheint sehr viele kleine „Gemeinschaften“ zu geben, ein Medium, das alle vereint, ist aus meiner Sicht nicht ohne weiteres erkennbar. In dem Zusammenhang mußte ich an den Gedanken des „Lagerfeuers“ denken…..
Schön war in diesem Zusammenhang der Buchtipp: Imagined Communities von Benedict Anderson, in dem es interessanterweise auch um die Entstehung und Verbreitung von Nationalismus geht.

Demokratie in der Krise?
Ist die Demokratie dauerhaft in der Krise? Ist sie einfach eine fragile Herrschaftsform? Eine spannende Frage! Medienwandel, gesellschaftliche Entwicklungen und Demokratie hängen eng miteinander zusammen. Was aber verändert Demokratie oder unser Empfinden von Demokratie? Es gab immer Krisen in der Demokratie (die „alten“ Krisen habe ich leider nicht notiert….). Aktuell haben wir wohl eine „Repräsentationskrise“. Die Kontrolle durch die Öffentlichkeit ist wichtiger als das Wählen, Vertrauen in Politik und Politiker ist nicht mehr gerechtfertigt. Wenn man bedenkt, daß Demokratie durch das ausgemacht wird, was gemacht wird, dann kann man durchaus erkennen, daß Wahlen, Parteien und Parlamente abgewertet werden. Es besteht ein grundsätzliches Mißtrauen, Politikerinnen und Politiker werden abgestraft, einzelne Personen stehen im Vordergrund, die emotionale Bindung zu Parteien fehlt und Politik wird nicht mehr bestätigt wondern abgewählt.
Buchtipp:
Postdemokratie von Colin Crouch
Die Gegen-Demokratie von Pierre Ronsanvallon

Was wäre, wenn …..
… Digitalisierung kein Treiber, sondern ein Übungsfeld demokratischen Wandels wäre?
Durch die Digitalisierung treten einige tiefgreifende Veränderungen ein. Wir können das an einigen Punkten ganz gut sehen – Massenkommunikation, Verschwimmen der Grenzen zwischen öffentlich und privat sowie zwischen Produzenten und Konsumenten. Aber: wie wirken sich diese Änderung auf unser Verständnis von Öffentlichkeit aus?
Wie oben schon angesprochen fehlt uns der gemeinsame Bezugspunkt. Damit verlieren Parteien oft ihre bisherige Anknüpfung, sie werden eher zu Bewegungen, was man am Beispiel Beppe Grillo und Macron gut sehen kann. Gleichzeitig entstehen neue Kollektive und Netzwerke, die sich selbst organisieren und eher temporär bestehen. Fridays for Future ist ein solches Beispiel.Gerade an diesem Beispiel kann man durchaus erkennen, daß die Digitalisierung eben nicht Treiber sondern eher Übungsfeld des demokratischen Wandels ist.

Herausforderungen
Allerdings bleiben Herausforderungen:
– Wie gehen wir mit der Umstellung von Vertrauen auf Mißtrauen um? Welche Auswirkungen hat das auf uns und unsere Demokratie?
– Wie gehen wir mit der Pluralisierung und gleichzeitigen Fragmentierung von Öffentlichkeiten um?
– Wie gehen wir mit dem Niedergang der Parteien und den neuen/neu entstehenden Organisationsformen um?
– Wie wichtig ist/wäre ein nationales Gemeinschaftsgefühl?

Spannende Fragen, die ich mit dem einen oder anderen Buch sicher weiter verfolgen werde. Herzlichen Dank an Jeanette Hofmann und an die Organisatoren und Sponsoren der Telemedicus Sommerkonferenz für diese tolle Keynote!

Am 2. Juli vor 10 Jahren…..

…. habe ich den Twitteraccount @A_Christofori angelegt.

Die ersten Schritte
Meine allersten Schritte auf Twitter habe ich schon „ein paar Tage früher“ gemacht, mit dem damals eher lokal ausgerichteten Account @AChristofori. Kurz nach meinem damaligen Twitterstart starb Pina Bausch – für Wuppertal ein sehr einschneidendes Ereignis. Ich fand es faszinierend, wie schnell ich diese Information über Twitter mitbekommen konnte.
Dies war dann der Auslöser, meinen heutigen Hauptaccount @A_Christofori anzulegen.

Der erste Tweet
Mein allererster Tweet auf dem Account @A_Christofori war übrigens:
„Sommer, Sonne – weniger Termine und weniger Anrufe. Ein guter Zeitpunkt um mit Twitter zu starten! Willkommen auf meinem Account!“
Gefolgt von: „Nur wer sich zeigt wird auch gesehen. ich zeige mich jetzt also auf Twitter und bin gespannt auf das, was passieren wird!“
Ja, ich war gespannt und es ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um die vergangenen 10 Jahre Revue passieren zu lassen.

Wie es sich entwickelt hat….
Lange Zeit habe ich Twitter eher passiv und lesend, also als eine Art Informationsquelle für mich, genutzt. Ich habe ein paar Tweets zu aus meiner Sicht beruflich relevanten Themen geschrieben, Interaktion gab es kaum. Das änderte sich ab 2012. Ich habe in dem Jahr das Livetwittern von Events für mich entdeckt. Ich habe von Konferenzen, Barcamps und anderen Veranstaltungen twitternd berichet. Es war einerseits eine Möglichkeit, meine Gedanken und Fragen „online“ festzuhalten, gleichzeitig erlaubte dies aber auch ein Gespräch mit den Menschen, die einer bestimmten Konferenz/Veranstaltung folgten. Es gab also einen doppelten Effekt: die „Liveveranstaltung“ an sich und das digitale Twittergespräch über die Veranstaltung beziehungsweise die von mir und anderen berichteten Inhalte. Durch diese Gespräche habe ich manche interessante Anregung oder Gegenfrage bekommen, aus dem einen oder anderen Gespräch wurden auch Twitterkontakte. Gleichzeitig überdeckte das Livetwittern und der damit verbundene digitale Austausch, daß ich vor Ort eigentlich selten ins Gespräch kam. Ich war dabei, ich störte nicht, aber meine Gespräche fanden fast nur online statt.

Twittern und Bloggen – auch über Twitter
Zeitgleich zu meiner aktiveren Twitternutzung habe ich angefangen, kleinere Beiträge zu bloggen – erst zu den besuchten Konferenzen und Barcamps, dann aber auch zu twitterspezifischen Fragestellungen – Begrüßungsnachrichten, ff, Twitter-Cocktailparty-Theorie, Vielfalt in der Twittertimeline, schlechten Tweets, Thesen zu Twitter und wie wir ins Gespräch kommen. Twitter hat mir dabei gleichzeitig die thematische Anregung als auch die Möglichkeit geliefert, auf meine Beiträge hinzuweisen. So war es absolut passend, daß ich 2015 eine Kategorie „Twittergespräche“ eingerichtet habe.
Erstaunlicherweise finde ich viele der Gedanken aus den Blogbeiträgen immer noch ziemlich aktuell……

Die Veränderungen
Denn sowohl Twitter als Plattform als auch ich haben uns verändert.
Bei Twitter wurden die Favsterne durch Herzchen ersetzt – etwas, das mich noch immer stört (Herzen haben in meinem Leben nichts zu suchen!), Funktionen, die ich mochte, wurden abgeschafft oder erschwert, die Anzahl der Zeichen erweitert.
Ich selbst wurde älter, habe mich mit Themen auseinandergesetzt, die nicht mainstream- und damit auch wenig twittertauglich sind und mußte letztendlich feststellen, daß meine Gespräche und Kontakte bestenfalls flüchtig sind.

Das herannahende Jubiläum habe ich daher auch genutzt, um einseitige und einseitig gewordene „Kontakte“ zu hinterfragen und teilweise zu löschen, auch einige DMs und meinen Anteil an einigen Threads habe ich gelöscht. Das war (und ist) ein wichtiger Nachdenk- und Reinigungsprozeß.

Krise und Fazit
Auch über meine allgemeine Situation habe ich nachgedacht – und fernab von Twitter ist das einfacher und sinnvoller. Die digitalen Gespräche haben lange überdeckt, daß ich im analogen Leben nur noch wenig Kontakte hatte und habe. Nach dem Tod meiner Mutter fiel mir das „auf die Füße“. Es trat eine Situation ein, wo ich völlig alleine dastand. 2018 war kein gutes Jahr und ich habe mich – aufgrund einer sehr persönlichen Verletzung – Anfang September erst einmal völlig zurückgezogen. Das Ausmaß der Veränderungen konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehen, ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich jetzt den völligen Überblick habe.
Gleichzeitig hat sich mein Erleben der Twitternutzung verändert. Vielleicht liegt es daran, daß ich in den letzten zwei Jahren zum Teil sehr viel persönlichere Dinge getwittert habe, vielleicht auch daran, daß mich manche Dinge stärker treffen als früher. Aber die guten Gespräche „von früher“ wurden und werden seltener, die „Replies from hell“ – also die Antworten, die man so gar nicht unter seinen Tweets haben möchte, nehmen zu. Liegt es an mir? Liegt es an den Menschen, denen ich folge beziehungsweise die mir folgen? Liegt es an den Themen? Ich weiß es nicht. Ich habe nur gemerkt, daß sich eine aktive Twitternutzung gerade völlig falsch anfühlt.

Waren es einfach 10 Jahre Selbstbetrug? Es ist ein Gedanke, der mir durchaus gelegentlich kommt – so wie ich mir auch gelegentlich die Frage stelle, ob ich glücklicher wäre, wenn ich mich nie angemeldet hätte. Beides Fragen, die sich im Nachhinein nicht beantworten lassen. Im Moment weiß ich nicht einmal, ob ich – über das Ankündigen von Blogbeiträgen hinaus – irgendwann wieder aktiv twittern möchte. Zum jetztigen Zeitpunkt fühlt es sich falsch an. Es ist ein bißchen so als ob Don Quixote gegen die Windmühlenflügel antwittern wollte. Es stört (fast) niemanden, mancher nimmt es staunend oder verächtlich zur Kenntnis, ein paar nicken und lächeln freundlich, aber es verändert nichts – weder für Don Quixote (beziehungsweise für mich) noch für die Windmühlenflügel (und schon hängt das Bild schief, denn wer oder was wären in meinem Beispiel jetzt die Windmühlenflügel?)…..

Ich werde mir jetzt ein Buch nehmen (vielleicht sogar mal den Don Quixote) und fernab von Twitter den Abend verbringen.

Die Bremer Stadtmusikanten…..

Vor knapp einer Woche war ich in Bremen – zur Museumsnacht aber auch um in Ruhe die Ausstellung „Tierischer Aufstand“ zum 200jährigen Jubiläum der Veröffentlichung dieses Märchens der Gebrüder Grimm in gedruckter Form zu besuchen. In der Ausstellung ging es um viele unterschiedliche Aspekte – den Ursprung, die Entwicklung des Bildmotivs und auch um die Bedeutung der tierischen Stadtmusikanten an sich. Das verführte mich dazu, auf Twitter folgende Frage zu stellen:

„Weil ich gerade in der Ausstellung war: mit welchen Eigenschaften verbindet Ihr die Bremer Stadtmusikanten?“

Auf diese Frage bekam ich viele spannende und unterschiedliche Antworten!
– Solidarität
– rüstig, mutig, klug, solidarisch. Geradezu prädestiniert für eine Senioren-WG
– Standfestigkeit
– Vorzüge des Älterwerdens
– Überlebenswille, Fähigkeit zu Visionen, Solidarität, Spaß
– stapelbare Tiere, die es geschafft haben zusammen zu singen, statt sich aufzufressen
– Vernunft und Mut
– die Gewißheit, alles zu überstehen, was das Leben einem zumutet. Die Zuversicht, es ins Gute wenden zu können. Überlebenswille, ein bißchen Anarchie (Protestsongs, Hausbesetzung)
– wie wir heute mit alten Menschen umgehen
– Cirque de Soleil, akrobatische Leistung
– der Esel trägt die ganze Last und der Gockel kräht nur Mist. Esel = Unternehmer, Gockel = Politiker
– Stapelfähigkeit
– vielfältig, hungrig, lebensmutig
– Zuversicht, Mut, Selbstwert
– coole Alten-WG
– Verzweiflung, grenzenlose Naivität, Glaube und Unwissen, Verdrängung zum eigenen Nutzen. Kein Zukunftsplan. Gewalt zur Durchsetzung der Erhaltung der derzeitigen unklaren Situation
– Gentleman, senil, assi, Schlafstörung
– stapelbar
– gut zu stapeln

Warum ich diese Frage gestellt habe? In einem Raum der Ausstellung hing ein Text, der auf folgende Eigenschaften der „Bremer Stadtmusikanten“ hinwies: Mut, Solidarität und Empathie. Ich gebe zu, daß ich über diese Frage vorher nie nachgedacht habe. Erst wollte ich einfach nur schreiben, daß diese drei Eigenschaften in der Ausstellung mit den Bremer Stadtmusikanten verbunden werden. Aber dann fand ich es viel spannender, diese Frage weiterzugeben.

Was bedeuten mir die Antworten?
Ich war über die Vielzahl und die Vielfalt der Antwort sehr überrascht. Wohlgemerkt positiv überrascht!

Es gab bei den Antworten für mich mehrere Ebenen.
Am offensichtlichsten war irgendwie die Bildebene – akrobatische Leistung, stapelbar. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, daß wir das Märchen sehr stark mit dem Bild genau der Szene, als die Räuber durch die aufeinander „aufgestapelten“ Tiere erschreckt werden und fliehen, verbinden. Es ist interessant, daß die Darstellung der Tierpyramide in England mit der Zeichnung von George Cruikshank begann. Aber ist das wirklich der Kern der Geschichte?

Die (aus meiner Sicht) zweite Ebene beschäftigte sich mit den Tieren in ihren „übertragenen“ Rollen – der Esel als Unternehmer, der die ganze Last trägt, Senioren- oder coole Alten-WG.

Besonders interessant aber auch nachdenklich gemacht hat mich die (aus meiner Sicht) dritte Ebene, in der es um „nicht-tierische“ Eigenschaften oder Werte ging – Mut, Solidarität, Zuversicht, Selbstwert, Vernunft, Vorzüge des Älterwerdens aber auch Verzweifelung, Naivität, Unwissen. Es war eine unglaubliche Vielfalt der Äußerungen – von sehr positiven Vorstellungen, dem Gedanken, daß alles irgendwie gut wird zu negativen Gedanken wie Naivität, Verzweiflung und Unwissen.
In der Ausstellung selbst standen übrigens „Solidarität, Mut und Empathie“ als Eigenschaften.

Ich habe die Frage an dem Abend vor der Europawahl am 26.05.2019 gestellt. Die Vielzahl und Vielfalt der Antworten hat mich sowohl an dem Abend als auch am folgenden Tag sehr beschäftigt. Was könnten wir von den Bremer Stadtmusikanten für uns und unsere Gesellschaft lernen? Ich hatte bei den Antworten sehr stark den Eindruck, daß die Solidarität zwischen den unterschiedlichen Tieren, die mit dieser Unterschiedlichkeit verbundene Vielfat und der Mut sich auch im Alter auf Neues einzulassen, gerade „jetzt“ wichtig und wertvoll sind. Deshalb habe ich mich entschlossen Eure Antworten in diesem Beitrag zusammenzufassen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, daß dieses Märchen auch heute mehr Bedeutung hat als nur „ein Jubiläum der Veröffentlichung“. Aber das muß ich erst einmal sacken lassen …..

Herzlichen Dank an @tasso2000, @_phoeni, @jjwieneke, @peterbreuer, @mai17lad, @prxpragma, @kleiner_Komet_, @Zonkey_von, @achtuhrkatze, @Iris_Rohmann, @VollVIP,@DerWischmopp, @EkiamRel, @abertrotzdem, @unteralt, @Manjol, @mashirojin, @Estezeh, @shiftatK und @whoofhausen für die Antworten, die mich zu diesem Blogbeitrag inspieriert haben!

Artikel 5 lebt!

Vor langer langer Zeit gab es mal einen Film mit dem Namen Nr. 5 lebt!. An diesen Filmtitel mußte ich denken, als ich gestern die Nachrichten und Tweets rund um das Thema „Regulierung“ und „Regeln“ von Meinungsäußerungen im Wahlkampf las. Für mich stellt sich das als Wunsch dar, die Meinungsfreiheit gemäß Artikel 5 Grundgesetz einzuschränken. Eine Einschränkung, die ich falsch finde – eine Einschätzung, die – wie ich gestern und heute verfolgen konnte – von vielen Menschen geteilt wird. Artikel 5 Grundgesetz muß leben, soll leben und lebt tatsächlich. Warum mir das wichtig ist, möchte ich in diesem Blogbeitrag erzählen.
Gleichzeitig ist die Beschäftigung mit diesem Thema auch ein Beitrag zur Blogparade „Was bedeutet mir die Demokratie“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

Was Demokratie braucht?
Demokratie braucht den ständigen – friedlichen und angstfreien – Austausch zwischen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten. Jeder von uns ist irgendwie anders – andere Vorlieben und Interessen, andere Erfahrungen, andere Herkunft und letztendlich deswegen auch andere Ansichten.

Warum ist mir das Thema persönlich so wichtig?
Mein Leben ist in vielerlei Hinsicht einfach und privilegiert. Meine Eltern stammen aus einfachen Verhältnissen, haben es aber geschafft sich ein Häuschen zu ersparen und haben mir die Schulbildung und das Studium ermöglicht, das ich mir gewünscht habe. Es mag sein, daß viele Menschen einen einfacheren Weg hatten. Was aber sicher ist: viele Menschen hatten und haben einen schwierigeren Weg.
Meine Mutter ist mit 17 Jahren aus der DDR geflohen. Die Erfahrungen in der DDR haben sie sehr geprägt. Ihr war die Diskussion über gesellschaftliche und politische Themen immer wichtig. Oft waren wir völlig unterschiedlicher Ansicht, manchmal haben wir uns heftig gestritten. Ich habe dann „Beweise“ geliefert – Zeitungsartikel zum Beispiel. Und ich fand es bemerkenswert, daß meine Mutter – die keine Ausbildung und erst recht kein Studium hatte – bereit war, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Sie war immer eine würdige aber auch faire Diskussionspartnerin. Von ihr habe ich meine Liebe zu Diskussionen aber auch die Bereitschaft, Menschen zuzuhören, die ganz andere Ansichten vertreten.
Demokratie und Meinungsfreiheit waren auf diese Art und Weise schon von Kindheit an wichtig. Meine Mutter hatte nie Angst vor Diskussionen – auch nicht mit Menschen, die einen viel höheren (formellen) Bildungsgrad hatten als sie. Das hat mich oft sehr beeindruckt (ich war als Kind sehr schüchtern!). Irgendwie schaffte sie es immer, mit anderen Menschen in ein Gespräch oder eine Diskussion zu kommen (ehrlich gesagt nicht immer zu meiner Freude…..).
Auch im Alter hat sich das bei ihr nicht verändert. Noch kurz vor ihrem Tod haben wir über viele Themen diskutiert – im Frühsommer 2017 überschlugen sich irgendwie die Ereignisse – Brexit, Wahlen in Frankreich, Putschversuch in der Türkei und im Herbst die Bundestagswahl und die Schwierigkeiten der Regierungsbildung. Sie hatte eine unglaubliche Freude an diesen Diskussionen – das ist mir tief in Erinnerung geblieben.

Wie kann man anderen Menschen dieses Thema näher bringen?
Seit ein paar Jahren gebe ich gelegentlich Kurse zu „Onlinethemen“ – in Weiterbildungsmaßnahmen zu Social Media, Online Redaktion und Datenschutz. Alles Themen, die nur denkbar sind, weil wir in Deutschland gemäß Art. 5 GG unsere Meinung äußern dürfen. Irgendwann bin ich im Rahmen der Kursvorbereitung darauf gekommen, die Grundrechte und vor allem Art. 5 GG zumindest für einige der Kurse in eine „Aufgabe“ zu packen. Ich wollte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Kurse ein Gefühl für die Schönheit und herausragende Bedeutung der Grundrechte vermitteln. Ab 2016 wurde diese Vorgehensweise wichtiger als vorher. Gerade in Anbetracht der sich verändernden Situation in Deutschland wurde das Spektrum der Meinungen „breiter“, die Ablehnung von Andersdenkenden wurde (zumindest für mich) sichtbarer. Umso wichtiger fand ich es, mit anderen Menschen über Sinn und Umfang der Meinungsfreiheit und der anderen Freiheiten aus Art. 5 GG zu sprechen und zu diskutieren. Wir suchen die in Artikel 5 GG enthaltenen Grundrechte, reden über die Schranken in Absatz 2, über Zensur und über den Unterschied zwischen Absatz 1 und Absatz 3. Es gab wundervolle Diskussionen und es gab schwierige Diskussionen. Manche Runde mußte ich aus zeitlichen Gründen auch beenden. Es war sehr spannend, diese Gespräche zu führen.
Gerade gestern habe ich wieder in einem Kurs zum Thema Online Redaktion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern über Art. 5 GG gesprochen – diesmal stand das Thema „Kunstfreiheit“ stark im Vordergrund (wir hatten vorher kurz über das Böhmermann-Gedicht gesprochen). Es ging um die Frage, ob Kunst geschmackvoll oder moralisch sein müsse. Spannende Fragen – die wir gemeinsam diskutiert haben.
Es fühlte sich merkwürdig an, nach dem Kurs lesen zu müssen, daß es Politiker gibt, die Meinungsäußerungen im Internet „irgendwie“ regulieren oder Regeln unterwerfen möchten.

Was bedeutet für mich Meinungsfreiheit?
„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ laut ein berühmtes Zitat von Evelyn Beatrice Hall über Voltaire. Diese Voltaire zugeschriebene Haltung kann ich sehr gut nachvollziehen. Gerade in Anbetracht der deutschen Geschichte ist es aus meiner Sicht extrem wichtig, daß wir die Meinungsfreiheit bewahren und pflegen. Dabei muß man allerdings zwei Dinge unterscheiden. Die vom Bundesverfassungsgericht definierte Meinungsfreiheit ist glücklicherweise sehr weit. Das, was gemäß Artikel 5 GG zulässig ist, enthält auch viele Aussagen, die mir inhaltlich und sprachlich mißfallen. Meinungsfreiheit bedeutet für mich gerade, daß Menschen diese Dinge sagen dürfen und ich ihr Recht dazu anerkenne und diese Aussagen toleriere. Was ich aber nicht muß: mit Menschen diskutieren, deren Aussagen mir inhaltlich oder sprachlich mißfallen. Meine persönliche Grenze darf niemals dazu führen, daß Menschen etwas nicht mehr sagen dürfen. Der breite Umfang der Meinungsfreiheit darf allerdings auch nicht dazu führen, daß ich unerwünschte Gespräche oder Diskussionen führen muß.
Gerade in den letzten Jahren ist der Ton in den sozialen Netzwerken (ich nutze vor allem Twitter) und in politischen Diskussionen und Talkrunden rauher geworden. Ich folge auf Twitter sehr bewußt Menschen, deren Ansichten ich nicht teile. Ich achte darauf, ihre Inhalte möglichst nicht zu teilen – weil ich sie nicht „stärken“ möchte oder ihnen Sichtbarkeit verschaffen möchte. Trotzdem finde ich es wichtig, ihre Ansichten und Argumente zu sehen und nachvollziehen zu können. Dieses Sehen und Nachvollziehen bedeutet für mich nicht, daß ich sie verstehe oder gar ihre Ansichten teile. Ich glaube aber, daß Gespräche in der Gesellschaft überhaupt nur dann möglich sind, wenn wir uns auch mit weit abweichenden Ansichten auseinandersetzen. Twitter soll für mich keine „Blase der glücklichen Tweets“ sein, ich möchte bewußt auch das mitbekommen, was mir mißfällt, mich stört und was ich nicht verstehe. Denn auch das gehört zur Meinungsfreiheit.

Was mir fehlt….
Was mir oft fehlt ist eine gute Gesprächskultur. Im kleinen geht das, bei größeren Diskussionen ist das schwierig – vor allem, wenn politische Gegner aufeinander prallen. Wie oft habe ich in diesem Jahr schon Dinge gelesen, die ich als beleidigend oder als persönlich angreifend auffasse. Auch Forderungen nach Rücktritt finde ich oft schwierig. Andererseits fehlt die Gesprächskultur auch vielen Amtsträgern. Ich war über die Äußerungen von Herrn Voss im Rahmen der „Urheberrechtsreform“ entsetzt. Es ist eine Sache, anderer Meinung zu sein – es ist eine völlig andere Sache, Menschen die sich für etwas einsetzen, zu diskreditieren. Das Bild, das Herr Voss und damit die CDU bei mir hinterließ, war: „Du darfst Stimmvieh sein, aber Deine Meinung interessiert uns nicht die Bohne.“ Umso schlimmer, daß vieles, was Herr Voss im Laufe der Zeit sagte, einfach falsch war. Dieser Eindruck wurde in den letzten Tagen noch gesteigert. Ja, es ist nicht schön, eine Wahl zu verlieren. Eine verlorene Wahl sollte aber für alle Beteiligten ein Anreiz sein, über gute Ideen nachzudenken, um Politik gut zu gestalten. Ich verstehe Politik nämlich als eine Art von Wettbewerb der guten Ideen und Konzepte.

Die verlorene Mittlerrolle…..
Was ich gestern jedoch ganz stark wahr nahm, war die Trauer über den Verlust der verlorenen Mittlerrolle und das hat mich sehr irritiert. Luther hat mit der Reformation die Mittlerrolle der Kirche zerstört. Der Mensch konnte plötzlich unmittelbar mit Gott sprechen, er brauchte die Kirche nicht mehr als Mittler. Parteien und klassische Medien haben lange Zeit eine ähnliche Rolle gehabt. Das hatte für beide Seiten sicherlich Vorteile. Andererseits fand ich manches oft nervig. Wahlkampfthemen, die mich nicht ansprachen, Wahlwerbung und Wahlplakate, die mich nicht interessierten – TV-Gespräche mit Spitzenkandiaten oder Talkshowrunden, die mit meinem Leben wenig oder gar nichts zu tun hatten. Die Tatsache, daß wir alle über das Internet und Social Media unsere Meinung äußern können, über Themen diskutieren und auch (wie zum Beispiel bei Fridays for Future oder den Demonstrationen gegen Art. 17 der Urheberrechtsreform) uns – wenn gewollt – organisieren können, stellt eine neue zeitgemäße Form von Meinungsfreiheit und Demokratie dar. Das macht Parteien aus meiner Sicht nicht überflüssig, es verlangt von ihnen aber, die Menschen nicht nur alle vier oder fünf Jahre als potentielle Wähler zu sehen, sondern ihnen zuzuhören und sich mit ihren Anliegen und Themen zu beschäftigen. Social Media – mit YouTube, Twitter und Co ist da eine vorherragende Möglichkeit, dieses Zuhören zu üben und (ohne falsche Versprechen) auch über mögliche Themen zu sprechen. Die Youtuber rund um Rezo haben das erfolgreich vorgemacht.

Und nun?
Ich glaube nicht, daß wir über Regeln für einen „fairen Wahlkampf“ sprechen müssen. Eine Meinungsäußerung durch YouTuber ist nicht unfair. Es ist einfach nur eine Meinungsäußerung, so wie sie von den großen Parteien auch an anderer Stelle bereits genutzt wird (beispielhaft hier für die SPD und für die CDU). Letzlich ist auch jeder Zeitungsartikel und jede Talkshow eine Meinungsäußerung in bezug auf einen (irgendwann) kommenden Wahlkampf. Vielleicht ist das ein Kernproblem unserer Zeit. Menschen in der Politik beharren oft stärker auf den Ansichten ihrer Partei, lehnen Gedanken und Ideen von „den anderen“ ab, weil diese ja „Gegner“ sind. Ich habe oft den Eindruck, daß nicht die gute inhaltliche Lösung, sondern das Gewinnen oder Verlieren im Wettstreit der Parteien zählt. Ja, das betrifft auch uns Wählerinnen und Wähler – ich nehme mich da gar nicht aus. Aber vielleicht bietet uns die heutige Zeit auch die Chance, uns in diesem Punkt weiterzuentwickeln.

Was ich mir wünsche?
Ich möchte auch weiterhin in Frieden und ohne Angst meine Meinung äußern können. Ich möchte, daß alle Menschen in Deutschland (am liebsten auch in Europa und in der ganzen Welt) – egal welcher Nationalität, Herkunft, Religion, Orientierung, Ansichten etc – dies im Rahmen der Regeln von Art. 5 GG tun können und daß wir alle, dieses Recht tolerieren (auch wenn uns einzelne Inhalte mißfallen), achten und verteidigen und zwar gegenüber jedem, der dieses Recht angreift! Wer die Meinungsfreiheit angreift, greift nach meinem Verständnis die Demokratie an. Deswegen müssen wir wachsam sein und auf die Menschen achten, die – aus welchen Gründen auch immer – unsere Unterstützung brauchen, damit auch ihre Meinung gehört werden kann.

Hoffnungslos oder realistisch?

Gestern habe ich das Buch „Miese Stimmung“ (Untertitel: Eine Streitschrift gegen positives Denken) von Arnold Retzer zuende gelesen. Ich hatte das Buch vor ein paar Jahren schon einmal angefangen, aber nie zuende gelesen. Gerade in Zusammenhang mit meinem letzten Beitrag in diesem Blog und dem Thema „Hoffnungslosigkeit“ war das Buch sehr passend – es hätte keinen besseren Zeitpunkt für die Lektüre dieses Buches geben können. Ich möchte hier ein paar erste Gedanken festhalten.

Der Gedanke der Ambivalenz
Ich mag den Gedanken der Ambivalenz – also die Tatsache, daß etwas gleichzeitig gut und schlecht sein kann, bitter und süß, halt doppeldeutig. Dieser Gedanke kommt auch wunderbar in dem Buch „111 Tugenden, 111 Laster“ (Untertitel: Eine philosophische Revue) von Martin Seel zum Ausdruck.
Wenn Hoffnung die „positive Seite“ ist, was ist dann die negative Seite? Hoffnungslosigkeit oder Realismus? Retzer bezeichnet Hoffnung an einer Stelle als Informationsignoranz, Seel unterscheidet zwischen begründeter Hoffnung und blinder Hoffnung.
Ich selbst habe mir – bevor ich das Buch von Retzer gelesen habe – ganz deutlich die Frage gestellt, wann und wie „Hoffnungslosigkeit“ sich in den letzten Jahren in meinem Leben ausgewirkt hat. Erstaunlicherweise habe ich mich sofort an zwei Situationen erinnert, die – über die Jahre hinweg – eng miteinander verbunden sind.

Rückblick 1: Februar 2018
Es ist der Abend der Erinnerungsveranstaltung der Organisation, die meine Mutter im November 2017 ein paar Tage lang palliativ zuhause betreut und begleitet hat. Es ist ein gutes Gefühl, dort hinzugehen. Nach der eigentlichen Veranstaltung, die sehr schön gestaltet ist und die natürlich auch noch einmal ein paar Tränen mit sich bringt, spreche ich länger mit einer der betreuenden Schwestern. Als ich ihr erzähle, daß mir das Sterben meiner Mutter im August bewußt geworden ist und ich sie bewußt bis zum Ende begleitet habe, sagt sie mir, daß das eher selten ist.
Ich frage mich im Anschluß an das Gespräch, warum ich das tatsächlich gemerkt habe und kann es mir nicht erklären.

Rückblick 2: Juli 2012
Meine Mutter hat gerade die Diagnose Krebs (genauer metastasierter Brustkrebs) erhalten. Ich begleite sie zu den wichtigen Gesprächen. Ich bestelle mir Bücher zum Thema, informiere mich umfassend, lese in den entsprechenden Foren viele Erfahrungsberichte – gerade auch die Berichte von Menschen, die schon verstorben sind oder im letzten Stadium der Krankheit sind. Ich weiß, daß meine Mutter nie mehr gesund werden wird und daß es nur darum geht, die verbleibende Lebenszeit „gut“ – also mit hoher Lebensqualität zu verbringen.

Mit dem Wissen von heute…..
Mit dem Wissen von heute kann ich sagen, daß ich damals „hoffnungslos“ war. Ich habe nie auf Heilung gehofft oder auf ein Wunder. Ich wußte immer, daß eine schwierige Zeit kommen wird – ich hatte allerdings viel früher mit dieser schwierigen Zeit gerechnet. Jedes schöne Jahr war ein Geschenk, jeder gute Moment wurde zu einer wunderbaren Erinnerung. Im Wissen um die irgendwann kommende schwierige Zeit habe ich meine Mutter gebeten, mir mit einem gemeinsamen Urlaub eine schöne Erinnerung zu schenken (wir haben immer sehr offen über den Tod gesprochen!). Im Juni 2016 hat sie mir diese schöne Erinnerung geschenkt – ich war also irgendwie „vorgewarnt“. Die realistische Einschätzung hat mir die Kraft und den Mut gegeben, meine Mutter durch die Zeit der Krankheit und durch ihr Sterben zu begleiten. Und gerade weil ich nicht gehofft habe, konnte ich die Zeichen der Veränderung wahrnehmen, die sich im Sommer 2017 eingeschlichen haben.

Gut oder schlecht?
War das jetzt gut oder schlecht? Darauf gibt es vermutlich keine allgemein richtige Antwort. Ich kann es durchaus verstehen, wenn jemand in einer vergleichbaren Situation bis zum Ende die Hoffnung auf Heilung oder gar auf ein Wunder hat. Ich würde auch niemandem die Hoffnung nehmen wollen. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich bei Antworten an Betroffene (Kranke oder Angehörige) stark zurückhalte. Mein Weg war für mich richtig, für andere Menschen kann er grundfalsch sein. Es ist diese Polarität, die mir durch das Lesen des Buches noch einmal sehr deutlich geworden ist. Menschen müssen mit ihrem Schicksal umgehen, sie müssen Dinge hinnehmen, die sie „nicht verdient“ haben, die „ungerecht“ sind. Ein standardisiertes „Du mußt hoffen“, „die Krankheit hat ihren Sinn“ oder „Du mußt kämpfen“ (gerade im Angesicht von Krankheiten) empfinde ich persönlich weder als hilfreich noch als passend. Und wenn man den Kampf verliert? Ist man dann schuld, weil man nicht genug gehofft oder gekämpft hat? Darf man den „Kampf“ oder die „Hoffnung“ aufgeben? Oder ist es so sehr Bestandteil unseres Menschen- und Gesellschaftsbildes geworden, daß der Kampf geführt werden muß, weil es ein guter Kampf ist?

Wo bleibt die Entscheidungsfreiheit?
Meine Mutter kam mit ihrem Onkologen sehr gut zurecht. Von manchen Patienten wurde er im Internet als wenig „empathisch“ geschildert, für meine Mutter war er genau richtig. Er hat sie nie bemitleidet, aber er hat sich immer gefreut, wenn es ihr gut ging oder wenn eine Behandlung anschlug. Am wichtigsten war aber: er hat meine Mutter immer entscheiden lassen. Ganz wörtlich! Ich erinnere mich an einige Gespräche bei denen ich dabei war. Wenn eine neue Behandlung notwendig war, dann haben wir einen Besprechungstermin gemacht. Er hat ein Mittel vorgeschlagen, durchaus mit dem Hinweis „wir könnten xxx versuchen“. Ich habe nach potentiellen Nebenwirkungen gefragt. Und dann hat er meine Mutter gefragt: Wollen Sie diese Chemo machen? Sie hätte jederzeit nein sagen können. Es gab nie die Pflicht zu hoffen oder zu kämpfen, es gab immer eine Wahl.

Das Ertragen der negativen Gefühle…..
Nicht alles in dieser Zeit war einfach, im Gegenteil. Meine Mutter hatte vor manchen Dingen Angst. Vor unserem ersten gemeinsamen Termin habe ich ihr eine Übung gegen Angst erzählt, die ich in einem der Krebsbücher gefunden hatte. Man sollte in Gedanken eine Treppe hochgehen, jede Stufe zählen und dann dann abwärts zählend wieder heruntergehen. Es war ein kleines Gespräch am Rande, eine Information, die sich auch einfach ignorieren konnte. Ich habe nie nachgefragt. Über ein Jahr später hörte ich, wie sie in einem Telefongespräch einer Bekannten von dieser Übung erzählte und wie sehr ihr diese Übung geholfen hatte.
Auch ich hatte immer mal wieder Angst, Angst vor den Nebenwirkungen der Chemos, Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung, Angst vor dem, was irgendwann kommen würde. Zu wissen, was kommen kann, macht vieles nicht einfacher. Unwissenheit kann durchaus eine Gnade sein, Nichtinformation stand für mich persönlich aber nie zur Wahl. Gerade mit meiner Entscheidung für das Höchstmaß an Wissen konnte ich meine Mutter bei dem Ziel „Lebensqualität“ gut begleiten. Letztlich habe ich im Rückblick das Gefühl, daß ich die Herausforderungen dieser Zeit – trotz oder gerade wegen des Zulassens der negativen Gefühle von Angst und Traurigkeit – gut gemeistert habe. Es war eine sehr intensive Zeit, zu der neben vielen sehr schönen Erlebnissen auch die angstvollen und traurigen Zeiten gehören.

Hoffnungslos oder realistisch?
Vieles, was ich einfach nur als realistisch einschätze, hört sich für andere Menschen „hoffnungslos“ an. In der unterschiedlichen Bezeichnung steckt sehr viel stärker eine Bewertung der zugrundeliegenden Haltung als ein inhaltlicher Unterschied. Ja, ich war und bin in vielen Dingen „hoffnungslos“. Ich habe diesen Begriff auch selber verwendet. Für mich fühlt es sich falsch an, für mich selbst auf etwas zu hoffen, daß realistisch gar nicht eintreten kann. Der (durchaus radikale) Verzicht auf Hoffnung erlaubt den Abschied von Menschen aber auch von Vorstellungen und Bildern, die man sich von sich selbst und seiner Zukunft gemacht hat. Es erlaubt das aktive Trauern und nach Abschluß der Trauerphase auch die Veränderung, die Schaffung neuer Bilder und Vorstellungen von einem selbst und von der Zukunft. Aber dazu werde ich vielleicht noch einmal separat etwas schreiben……

Schon wieder weg……

Ja, ich bin schon wieder weg. Diesmal anders als vorher. Als ich im September 2018 meine (überraschenderweise ziemlich lange dauernde) Auszeit „nahm“, gab es einen konkreten (und aus meiner Sicht unschönen) Anlaß für diese Auszeit. Ich fühlte mich damals beobachtet, wußte nicht, wie ich damit umgehen sollte und konnte keine gute Entscheidung treffen. Damals habe ich aber – trotzdem – bei Twitter mitgelesen. Ich wußte, wie es den Menschen in meiner Timeline geht, was sie bewegt, worüber sie sich freuen oder worüber sie traurig sind.

Als ich im Winter „zurückgekehrt“ bin, hätte ich daher irgendwie dort anknüpfen können, wo ich aufgehört hatte. Ich habe es zumindest versucht. Es gab ein paar lustige Tweets und Gespräche, es gab ein paar ernstere Gespräche. Trotzdem war es nicht „wie vorher“. Denn was ich nicht beachtet hatte: ich hatte mich ja selbst in den letzten Monaten verändert.
Meine Timeline sprach von Hoffnung, von Sehnsucht, von (schönen) Gefühlen, von erhofften oder erträumten Begegnungen mit Menschen. Eigentlich schöne Themen – aber halt Themen, die für mich nach dem tiefen Nachdenken im Herbst einfach nicht mehr paßten. Bei ganz vielen Tweets habe ich „nein“ gedacht, bei vielen habe ich auch mit „nein“ oder einer anderen negativen Bemerkung geantwortet. Ja, für mich stimmt das halt so, gleichzeitig ist das für diejenigen, die etwas Schönes oder Positives getwittert haben, nicht wirklich schön. Anfang des Jahres fiel es mir zwar leichter, das „nein“ öfter nur noch zu denken und seltener hinzuschreiben. An meiner Haltung geändert hatte sich dadurch aber nichts. Gleichzeitig fühlte ich immer stärker, daß meine grundsätzlichen Entscheidungen von vielen nicht „akzeptiert“ wurden. Wie viele „Diskussionen“ habe ich immer wieder geführt, weil Menschen meinten sie müßten mich von dem überzeugen, woran sie zutiefst glauben. Ja, alles lieb gemeint, aber wenig „hilfreich“. Ich freue mich wirklich für jede/jeden, der/die Hoffnung hat, der/die glaubt, daß das Beste im Leben erst noch kommt oder der/die an die große Liebe im Alter glaubt. Es sind halt Einstellungen, die ich nicht teilen kann. Schwierig war es, daß diese Diskussionen oft unter Tweets stattfinden, bei denen ich mir gar keine Diskussionen gewünscht hatte, während da, wo ich mir ein Gespräch/eine Diskussion gewünscht hätte, nichts „passierte“. Vielleicht bezeichnend: mein Tweet dazu, welche Fragen mich 2018 besonders beschäftigt hatten, führte zu umfangreichen Gesprächen. Wenige wollten meine „Antworten“ wissen, einige wollten mich „beraten“ (ohne daß ich irgendwie nach einem Rat gefragt hatte).

Einige Tage später habe ich „meine Fragen“ für 2019 getwittert – verbunden mit der Frage, welche Fragen sich meine Timeline für 2019 stellt. Interessanterweise kamen dort wenig „Antworten“ (also Fragen als Antworten). Es war ein irritierender Moment. Ich habe festgestellt, daß die Themen und Fragen, die mir im Moment wichtig sind, für meine Timeline keine Bedeutung haben. Ja, ich könnte scherzen, ich könnte plaudern. Aber das würde mich nur davon abhalten, mich mit den für mich wirklich wichtigen Themen und Fragen auseinanderzusetzen. Meine Twitternutzung hatte irritierenderweise plötzlich eine Art „Ersatzfunktion“ für nicht (beziehungsweise nicht mehr) bestehende reale Kontakte. Mit dem Lesen und „Plaudern“ oder „Scherzen“ gaukelte ich mir eine Art von Gemeinschaft vor, die nicht besteht und die auch nie bestanden hat. Dazu paßt es auch, daß Gespräche sich meistens dann ergaben, wenn ich auf Tweets von anderen geantwortet habe. Meine eigenen Tweets haben eher selten Gespräche ausgelöst. Ja, das ist alles normal und nichts, was ich irgendwie kritisieren möchte. Und ja, ich weiß, daß es vielen anderen Twitternutzern auch so geht. Trotzdem führte es dazu, daß ich in den letzten Tagen sehr intensiv über meine Art der Twitternutzung nachgedacht habe. Ja, ich hätte einfach weitermachen können. Aber wollte ich wirklich nach den letzten anderthalb Jahren noch mehr „weiter so“? Noch mehr „Selbstbetrug“? Nein, das erschien mir keine Alternative.

Deshalb habe ich mich erneut zurückgezogen. Diesmal halt anders, denn ich habe seit Samstag nicht mehr in meine Timeline geschaut. Soweit die App von Twitter mir einzelne Tweets besonders „mitteilt“, bekomme ich diese mit, ansonsten bin ich „draußen“. Ich nutze die durch diesen Rückzug gewonnene Zeit für einsame Spaziergänge, für das Lesen von Büchern und natürlich auch zum Nachdenken. Ich habe keine Ahnung, wo ich gedanklich landen werde, aber das ist ohnehin nur für mich von Bedeutung, nicht für Euch.

Und nein, ich möchte nicht undankbar sein. Es liegt an mir und meiner Art der Twitternutzung, daß es nicht mehr paßt. Ich bin Euch allen für viele Tweets, Retweets, ernste und heitere Gespräche dankbar. Es war – zum größten Teil – eine schöne Zeit! Dafür danke ich Euch von ganzem Herzen!

Worte, die weh tun

Dieses Jahr mußte ich bei Twitter viele DMs und Tweets lesen, die mir weh getan haben, sehr weh sogar.

Ende Juni fing es an. Derjenige, der einige Tage lang so getan hatte, als ob er meine Gefühle erwidert, schrieb mir in einer DM „Ich kann nicht sein, was Du Dir wünschst.“ Aber Freundschaft konnte er sich angeblich vorstellen. Es fiel mir schwer, es tat mir unendlich weh, aber ich ließ mich darauf ein, nur um kurz danach sinngemäß zu lesen, daß die Gegenseitigkeit in Gesprächen aber auch bei Gesprächsanfängen eine zu hohe Erwartung sei. Ich schluckte sehr schwer. Es folgte noch ein weiterer Tweet, der mich sehr verletzt hat. Man kann das ausführlich in meinen Blogbeiträgen vom Monat November nachlesen.

Natürlich gab es von vielen – gerade auch über Twitter – tröstende Worte. Aber tröstende Worte nehmen nicht den Schmerz, heilen keine Wunden und vertreiben auch nicht die dunklen Gedanken. Relativ früh hatte ich das Gefühl, daß ich es mit dem Thema „Liebe und Beziehung“ nicht mehr probieren wollte. Ich glaube nicht, daß irgendjemand das im Sommer verstehen konnte. Immer wieder bekam ich – den durchaus lieb gemeinten – Hinweis „bleib offen“. Ich wollte aber nicht „offen bleiben“, im Gegenteil! Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt, warum mir diese Geschichte so wahnsinnig weh tut und warum ich es einfach nicht mehr probieren möchte und ich mußte mir eingestehen, daß es in meinem Erwachsenenleben nie „Liebe/Beziehung“ gab. Es gab nie jemanden, der zu mir „ja“ gesagt hat, es gab nie jemanden, dem ich im Bereich „Liebe/Beziehung“ wichtig war, es gab immer nur Abweisungen und Verletzungen. Wenn ich von Abweisungen und Verletzungen spreche, dann meine ich auch nicht die Situation, daß man einseitig für einen anderen Menschen mehr empfindet, der aber selber gar kein Interesse hat. Ich meine tatsächlich Abweisungen und Verletzungen aus einer zumindest kurzen tatsächlichen oder behaupteten Gegenseitigkeit.

Die Erkenntnis tat weh, sehr weh. Sie fiel mit meiner Twitterauszeit im September und Oktober zusammen und ich habe sehr viel nachgedacht, gegrübelt, gezweifelt, geweint. Ich habe mich gefragt, ob es an mir liegt? Ob ich etwas in meinem Leben falsch gemacht habe? Aber diese Fragen waren nicht hilfreich. Die Vergangenheit kann ich nicht ändern und für die Zukunft haben sie keine Bedeutung, keine Bedeutung mehr.
Ich habe unter den Abweisungen und Verletzungen in diesem Jahr sehr gelitten. Vermutlich hat das mehr mit mir zu tun als mit demjenigen, der mich abgewiesen und verletzt hat. Aber so nach und nach haben sich für mich einige Aspekte herauskristallisiert:

*ich hätte gerne in meinem Leben „Liebe und Beziehung“ erlebt, aber es sollte nicht sein.
*ich habe keinen Mut, es noch einmal zu probieren – eben weil es nie eine Sicherheit geben kann, daß in einem Moment der (behaupteten) Gegenseitigkeit nicht doch eine weitere Abweisung/Verletzung erfolgt.
*nach 100% Abweisungen und Verletzungen habe ich auch keine Hoffnung mehr, daß es jemals anders sein könnte. Warum auch? Meine 100%-Quote ist durchaus eindrucksvoll!
*ich habe Angst, bei einer weiteren Abweisung/Verletzung zu zerbrechen.

Ich habe mich entschlossen, mit diesem für mich sehr schmerzhaften Thema offen umzugehen. Daher schrieb ich gestern – angeregt von einem (von mir auch zitierten) Tweet von Dunja Voos – einen Tweet mit folgendem Text:
„So geht es mir mit dem Thema „Liebe/Beziehung“. Wann ich diesen Gedanken wohl wieder loswerde?“

Dieser Tweet löste – mal wieder – ein ausführliches Gespräch aus. Ich weiß aus einigen anderen Gesprächen, daß Menschen meine Gedanken nicht nachvollziehen können. Das ist auch völlig in Ordnung so. Wer irgendwann in seinem Leben eine positive Erfahrung gemacht hat, wird immer eher denken, daß es „wieder“ gut werden kann. Mir fehlt diese positive Erfahrung!
Ich sehe auch durchaus, daß Menschen, die sich zum Thema äußern, mir „helfen“ wollen, daß sie etwas Gutes und Schönes im Sinn haben. Allerdings entwickelte sich dieses Gespräch dann in eine Richtung, die mir wiederum sehr weh getan hat. Ausgangspunkt meines Tweets war ganz deutlich das Thema „Liebe/Beziehung“. Das Gespräch war – bis zu einem bestimmten Punkt durchaus gut, auch wenn es für mich keinen Grund gab meine – auf schmerzlichen Erfahrungen basierende – Meinung zu ändern. Noch harmlos war der Vorwurf, daß es nur an meiner Einstellung liegt. Ich schrieb zunächst:
„Ich weiß, daß Deine Anregungen (so wie die vieler anderer) lieb gemeint sind u ich freue mich über die Mühe, die Du Dir damit machst. Aber wenn es wieder schiefgehen würde (u das ist sehr wahrscheinlich), stehe ich wieder ganz alleine vor den Scherben u niemand kann mir helfen.“
Darauf erhielt ich die Antwort:
„Das Leben ist keine mathematische Folge oder es handelt sich auch nicht um eine Beweisführung mit der vollständigen Induktion.
Jedes „Scheitern“ der Vergangenheit hat keine direkte Konsequenz auf einen neuen, unabhängigen Versuch in der Zukunft.
Außer durch deine Einstellung.“
Ja, das kann man so sehen, ich sehe das halt anders.

Dann wurden mir – unter meinem Tweet zum Thema „Liebe /Beziehung“ Selbstbezogenheit, Nichtbeachtung des Gegenübers, Monolog, Kälte und Interesselosigkeit vorgeworfen. Warum? Weil ich – trotz aller Argumente – nicht den Sinn sah, es noch einmal zu probieren.

Am schlimmsten fand ich den Vorwurf fehlenden Mitleids, der auch hier zum Tragen kam. Das tat wirklich weh. Was hat der Umgang mit dem frühen oder besonders schmerzhaften Verlust von Eltern bei anderen Menschen mit meinem Tweetthema zu tun? Warum müßte mein Mitgefühl mit dem Leid anderer Menschen dazu führen, daß ich meine Meinung ändere und immer wieder etwas versuche, was in meinem Leben nie gut war und was dazu führen könnte, daß ich zerbreche?

Der letzte Teil dieses Gesprächs hat mir sehr weh getan! Ich verlange nicht, daß irgendjemand mich versteht. Ich verlange auch nicht, daß irgendjemand meine Meinung teilt. Ich gehe nicht einmal davon aus, daß irgendjemand Mitleid mit mir haben muß. Ich bin durchaus bereit, die Ansichten anderer Menschen zu lesen und anzuhören. Ich denke auch über die Ansichten, die in solchen Gesprächen geäußert werden nach. Niemand muß mich mögen, niemand muß mich sympathisch finden. Aber diese Vorwürfe, weil ich meine Meinung zu einem für mich sehr schmerzhaften Thema nicht ändere?
Nein, wirklich nein. Ich bin froh, daß es mir mittlerweile so gut geht, daß ich den letzten Teil dieses Gesprächs nicht persönlich nehme. Weh getan haben mir diese Worte trotzdem – eben auch, weil sie keinerlei hilfreichen Inhalt hatten. Sie haben mich nur verletzt, sie haben mich nicht nachdenklich gemacht! Schade, nicht wahr?

Rotweinkuchen

Was passiert, wenn man über Rotweinkuchen twittert? Man wird nach dem Rezept gefragt. Und da ich gute Rezepte (ja, ich mag das Rezept sehr!) auch gerne teile, veröffentlichte ich hier jetzt dieses Rezept (das allerste Rezept in meiner „Blogkarrriere“).

Zutaten:
300g Butter
300g Zucker (ich persönlich nehme nur 200g Zucker)
6 Eier
1/8l süßer Rotwein (ich hatte einen lieblichen Ahr Spätburgunder, den ich allerdings nur zum Backen verwende)
300g Mehl
1 Päckchen Backpulver
1,5 Teelöffel Kakolao
1 Teelöffel Zimt
100g geriebene Bitterschokolade (gute Sorte nehmen!)

Aus den Zutaten einen Teig zubereiten. Dabei Eier einzeln unterrühren (jeweils eine Minute rühren). Teig in eine Napfkuchenform füllen. Bei 175 Grad ungefähr 60 Minuten backen (nach 50 Minuten vorsichtshalber mit einem Stäbchen überprüfen).

Viel Erfolg und vor allem Genuß!

Gedanken über meine Twitterauszeit

Seit über zwei Monaten nutze ich Twitter nicht mehr aktiv und ein Ende dieser Auszeit ist im Moment nicht abzusehen. Vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, um meine Gründe für die Auszeit und meine Gedanken hier festzuhalten.

Der Auslöser
Meine Auszeit hatte einen konkreten Auslöser. Ich fühlte mich Anfang September auf sehr unangenehme Weise beobachtet. Ich hatte hier schon berichtet, daß mich jemand in diesem Sommer mehrfach zutiefst verletzt hat. Seit Ende August folge ich diesem Menschen nicht mehr auf Twitter. Anfang September führte ich ein thematisch relativ banales Twittergespräch. Zufällig bekam ich mit, daß dieser Mensch die Tweets meiner Gesprächspartnerin favte (meine selbstverständlich nicht). Ich war sehr unangenehm überrascht. Normalerweise ist es mir selbstverständlich völlig egal, wer welche Tweets favt oder nicht favt, in der konkreten Situation fand ich dieses Verhalten völlig daneben und unglaublich unangenehm und geschmacklos.
Ich war sprachlos und ratlos und wußte zunächst nicht, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Um eine vorschnelle und falsche Reaktion zu vermeiden, habe ich beschlossen, mich erst einmal zurückzuziehen und nachzudenken.

Was tun?
Ich zog mich also zurück und dachte über Reaktionsmöglichkeiten nach.
* Ihn ansprechen? Nein, das kam nicht in Frage. Abgesehen davon, daß er ohnehin jedes persönliche Gespräch verweigert, hat jeder Kommunikationsversuch von meiner Seite bisher nur zu weiteren Verletzungen geführt.
* Mein Twitter-Profil privat schalten? Das hätte nichts daran geändert, daß er mir immer noch folgt.
* Ihn blockieren? So unangenehm ich sein Verhalten fand und immer noch finde, so wenig finde ich ein „Blockieren“ als Reaktion angemessen. Das Blockieren ist für mich der Schritt der ultimativen Notwehr.
* Das unangenehme Verhalten einfach ignorieren? Nein, dafür störte es mich zu sehr.

Wie ich es auch drehte und wendete, ich fand keinen Weg, den ich in dem Moment als gut und richtig empfand. Also schwieg ich.

Die Eigendynamik der Auszeit
Ich war davon ausgegangen, daß mir Twitter und die Twittergespräche schnell fehlen würden. Aber je länger ich schwieg und nachdachte, desto geringer wurde meine „Twittersehnsucht“. Anfangs las ich noch im „alten Ausmaß“ mit, aber nach und nach schaute ich nur noch gelegentlich vorbei. Twitter wurde unwichtig und das in mehrfacher Hinsicht. Ich nutzte es zwar noch als Informationstool (insbesondere zur DSGVO), aber eben nicht mehr für Gespräche. Ich hatte nicht das Bedürfnis, irgendetwas zu erzählen. Alles, was ich in dem Moment machte, las oder dachte kam mir unwichtig vor (das ist auch immer noch so!) und die Tatsache, daß meine Abwesenheit nur wenigen Menschen auffiel, empfand ich in diesem Punkt als wunderbar passende Bestätigung. Es ging mir nie darum, „vermisst“ zu werden – aber die Tatsache, daß meine Abwesenheit nur wenigen Menschen auffiel, hat es mir viel leichter gemacht, wegzubleiben. Und so verstärkte sich nach und nach das Gefühl, das ich gar nicht twittern möchte. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Bisherige Erkenntnisse
Da meine Auszeit – bis auf das Verlinken von Blogbeiträgen – ja noch nicht vorbei ist, kann ich nur von meinen vorläufigen Erkenntnissen berichten.

Sieht man, wer fehlt?
Twitter lebt von der Sichtbarkeit. Wer schreibt wird gesehen, wer nicht schreibt, existiert (zumindest virtuell) nicht. Ich glaube nicht, daß mir die Abwesenheit von Twitterern aus meiner Timeline wirklich aufgefallen wäre, noch weniger glaube ich, daß ich sie (wenn ich es gemerkt hätte) auf ihre Abwesenheit angesprochen hätte. Das führt zu der spannenden Frage, ob virtuell überhaupt Nähe und Verbindung entstehen kann. Bis Mitte Juni hätte ich diese Frage bejaht, mittlerweile bin ich da sehr skeptisch. Es ist erst einmal eine scheinbare Nähe. Wirkliche Nähe und Verbindung können meines Erachtens erst dann entstehen, wenn der Kontakt über das öffentliche Twittergespräch hinausgeht – ohne persönliche Gespräche (egal über welchen „Kanal“) können Bekanntschaft oder Freundschaft weder entstehen noch bestehen. Dabei kommt es gar nicht auf die Häufigkeit der Kontakte an, wichtig ist meines Erachtens vielmehr der Aspekt der Gegenseitigkeit. Einseitigkeit tötet sowohl das Entstehen als auch das Bestehen von Bekanntschaft oder Freundschaft. Ich als Meisterin der gekappten und nicht mehr angeknüpften Gesprächsfäden weiß, wovon ich rede.

Die Rolle als stille Beobachterin
In meiner Rolle als stille Beobachterin habe ich meine Timeline ganz anders wahrgenommen als in meiner vorherigen Rolle als aktiv Twitternde. Das Blickfeld verändert sich, wenn man nicht durch Interaktionen abgelenkt wird. Ich habe sowohl die Vielfalt als auch die Problematik von Polarisierung und Ausgrenzung anders wahrgenommen. Meine Timeline habe ich bewußt sehr bunt zusammengestellt – das ist einerseits bereichernd, andererseits manchmal auch schwer zu ertragen – gerade dann wenn Menschen, denen ich folge Inhalte twittern, die ich politisch und/oder gesellschaftlich völlig ablehne. Als stille Beobachterin ist mir diese Bandbreite mit ihren Vor- und Nachteilen noch einmal sehr deutlich bewußt geworden.

Folgen und Entfolgen
Folgen und Entfolgen sind im Moment sowohl für mich persönlich als auch allgemein heikle Themen.
Persönlich entfolge ich eher selten. Gelegentlich paßt die thematische Ausrichtung nicht oder nicht mehr, gelegentlich stört mich die Sprachwahl, oft sind dies dann Twitternde, die mir ohnehin nicht folgen. Meist denke ich auch relativ lange darüber nach, ob ich entfolge oder nicht.
Auch die Entscheidung, dem Menschen nicht mehr zu folgen, der mich verletzt hat, habe ich mir nicht leicht gemacht. Eine gewisse Zeit lang hatte ich – so wie von ihm gewünscht – noch auf Freundschaft oder Bekanntschaft gehofft. Als sich sehr deutlich abzeichnete, daß beides völlig unerreichbar war, habe ich meine Entscheidung getroffen. Es war eine Entscheidung, die mir schwer gefallen ist, aber sie war notwendig und sie enthält eine sehr klare Botschaft: ich glaube nicht mehr an die Möglichkeit einer Freundschaft oder Bekanntschaft mit ihm. Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen und ich kann die Verletzungen auch nicht einfach vergessen. Ich habe ihm meine Entscheidung (daß ich still leise und gehen werde) sogar in einer Antwort auf einen mich verletzenden Tweet mitgeteilt. Die Tatsache, daß er mir trotzdem weiterfolgt, fühlt sich zusammen mit dem oben geschilderten Verhalten falsch an.
Ein anderer Bereich, den ich im Moment heikel finde und der mir erst als Beobachterin wirklich aufgefallen ist: die Aufrufe bestimmten Menschen zu entfolgen, weil sie zu weit nach rechts gerutscht sind. Ich folge einigen Menschen, deren politische Ausrichtung ich so gar nicht teile. Aber auch diese Ansichten fallen unter die Meinungsfreiheit und ich finde es nicht unwichtig, die Gedanken und Argumente gelegentlich zu lesen (auch wenn ich dann oft sehr schwer schlucke). Soweit möglich versuche ich aber das Faven und Retweeten dieser Accounts zu vermeiden. Ich möchte an diese Accounts gerade keine positiven Signale senden. Der Hinweis, daß ein Account sich inhaltlich verändert hat, mag durchaus richtig und wichtig sein, Entfolgeaufrufe empfinde ich aber als Einschränkung meiner Informationsfreiheit.

Was nun?
Gute Frage! Ich habe mich unglaublich weit von meinen „alten“ Twitteraktivitäten entfernt und dabei einige Klarheit gewonnen, aber auch viele neue Fragen gefunden, die ich für mich noch gar nicht beantworten kann.

Was mir auf der persönlichen Ebene klar geworden ist: ich wünsche mir, daß „er“ mir nicht mehr folgt. Auch wenn ich Twitter im Moment nicht aktiv nutze, finde ich, daß es ihn nichts angeht, was ich mache, lese oder denke. Ich habe von seiner Seite kein einziges Bemühen um das Entstehen einer Freundschaft oder Bekanntschaft erkennen können, nur das schweigende Folgen. Daran kann ich nichts Positives, nichts Verbindendes erkennen – diese Beharrlichkeit hätte ich mir für das Bemühen um eine Freundschaft oder Bekanntschaft gewünscht, aber so war es halt nicht und dann paßt das weitere Folgen einfach nicht.
Blockieren empfinde ich nach wie vor als Notlösung, die ich nicht ergreifen möchte. Mir ist aber auch klar geworden, daß die Frage, ob er mir noch folgt oder nicht nur ein kleiner Mosaikstein in meiner Entscheidung ist. Die Verletzungen im Sommer haben mich verändert. Mir fehlen die Leichtigkeit, der Mut, die Spontanität und die Freude, mich auf virtuelle öffentliche Gespräche einzulassen (per DM geht es einigermaßen, wobei ich selten Gespräche beginne). Ich mag einfach nichts spontan und ungefiltert erzählen oder berichten, ich brauche den (gedanklichen) Filter von Zeit und Korrekturrunde, so daß ich mich im Moment auf (durchaus persönliche) Blogbeiträge beschränke.

Ganz allgemein beschäftigt mich, ob Twitter eigentlich ein virtuelles Panoptikum ist und wie Menschen generell im virtuellen Bereich miteinander umgehen. Aber dazu werde ich vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt etwas schreiben.

Und nein, im Moment sieht es nicht so aus, als ob ich „bald“ zu Twitter „zurückkomme“. Wer mich „vermisst“, kann mich aber problemlos per DM, Threema oder unter den Kontaktdaten im verlinkten Impressum erreichen! Meistens antworte ich relativ schnell….