Die Bremer Stadtmusikanten…..

Vor knapp einer Woche war ich in Bremen – zur Museumsnacht aber auch um in Ruhe die Ausstellung „Tierischer Aufstand“ zum 200jährigen Jubiläum der Veröffentlichung dieses Märchens der Gebrüder Grimm in gedruckter Form zu besuchen. In der Ausstellung ging es um viele unterschiedliche Aspekte – den Ursprung, die Entwicklung des Bildmotivs und auch um die Bedeutung der tierischen Stadtmusikanten an sich. Das verführte mich dazu, auf Twitter folgende Frage zu stellen:

„Weil ich gerade in der Ausstellung war: mit welchen Eigenschaften verbindet Ihr die Bremer Stadtmusikanten?“

Auf diese Frage bekam ich viele spannende und unterschiedliche Antworten!
– Solidarität
– rüstig, mutig, klug, solidarisch. Geradezu prädestiniert für eine Senioren-WG
– Standfestigkeit
– Vorzüge des Älterwerdens
– Überlebenswille, Fähigkeit zu Visionen, Solidarität, Spaß
– stapelbare Tiere, die es geschafft haben zusammen zu singen, statt sich aufzufressen
– Vernunft und Mut
– die Gewißheit, alles zu überstehen, was das Leben einem zumutet. Die Zuversicht, es ins Gute wenden zu können. Überlebenswille, ein bißchen Anarchie (Protestsongs, Hausbesetzung)
– wie wir heute mit alten Menschen umgehen
– Cirque de Soleil, akrobatische Leistung
– der Esel trägt die ganze Last und der Gockel kräht nur Mist. Esel = Unternehmer, Gockel = Politiker
– Stapelfähigkeit
– vielfältig, hungrig, lebensmutig
– Zuversicht, Mut, Selbstwert
– coole Alten-WG
– Verzweiflung, grenzenlose Naivität, Glaube und Unwissen, Verdrängung zum eigenen Nutzen. Kein Zukunftsplan. Gewalt zur Durchsetzung der Erhaltung der derzeitigen unklaren Situation
– Gentleman, senil, assi, Schlafstörung
– stapelbar
– gut zu stapeln

Warum ich diese Frage gestellt habe? In einem Raum der Ausstellung hing ein Text, der auf folgende Eigenschaften der „Bremer Stadtmusikanten“ hinwies: Mut, Solidarität und Empathie. Ich gebe zu, daß ich über diese Frage vorher nie nachgedacht habe. Erst wollte ich einfach nur schreiben, daß diese drei Eigenschaften in der Ausstellung mit den Bremer Stadtmusikanten verbunden werden. Aber dann fand ich es viel spannender, diese Frage weiterzugeben.

Was bedeuten mir die Antworten?
Ich war über die Vielzahl und die Vielfalt der Antwort sehr überrascht. Wohlgemerkt positiv überrascht!

Es gab bei den Antworten für mich mehrere Ebenen.
Am offensichtlichsten war irgendwie die Bildebene – akrobatische Leistung, stapelbar. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, daß wir das Märchen sehr stark mit dem Bild genau der Szene, als die Räuber durch die aufeinander „aufgestapelten“ Tiere erschreckt werden und fliehen, verbinden. Es ist interessant, daß die Darstellung der Tierpyramide in England mit der Zeichnung von George Cruikshank begann. Aber ist das wirklich der Kern der Geschichte?

Die (aus meiner Sicht) zweite Ebene beschäftigte sich mit den Tieren in ihren „übertragenen“ Rollen – der Esel als Unternehmer, der die ganze Last trägt, Senioren- oder coole Alten-WG.

Besonders interessant aber auch nachdenklich gemacht hat mich die (aus meiner Sicht) dritte Ebene, in der es um „nicht-tierische“ Eigenschaften oder Werte ging – Mut, Solidarität, Zuversicht, Selbstwert, Vernunft, Vorzüge des Älterwerdens aber auch Verzweifelung, Naivität, Unwissen. Es war eine unglaubliche Vielfalt der Äußerungen – von sehr positiven Vorstellungen, dem Gedanken, daß alles irgendwie gut wird zu negativen Gedanken wie Naivität, Verzweiflung und Unwissen.
In der Ausstellung selbst standen übrigens „Solidarität, Mut und Empathie“ als Eigenschaften.

Ich habe die Frage an dem Abend vor der Europawahl am 26.05.2019 gestellt. Die Vielzahl und Vielfalt der Antworten hat mich sowohl an dem Abend als auch am folgenden Tag sehr beschäftigt. Was könnten wir von den Bremer Stadtmusikanten für uns und unsere Gesellschaft lernen? Ich hatte bei den Antworten sehr stark den Eindruck, daß die Solidarität zwischen den unterschiedlichen Tieren, die mit dieser Unterschiedlichkeit verbundene Vielfat und der Mut sich auch im Alter auf Neues einzulassen, gerade „jetzt“ wichtig und wertvoll sind. Deshalb habe ich mich entschlossen Eure Antworten in diesem Beitrag zusammenzufassen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, daß dieses Märchen auch heute mehr Bedeutung hat als nur „ein Jubiläum der Veröffentlichung“. Aber das muß ich erst einmal sacken lassen …..

Herzlichen Dank an @tasso2000, @_phoeni, @jjwieneke, @peterbreuer, @mai17lad, @prxpragma, @kleiner_Komet_, @Zonkey_von, @achtuhrkatze, @Iris_Rohmann, @VollVIP,@DerWischmopp, @EkiamRel, @abertrotzdem, @unteralt, @Manjol, @mashirojin, @Estezeh, @shiftatK und @whoofhausen für die Antworten, die mich zu diesem Blogbeitrag inspieriert haben!

Artikel 5 lebt!

Vor langer langer Zeit gab es mal einen Film mit dem Namen Nr. 5 lebt!. An diesen Filmtitel mußte ich denken, als ich gestern die Nachrichten und Tweets rund um das Thema „Regulierung“ und „Regeln“ von Meinungsäußerungen im Wahlkampf las. Für mich stellt sich das als Wunsch dar, die Meinungsfreiheit gemäß Artikel 5 Grundgesetz einzuschränken. Eine Einschränkung, die ich falsch finde – eine Einschätzung, die – wie ich gestern und heute verfolgen konnte – von vielen Menschen geteilt wird. Artikel 5 Grundgesetz muß leben, soll leben und lebt tatsächlich. Warum mir das wichtig ist, möchte ich in diesem Blogbeitrag erzählen.
Gleichzeitig ist die Beschäftigung mit diesem Thema auch ein Beitrag zur Blogparade „Was bedeutet mir die Demokratie“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

Was Demokratie braucht?
Demokratie braucht den ständigen – friedlichen und angstfreien – Austausch zwischen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten. Jeder von uns ist irgendwie anders – andere Vorlieben und Interessen, andere Erfahrungen, andere Herkunft und letztendlich deswegen auch andere Ansichten.

Warum ist mir das Thema persönlich so wichtig?
Mein Leben ist in vielerlei Hinsicht einfach und privilegiert. Meine Eltern stammen aus einfachen Verhältnissen, haben es aber geschafft sich ein Häuschen zu ersparen und haben mir die Schulbildung und das Studium ermöglicht, das ich mir gewünscht habe. Es mag sein, daß viele Menschen einen einfacheren Weg hatten. Was aber sicher ist: viele Menschen hatten und haben einen schwierigeren Weg.
Meine Mutter ist mit 17 Jahren aus der DDR geflohen. Die Erfahrungen in der DDR haben sie sehr geprägt. Ihr war die Diskussion über gesellschaftliche und politische Themen immer wichtig. Oft waren wir völlig unterschiedlicher Ansicht, manchmal haben wir uns heftig gestritten. Ich habe dann „Beweise“ geliefert – Zeitungsartikel zum Beispiel. Und ich fand es bemerkenswert, daß meine Mutter – die keine Ausbildung und erst recht kein Studium hatte – bereit war, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Sie war immer eine würdige aber auch faire Diskussionspartnerin. Von ihr habe ich meine Liebe zu Diskussionen aber auch die Bereitschaft, Menschen zuzuhören, die ganz andere Ansichten vertreten.
Demokratie und Meinungsfreiheit waren auf diese Art und Weise schon von Kindheit an wichtig. Meine Mutter hatte nie Angst vor Diskussionen – auch nicht mit Menschen, die einen viel höheren (formellen) Bildungsgrad hatten als sie. Das hat mich oft sehr beeindruckt (ich war als Kind sehr schüchtern!). Irgendwie schaffte sie es immer, mit anderen Menschen in ein Gespräch oder eine Diskussion zu kommen (ehrlich gesagt nicht immer zu meiner Freude…..).
Auch im Alter hat sich das bei ihr nicht verändert. Noch kurz vor ihrem Tod haben wir über viele Themen diskutiert – im Frühsommer 2017 überschlugen sich irgendwie die Ereignisse – Brexit, Wahlen in Frankreich, Putschversuch in der Türkei und im Herbst die Bundestagswahl und die Schwierigkeiten der Regierungsbildung. Sie hatte eine unglaubliche Freude an diesen Diskussionen – das ist mir tief in Erinnerung geblieben.

Wie kann man anderen Menschen dieses Thema näher bringen?
Seit ein paar Jahren gebe ich gelegentlich Kurse zu „Onlinethemen“ – in Weiterbildungsmaßnahmen zu Social Media, Online Redaktion und Datenschutz. Alles Themen, die nur denkbar sind, weil wir in Deutschland gemäß Art. 5 GG unsere Meinung äußern dürfen. Irgendwann bin ich im Rahmen der Kursvorbereitung darauf gekommen, die Grundrechte und vor allem Art. 5 GG zumindest für einige der Kurse in eine „Aufgabe“ zu packen. Ich wollte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Kurse ein Gefühl für die Schönheit und herausragende Bedeutung der Grundrechte vermitteln. Ab 2016 wurde diese Vorgehensweise wichtiger als vorher. Gerade in Anbetracht der sich verändernden Situation in Deutschland wurde das Spektrum der Meinungen „breiter“, die Ablehnung von Andersdenkenden wurde (zumindest für mich) sichtbarer. Umso wichtiger fand ich es, mit anderen Menschen über Sinn und Umfang der Meinungsfreiheit und der anderen Freiheiten aus Art. 5 GG zu sprechen und zu diskutieren. Wir suchen die in Artikel 5 GG enthaltenen Grundrechte, reden über die Schranken in Absatz 2, über Zensur und über den Unterschied zwischen Absatz 1 und Absatz 3. Es gab wundervolle Diskussionen und es gab schwierige Diskussionen. Manche Runde mußte ich aus zeitlichen Gründen auch beenden. Es war sehr spannend, diese Gespräche zu führen.
Gerade gestern habe ich wieder in einem Kurs zum Thema Online Redaktion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern über Art. 5 GG gesprochen – diesmal stand das Thema „Kunstfreiheit“ stark im Vordergrund (wir hatten vorher kurz über das Böhmermann-Gedicht gesprochen). Es ging um die Frage, ob Kunst geschmackvoll oder moralisch sein müsse. Spannende Fragen – die wir gemeinsam diskutiert haben.
Es fühlte sich merkwürdig an, nach dem Kurs lesen zu müssen, daß es Politiker gibt, die Meinungsäußerungen im Internet „irgendwie“ regulieren oder Regeln unterwerfen möchten.

Was bedeutet für mich Meinungsfreiheit?
„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ laut ein berühmtes Zitat von Evelyn Beatrice Hall über Voltaire. Diese Voltaire zugeschriebene Haltung kann ich sehr gut nachvollziehen. Gerade in Anbetracht der deutschen Geschichte ist es aus meiner Sicht extrem wichtig, daß wir die Meinungsfreiheit bewahren und pflegen. Dabei muß man allerdings zwei Dinge unterscheiden. Die vom Bundesverfassungsgericht definierte Meinungsfreiheit ist glücklicherweise sehr weit. Das, was gemäß Artikel 5 GG zulässig ist, enthält auch viele Aussagen, die mir inhaltlich und sprachlich mißfallen. Meinungsfreiheit bedeutet für mich gerade, daß Menschen diese Dinge sagen dürfen und ich ihr Recht dazu anerkenne und diese Aussagen toleriere. Was ich aber nicht muß: mit Menschen diskutieren, deren Aussagen mir inhaltlich oder sprachlich mißfallen. Meine persönliche Grenze darf niemals dazu führen, daß Menschen etwas nicht mehr sagen dürfen. Der breite Umfang der Meinungsfreiheit darf allerdings auch nicht dazu führen, daß ich unerwünschte Gespräche oder Diskussionen führen muß.
Gerade in den letzten Jahren ist der Ton in den sozialen Netzwerken (ich nutze vor allem Twitter) und in politischen Diskussionen und Talkrunden rauher geworden. Ich folge auf Twitter sehr bewußt Menschen, deren Ansichten ich nicht teile. Ich achte darauf, ihre Inhalte möglichst nicht zu teilen – weil ich sie nicht „stärken“ möchte oder ihnen Sichtbarkeit verschaffen möchte. Trotzdem finde ich es wichtig, ihre Ansichten und Argumente zu sehen und nachvollziehen zu können. Dieses Sehen und Nachvollziehen bedeutet für mich nicht, daß ich sie verstehe oder gar ihre Ansichten teile. Ich glaube aber, daß Gespräche in der Gesellschaft überhaupt nur dann möglich sind, wenn wir uns auch mit weit abweichenden Ansichten auseinandersetzen. Twitter soll für mich keine „Blase der glücklichen Tweets“ sein, ich möchte bewußt auch das mitbekommen, was mir mißfällt, mich stört und was ich nicht verstehe. Denn auch das gehört zur Meinungsfreiheit.

Was mir fehlt….
Was mir oft fehlt ist eine gute Gesprächskultur. Im kleinen geht das, bei größeren Diskussionen ist das schwierig – vor allem, wenn politische Gegner aufeinander prallen. Wie oft habe ich in diesem Jahr schon Dinge gelesen, die ich als beleidigend oder als persönlich angreifend auffasse. Auch Forderungen nach Rücktritt finde ich oft schwierig. Andererseits fehlt die Gesprächskultur auch vielen Amtsträgern. Ich war über die Äußerungen von Herrn Voss im Rahmen der „Urheberrechtsreform“ entsetzt. Es ist eine Sache, anderer Meinung zu sein – es ist eine völlig andere Sache, Menschen die sich für etwas einsetzen, zu diskreditieren. Das Bild, das Herr Voss und damit die CDU bei mir hinterließ, war: „Du darfst Stimmvieh sein, aber Deine Meinung interessiert uns nicht die Bohne.“ Umso schlimmer, daß vieles, was Herr Voss im Laufe der Zeit sagte, einfach falsch war. Dieser Eindruck wurde in den letzten Tagen noch gesteigert. Ja, es ist nicht schön, eine Wahl zu verlieren. Eine verlorene Wahl sollte aber für alle Beteiligten ein Anreiz sein, über gute Ideen nachzudenken, um Politik gut zu gestalten. Ich verstehe Politik nämlich als eine Art von Wettbewerb der guten Ideen und Konzepte.

Die verlorene Mittlerrolle…..
Was ich gestern jedoch ganz stark wahr nahm, war die Trauer über den Verlust der verlorenen Mittlerrolle und das hat mich sehr irritiert. Luther hat mit der Reformation die Mittlerrolle der Kirche zerstört. Der Mensch konnte plötzlich unmittelbar mit Gott sprechen, er brauchte die Kirche nicht mehr als Mittler. Parteien und klassische Medien haben lange Zeit eine ähnliche Rolle gehabt. Das hatte für beide Seiten sicherlich Vorteile. Andererseits fand ich manches oft nervig. Wahlkampfthemen, die mich nicht ansprachen, Wahlwerbung und Wahlplakate, die mich nicht interessierten – TV-Gespräche mit Spitzenkandiaten oder Talkshowrunden, die mit meinem Leben wenig oder gar nichts zu tun hatten. Die Tatsache, daß wir alle über das Internet und Social Media unsere Meinung äußern können, über Themen diskutieren und auch (wie zum Beispiel bei Fridays for Future oder den Demonstrationen gegen Art. 17 der Urheberrechtsreform) uns – wenn gewollt – organisieren können, stellt eine neue zeitgemäße Form von Meinungsfreiheit und Demokratie dar. Das macht Parteien aus meiner Sicht nicht überflüssig, es verlangt von ihnen aber, die Menschen nicht nur alle vier oder fünf Jahre als potentielle Wähler zu sehen, sondern ihnen zuzuhören und sich mit ihren Anliegen und Themen zu beschäftigen. Social Media – mit YouTube, Twitter und Co ist da eine vorherragende Möglichkeit, dieses Zuhören zu üben und (ohne falsche Versprechen) auch über mögliche Themen zu sprechen. Die Youtuber rund um Rezo haben das erfolgreich vorgemacht.

Und nun?
Ich glaube nicht, daß wir über Regeln für einen „fairen Wahlkampf“ sprechen müssen. Eine Meinungsäußerung durch YouTuber ist nicht unfair. Es ist einfach nur eine Meinungsäußerung, so wie sie von den großen Parteien auch an anderer Stelle bereits genutzt wird (beispielhaft hier für die SPD und für die CDU). Letzlich ist auch jeder Zeitungsartikel und jede Talkshow eine Meinungsäußerung in bezug auf einen (irgendwann) kommenden Wahlkampf. Vielleicht ist das ein Kernproblem unserer Zeit. Menschen in der Politik beharren oft stärker auf den Ansichten ihrer Partei, lehnen Gedanken und Ideen von „den anderen“ ab, weil diese ja „Gegner“ sind. Ich habe oft den Eindruck, daß nicht die gute inhaltliche Lösung, sondern das Gewinnen oder Verlieren im Wettstreit der Parteien zählt. Ja, das betrifft auch uns Wählerinnen und Wähler – ich nehme mich da gar nicht aus. Aber vielleicht bietet uns die heutige Zeit auch die Chance, uns in diesem Punkt weiterzuentwickeln.

Was ich mir wünsche?
Ich möchte auch weiterhin in Frieden und ohne Angst meine Meinung äußern können. Ich möchte, daß alle Menschen in Deutschland (am liebsten auch in Europa und in der ganzen Welt) – egal welcher Nationalität, Herkunft, Religion, Orientierung, Ansichten etc – dies im Rahmen der Regeln von Art. 5 GG tun können und daß wir alle, dieses Recht tolerieren (auch wenn uns einzelne Inhalte mißfallen), achten und verteidigen und zwar gegenüber jedem, der dieses Recht angreift! Wer die Meinungsfreiheit angreift, greift nach meinem Verständnis die Demokratie an. Deswegen müssen wir wachsam sein und auf die Menschen achten, die – aus welchen Gründen auch immer – unsere Unterstützung brauchen, damit auch ihre Meinung gehört werden kann.

Hoffnungslos oder realistisch?

Gestern habe ich das Buch „Miese Stimmung“ (Untertitel: Eine Streitschrift gegen positives Denken) von Arnold Retzer zuende gelesen. Ich hatte das Buch vor ein paar Jahren schon einmal angefangen, aber nie zuende gelesen. Gerade in Zusammenhang mit meinem letzten Beitrag in diesem Blog und dem Thema „Hoffnungslosigkeit“ war das Buch sehr passend – es hätte keinen besseren Zeitpunkt für die Lektüre dieses Buches geben können. Ich möchte hier ein paar erste Gedanken festhalten.

Der Gedanke der Ambivalenz
Ich mag den Gedanken der Ambivalenz – also die Tatsache, daß etwas gleichzeitig gut und schlecht sein kann, bitter und süß, halt doppeldeutig. Dieser Gedanke kommt auch wunderbar in dem Buch „111 Tugenden, 111 Laster“ (Untertitel: Eine philosophische Revue) von Martin Seel zum Ausdruck.
Wenn Hoffnung die „positive Seite“ ist, was ist dann die negative Seite? Hoffnungslosigkeit oder Realismus? Retzer bezeichnet Hoffnung an einer Stelle als Informationsignoranz, Seel unterscheidet zwischen begründeter Hoffnung und blinder Hoffnung.
Ich selbst habe mir – bevor ich das Buch von Retzer gelesen habe – ganz deutlich die Frage gestellt, wann und wie „Hoffnungslosigkeit“ sich in den letzten Jahren in meinem Leben ausgewirkt hat. Erstaunlicherweise habe ich mich sofort an zwei Situationen erinnert, die – über die Jahre hinweg – eng miteinander verbunden sind.

Rückblick 1: Februar 2018
Es ist der Abend der Erinnerungsveranstaltung der Organisation, die meine Mutter im November 2017 ein paar Tage lang palliativ zuhause betreut und begleitet hat. Es ist ein gutes Gefühl, dort hinzugehen. Nach der eigentlichen Veranstaltung, die sehr schön gestaltet ist und die natürlich auch noch einmal ein paar Tränen mit sich bringt, spreche ich länger mit einer der betreuenden Schwestern. Als ich ihr erzähle, daß mir das Sterben meiner Mutter im August bewußt geworden ist und ich sie bewußt bis zum Ende begleitet habe, sagt sie mir, daß das eher selten ist.
Ich frage mich im Anschluß an das Gespräch, warum ich das tatsächlich gemerkt habe und kann es mir nicht erklären.

Rückblick 2: Juli 2012
Meine Mutter hat gerade die Diagnose Krebs (genauer metastasierter Brustkrebs) erhalten. Ich begleite sie zu den wichtigen Gesprächen. Ich bestelle mir Bücher zum Thema, informiere mich umfassend, lese in den entsprechenden Foren viele Erfahrungsberichte – gerade auch die Berichte von Menschen, die schon verstorben sind oder im letzten Stadium der Krankheit sind. Ich weiß, daß meine Mutter nie mehr gesund werden wird und daß es nur darum geht, die verbleibende Lebenszeit „gut“ – also mit hoher Lebensqualität zu verbringen.

Mit dem Wissen von heute…..
Mit dem Wissen von heute kann ich sagen, daß ich damals „hoffnungslos“ war. Ich habe nie auf Heilung gehofft oder auf ein Wunder. Ich wußte immer, daß eine schwierige Zeit kommen wird – ich hatte allerdings viel früher mit dieser schwierigen Zeit gerechnet. Jedes schöne Jahr war ein Geschenk, jeder gute Moment wurde zu einer wunderbaren Erinnerung. Im Wissen um die irgendwann kommende schwierige Zeit habe ich meine Mutter gebeten, mir mit einem gemeinsamen Urlaub eine schöne Erinnerung zu schenken (wir haben immer sehr offen über den Tod gesprochen!). Im Juni 2016 hat sie mir diese schöne Erinnerung geschenkt – ich war also irgendwie „vorgewarnt“. Die realistische Einschätzung hat mir die Kraft und den Mut gegeben, meine Mutter durch die Zeit der Krankheit und durch ihr Sterben zu begleiten. Und gerade weil ich nicht gehofft habe, konnte ich die Zeichen der Veränderung wahrnehmen, die sich im Sommer 2017 eingeschlichen haben.

Gut oder schlecht?
War das jetzt gut oder schlecht? Darauf gibt es vermutlich keine allgemein richtige Antwort. Ich kann es durchaus verstehen, wenn jemand in einer vergleichbaren Situation bis zum Ende die Hoffnung auf Heilung oder gar auf ein Wunder hat. Ich würde auch niemandem die Hoffnung nehmen wollen. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich bei Antworten an Betroffene (Kranke oder Angehörige) stark zurückhalte. Mein Weg war für mich richtig, für andere Menschen kann er grundfalsch sein. Es ist diese Polarität, die mir durch das Lesen des Buches noch einmal sehr deutlich geworden ist. Menschen müssen mit ihrem Schicksal umgehen, sie müssen Dinge hinnehmen, die sie „nicht verdient“ haben, die „ungerecht“ sind. Ein standardisiertes „Du mußt hoffen“, „die Krankheit hat ihren Sinn“ oder „Du mußt kämpfen“ (gerade im Angesicht von Krankheiten) empfinde ich persönlich weder als hilfreich noch als passend. Und wenn man den Kampf verliert? Ist man dann schuld, weil man nicht genug gehofft oder gekämpft hat? Darf man den „Kampf“ oder die „Hoffnung“ aufgeben? Oder ist es so sehr Bestandteil unseres Menschen- und Gesellschaftsbildes geworden, daß der Kampf geführt werden muß, weil es ein guter Kampf ist?

Wo bleibt die Entscheidungsfreiheit?
Meine Mutter kam mit ihrem Onkologen sehr gut zurecht. Von manchen Patienten wurde er im Internet als wenig „empathisch“ geschildert, für meine Mutter war er genau richtig. Er hat sie nie bemitleidet, aber er hat sich immer gefreut, wenn es ihr gut ging oder wenn eine Behandlung anschlug. Am wichtigsten war aber: er hat meine Mutter immer entscheiden lassen. Ganz wörtlich! Ich erinnere mich an einige Gespräche bei denen ich dabei war. Wenn eine neue Behandlung notwendig war, dann haben wir einen Besprechungstermin gemacht. Er hat ein Mittel vorgeschlagen, durchaus mit dem Hinweis „wir könnten xxx versuchen“. Ich habe nach potentiellen Nebenwirkungen gefragt. Und dann hat er meine Mutter gefragt: Wollen Sie diese Chemo machen? Sie hätte jederzeit nein sagen können. Es gab nie die Pflicht zu hoffen oder zu kämpfen, es gab immer eine Wahl.

Das Ertragen der negativen Gefühle…..
Nicht alles in dieser Zeit war einfach, im Gegenteil. Meine Mutter hatte vor manchen Dingen Angst. Vor unserem ersten gemeinsamen Termin habe ich ihr eine Übung gegen Angst erzählt, die ich in einem der Krebsbücher gefunden hatte. Man sollte in Gedanken eine Treppe hochgehen, jede Stufe zählen und dann dann abwärts zählend wieder heruntergehen. Es war ein kleines Gespräch am Rande, eine Information, die sich auch einfach ignorieren konnte. Ich habe nie nachgefragt. Über ein Jahr später hörte ich, wie sie in einem Telefongespräch einer Bekannten von dieser Übung erzählte und wie sehr ihr diese Übung geholfen hatte.
Auch ich hatte immer mal wieder Angst, Angst vor den Nebenwirkungen der Chemos, Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung, Angst vor dem, was irgendwann kommen würde. Zu wissen, was kommen kann, macht vieles nicht einfacher. Unwissenheit kann durchaus eine Gnade sein, Nichtinformation stand für mich persönlich aber nie zur Wahl. Gerade mit meiner Entscheidung für das Höchstmaß an Wissen konnte ich meine Mutter bei dem Ziel „Lebensqualität“ gut begleiten. Letztlich habe ich im Rückblick das Gefühl, daß ich die Herausforderungen dieser Zeit – trotz oder gerade wegen des Zulassens der negativen Gefühle von Angst und Traurigkeit – gut gemeistert habe. Es war eine sehr intensive Zeit, zu der neben vielen sehr schönen Erlebnissen auch die angstvollen und traurigen Zeiten gehören.

Hoffnungslos oder realistisch?
Vieles, was ich einfach nur als realistisch einschätze, hört sich für andere Menschen „hoffnungslos“ an. In der unterschiedlichen Bezeichnung steckt sehr viel stärker eine Bewertung der zugrundeliegenden Haltung als ein inhaltlicher Unterschied. Ja, ich war und bin in vielen Dingen „hoffnungslos“. Ich habe diesen Begriff auch selber verwendet. Für mich fühlt es sich falsch an, für mich selbst auf etwas zu hoffen, daß realistisch gar nicht eintreten kann. Der (durchaus radikale) Verzicht auf Hoffnung erlaubt den Abschied von Menschen aber auch von Vorstellungen und Bildern, die man sich von sich selbst und seiner Zukunft gemacht hat. Es erlaubt das aktive Trauern und nach Abschluß der Trauerphase auch die Veränderung, die Schaffung neuer Bilder und Vorstellungen von einem selbst und von der Zukunft. Aber dazu werde ich vielleicht noch einmal separat etwas schreiben……

Schon wieder weg……

Ja, ich bin schon wieder weg. Diesmal anders als vorher. Als ich im September 2018 meine (überraschenderweise ziemlich lange dauernde) Auszeit „nahm“, gab es einen konkreten (und aus meiner Sicht unschönen) Anlaß für diese Auszeit. Ich fühlte mich damals beobachtet, wußte nicht, wie ich damit umgehen sollte und konnte keine gute Entscheidung treffen. Damals habe ich aber – trotzdem – bei Twitter mitgelesen. Ich wußte, wie es den Menschen in meiner Timeline geht, was sie bewegt, worüber sie sich freuen oder worüber sie traurig sind.

Als ich im Winter „zurückgekehrt“ bin, hätte ich daher irgendwie dort anknüpfen können, wo ich aufgehört hatte. Ich habe es zumindest versucht. Es gab ein paar lustige Tweets und Gespräche, es gab ein paar ernstere Gespräche. Trotzdem war es nicht „wie vorher“. Denn was ich nicht beachtet hatte: ich hatte mich ja selbst in den letzten Monaten verändert.
Meine Timeline sprach von Hoffnung, von Sehnsucht, von (schönen) Gefühlen, von erhofften oder erträumten Begegnungen mit Menschen. Eigentlich schöne Themen – aber halt Themen, die für mich nach dem tiefen Nachdenken im Herbst einfach nicht mehr paßten. Bei ganz vielen Tweets habe ich „nein“ gedacht, bei vielen habe ich auch mit „nein“ oder einer anderen negativen Bemerkung geantwortet. Ja, für mich stimmt das halt so, gleichzeitig ist das für diejenigen, die etwas Schönes oder Positives getwittert haben, nicht wirklich schön. Anfang des Jahres fiel es mir zwar leichter, das „nein“ öfter nur noch zu denken und seltener hinzuschreiben. An meiner Haltung geändert hatte sich dadurch aber nichts. Gleichzeitig fühlte ich immer stärker, daß meine grundsätzlichen Entscheidungen von vielen nicht „akzeptiert“ wurden. Wie viele „Diskussionen“ habe ich immer wieder geführt, weil Menschen meinten sie müßten mich von dem überzeugen, woran sie zutiefst glauben. Ja, alles lieb gemeint, aber wenig „hilfreich“. Ich freue mich wirklich für jede/jeden, der/die Hoffnung hat, der/die glaubt, daß das Beste im Leben erst noch kommt oder der/die an die große Liebe im Alter glaubt. Es sind halt Einstellungen, die ich nicht teilen kann. Schwierig war es, daß diese Diskussionen oft unter Tweets stattfinden, bei denen ich mir gar keine Diskussionen gewünscht hatte, während da, wo ich mir ein Gespräch/eine Diskussion gewünscht hätte, nichts „passierte“. Vielleicht bezeichnend: mein Tweet dazu, welche Fragen mich 2018 besonders beschäftigt hatten, führte zu umfangreichen Gesprächen. Wenige wollten meine „Antworten“ wissen, einige wollten mich „beraten“ (ohne daß ich irgendwie nach einem Rat gefragt hatte).

Einige Tage später habe ich „meine Fragen“ für 2019 getwittert – verbunden mit der Frage, welche Fragen sich meine Timeline für 2019 stellt. Interessanterweise kamen dort wenig „Antworten“ (also Fragen als Antworten). Es war ein irritierender Moment. Ich habe festgestellt, daß die Themen und Fragen, die mir im Moment wichtig sind, für meine Timeline keine Bedeutung haben. Ja, ich könnte scherzen, ich könnte plaudern. Aber das würde mich nur davon abhalten, mich mit den für mich wirklich wichtigen Themen und Fragen auseinanderzusetzen. Meine Twitternutzung hatte irritierenderweise plötzlich eine Art „Ersatzfunktion“ für nicht (beziehungsweise nicht mehr) bestehende reale Kontakte. Mit dem Lesen und „Plaudern“ oder „Scherzen“ gaukelte ich mir eine Art von Gemeinschaft vor, die nicht besteht und die auch nie bestanden hat. Dazu paßt es auch, daß Gespräche sich meistens dann ergaben, wenn ich auf Tweets von anderen geantwortet habe. Meine eigenen Tweets haben eher selten Gespräche ausgelöst. Ja, das ist alles normal und nichts, was ich irgendwie kritisieren möchte. Und ja, ich weiß, daß es vielen anderen Twitternutzern auch so geht. Trotzdem führte es dazu, daß ich in den letzten Tagen sehr intensiv über meine Art der Twitternutzung nachgedacht habe. Ja, ich hätte einfach weitermachen können. Aber wollte ich wirklich nach den letzten anderthalb Jahren noch mehr „weiter so“? Noch mehr „Selbstbetrug“? Nein, das erschien mir keine Alternative.

Deshalb habe ich mich erneut zurückgezogen. Diesmal halt anders, denn ich habe seit Samstag nicht mehr in meine Timeline geschaut. Soweit die App von Twitter mir einzelne Tweets besonders „mitteilt“, bekomme ich diese mit, ansonsten bin ich „draußen“. Ich nutze die durch diesen Rückzug gewonnene Zeit für einsame Spaziergänge, für das Lesen von Büchern und natürlich auch zum Nachdenken. Ich habe keine Ahnung, wo ich gedanklich landen werde, aber das ist ohnehin nur für mich von Bedeutung, nicht für Euch.

Und nein, ich möchte nicht undankbar sein. Es liegt an mir und meiner Art der Twitternutzung, daß es nicht mehr paßt. Ich bin Euch allen für viele Tweets, Retweets, ernste und heitere Gespräche dankbar. Es war – zum größten Teil – eine schöne Zeit! Dafür danke ich Euch von ganzem Herzen!

Worte, die weh tun

Dieses Jahr mußte ich bei Twitter viele DMs und Tweets lesen, die mir weh getan haben, sehr weh sogar.

Ende Juni fing es an. Derjenige, der einige Tage lang so getan hatte, als ob er meine Gefühle erwidert, schrieb mir in einer DM „Ich kann nicht sein, was Du Dir wünschst.“ Aber Freundschaft konnte er sich angeblich vorstellen. Es fiel mir schwer, es tat mir unendlich weh, aber ich ließ mich darauf ein, nur um kurz danach sinngemäß zu lesen, daß die Gegenseitigkeit in Gesprächen aber auch bei Gesprächsanfängen eine zu hohe Erwartung sei. Ich schluckte sehr schwer. Es folgte noch ein weiterer Tweet, der mich sehr verletzt hat. Man kann das ausführlich in meinen Blogbeiträgen vom Monat November nachlesen.

Natürlich gab es von vielen – gerade auch über Twitter – tröstende Worte. Aber tröstende Worte nehmen nicht den Schmerz, heilen keine Wunden und vertreiben auch nicht die dunklen Gedanken. Relativ früh hatte ich das Gefühl, daß ich es mit dem Thema „Liebe und Beziehung“ nicht mehr probieren wollte. Ich glaube nicht, daß irgendjemand das im Sommer verstehen konnte. Immer wieder bekam ich – den durchaus lieb gemeinten – Hinweis „bleib offen“. Ich wollte aber nicht „offen bleiben“, im Gegenteil! Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt, warum mir diese Geschichte so wahnsinnig weh tut und warum ich es einfach nicht mehr probieren möchte und ich mußte mir eingestehen, daß es in meinem Erwachsenenleben nie „Liebe/Beziehung“ gab. Es gab nie jemanden, der zu mir „ja“ gesagt hat, es gab nie jemanden, dem ich im Bereich „Liebe/Beziehung“ wichtig war, es gab immer nur Abweisungen und Verletzungen. Wenn ich von Abweisungen und Verletzungen spreche, dann meine ich auch nicht die Situation, daß man einseitig für einen anderen Menschen mehr empfindet, der aber selber gar kein Interesse hat. Ich meine tatsächlich Abweisungen und Verletzungen aus einer zumindest kurzen tatsächlichen oder behaupteten Gegenseitigkeit.

Die Erkenntnis tat weh, sehr weh. Sie fiel mit meiner Twitterauszeit im September und Oktober zusammen und ich habe sehr viel nachgedacht, gegrübelt, gezweifelt, geweint. Ich habe mich gefragt, ob es an mir liegt? Ob ich etwas in meinem Leben falsch gemacht habe? Aber diese Fragen waren nicht hilfreich. Die Vergangenheit kann ich nicht ändern und für die Zukunft haben sie keine Bedeutung, keine Bedeutung mehr.
Ich habe unter den Abweisungen und Verletzungen in diesem Jahr sehr gelitten. Vermutlich hat das mehr mit mir zu tun als mit demjenigen, der mich abgewiesen und verletzt hat. Aber so nach und nach haben sich für mich einige Aspekte herauskristallisiert:

*ich hätte gerne in meinem Leben „Liebe und Beziehung“ erlebt, aber es sollte nicht sein.
*ich habe keinen Mut, es noch einmal zu probieren – eben weil es nie eine Sicherheit geben kann, daß in einem Moment der (behaupteten) Gegenseitigkeit nicht doch eine weitere Abweisung/Verletzung erfolgt.
*nach 100% Abweisungen und Verletzungen habe ich auch keine Hoffnung mehr, daß es jemals anders sein könnte. Warum auch? Meine 100%-Quote ist durchaus eindrucksvoll!
*ich habe Angst, bei einer weiteren Abweisung/Verletzung zu zerbrechen.

Ich habe mich entschlossen, mit diesem für mich sehr schmerzhaften Thema offen umzugehen. Daher schrieb ich gestern – angeregt von einem (von mir auch zitierten) Tweet von Dunja Voos – einen Tweet mit folgendem Text:
„So geht es mir mit dem Thema „Liebe/Beziehung“. Wann ich diesen Gedanken wohl wieder loswerde?“

Dieser Tweet löste – mal wieder – ein ausführliches Gespräch aus. Ich weiß aus einigen anderen Gesprächen, daß Menschen meine Gedanken nicht nachvollziehen können. Das ist auch völlig in Ordnung so. Wer irgendwann in seinem Leben eine positive Erfahrung gemacht hat, wird immer eher denken, daß es „wieder“ gut werden kann. Mir fehlt diese positive Erfahrung!
Ich sehe auch durchaus, daß Menschen, die sich zum Thema äußern, mir „helfen“ wollen, daß sie etwas Gutes und Schönes im Sinn haben. Allerdings entwickelte sich dieses Gespräch dann in eine Richtung, die mir wiederum sehr weh getan hat. Ausgangspunkt meines Tweets war ganz deutlich das Thema „Liebe/Beziehung“. Das Gespräch war – bis zu einem bestimmten Punkt durchaus gut, auch wenn es für mich keinen Grund gab meine – auf schmerzlichen Erfahrungen basierende – Meinung zu ändern. Noch harmlos war der Vorwurf, daß es nur an meiner Einstellung liegt. Ich schrieb zunächst:
„Ich weiß, daß Deine Anregungen (so wie die vieler anderer) lieb gemeint sind u ich freue mich über die Mühe, die Du Dir damit machst. Aber wenn es wieder schiefgehen würde (u das ist sehr wahrscheinlich), stehe ich wieder ganz alleine vor den Scherben u niemand kann mir helfen.“
Darauf erhielt ich die Antwort:
„Das Leben ist keine mathematische Folge oder es handelt sich auch nicht um eine Beweisführung mit der vollständigen Induktion.
Jedes „Scheitern“ der Vergangenheit hat keine direkte Konsequenz auf einen neuen, unabhängigen Versuch in der Zukunft.
Außer durch deine Einstellung.“
Ja, das kann man so sehen, ich sehe das halt anders.

Dann wurden mir – unter meinem Tweet zum Thema „Liebe /Beziehung“ Selbstbezogenheit, Nichtbeachtung des Gegenübers, Monolog, Kälte und Interesselosigkeit vorgeworfen. Warum? Weil ich – trotz aller Argumente – nicht den Sinn sah, es noch einmal zu probieren.

Am schlimmsten fand ich den Vorwurf fehlenden Mitleids, der auch hier zum Tragen kam. Das tat wirklich weh. Was hat der Umgang mit dem frühen oder besonders schmerzhaften Verlust von Eltern bei anderen Menschen mit meinem Tweetthema zu tun? Warum müßte mein Mitgefühl mit dem Leid anderer Menschen dazu führen, daß ich meine Meinung ändere und immer wieder etwas versuche, was in meinem Leben nie gut war und was dazu führen könnte, daß ich zerbreche?

Der letzte Teil dieses Gesprächs hat mir sehr weh getan! Ich verlange nicht, daß irgendjemand mich versteht. Ich verlange auch nicht, daß irgendjemand meine Meinung teilt. Ich gehe nicht einmal davon aus, daß irgendjemand Mitleid mit mir haben muß. Ich bin durchaus bereit, die Ansichten anderer Menschen zu lesen und anzuhören. Ich denke auch über die Ansichten, die in solchen Gesprächen geäußert werden nach. Niemand muß mich mögen, niemand muß mich sympathisch finden. Aber diese Vorwürfe, weil ich meine Meinung zu einem für mich sehr schmerzhaften Thema nicht ändere?
Nein, wirklich nein. Ich bin froh, daß es mir mittlerweile so gut geht, daß ich den letzten Teil dieses Gesprächs nicht persönlich nehme. Weh getan haben mir diese Worte trotzdem – eben auch, weil sie keinerlei hilfreichen Inhalt hatten. Sie haben mich nur verletzt, sie haben mich nicht nachdenklich gemacht! Schade, nicht wahr?

Rotweinkuchen

Was passiert, wenn man über Rotweinkuchen twittert? Man wird nach dem Rezept gefragt. Und da ich gute Rezepte (ja, ich mag das Rezept sehr!) auch gerne teile, veröffentlichte ich hier jetzt dieses Rezept (das allerste Rezept in meiner „Blogkarrriere“).

Zutaten:
300g Butter
300g Zucker (ich persönlich nehme nur 200g Zucker)
6 Eier
1/8l süßer Rotwein (ich hatte einen lieblichen Ahr Spätburgunder, den ich allerdings nur zum Backen verwende)
300g Mehl
1 Päckchen Backpulver
1,5 Teelöffel Kakolao
1 Teelöffel Zimt
100g geriebene Bitterschokolade (gute Sorte nehmen!)

Aus den Zutaten einen Teig zubereiten. Dabei Eier einzeln unterrühren (jeweils eine Minute rühren). Teig in eine Napfkuchenform füllen. Bei 175 Grad ungefähr 60 Minuten backen (nach 50 Minuten vorsichtshalber mit einem Stäbchen überprüfen).

Viel Erfolg und vor allem Genuß!

Gedanken über meine Twitterauszeit

Seit über zwei Monaten nutze ich Twitter nicht mehr aktiv und ein Ende dieser Auszeit ist im Moment nicht abzusehen. Vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, um meine Gründe für die Auszeit und meine Gedanken hier festzuhalten.

Der Auslöser
Meine Auszeit hatte einen konkreten Auslöser. Ich fühlte mich Anfang September auf sehr unangenehme Weise beobachtet. Ich hatte hier schon berichtet, daß mich jemand in diesem Sommer mehrfach zutiefst verletzt hat. Seit Ende August folge ich diesem Menschen nicht mehr auf Twitter. Anfang September führte ich ein thematisch relativ banales Twittergespräch. Zufällig bekam ich mit, daß dieser Mensch die Tweets meiner Gesprächspartnerin favte (meine selbstverständlich nicht). Ich war sehr unangenehm überrascht. Normalerweise ist es mir selbstverständlich völlig egal, wer welche Tweets favt oder nicht favt, in der konkreten Situation fand ich dieses Verhalten völlig daneben und unglaublich unangenehm und geschmacklos.
Ich war sprachlos und ratlos und wußte zunächst nicht, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Um eine vorschnelle und falsche Reaktion zu vermeiden, habe ich beschlossen, mich erst einmal zurückzuziehen und nachzudenken.

Was tun?
Ich zog mich also zurück und dachte über Reaktionsmöglichkeiten nach.
* Ihn ansprechen? Nein, das kam nicht in Frage. Abgesehen davon, daß er ohnehin jedes persönliche Gespräch verweigert, hat jeder Kommunikationsversuch von meiner Seite bisher nur zu weiteren Verletzungen geführt.
* Mein Twitter-Profil privat schalten? Das hätte nichts daran geändert, daß er mir immer noch folgt.
* Ihn blockieren? So unangenehm ich sein Verhalten fand und immer noch finde, so wenig finde ich ein „Blockieren“ als Reaktion angemessen. Das Blockieren ist für mich der Schritt der ultimativen Notwehr.
* Das unangenehme Verhalten einfach ignorieren? Nein, dafür störte es mich zu sehr.

Wie ich es auch drehte und wendete, ich fand keinen Weg, den ich in dem Moment als gut und richtig empfand. Also schwieg ich.

Die Eigendynamik der Auszeit
Ich war davon ausgegangen, daß mir Twitter und die Twittergespräche schnell fehlen würden. Aber je länger ich schwieg und nachdachte, desto geringer wurde meine „Twittersehnsucht“. Anfangs las ich noch im „alten Ausmaß“ mit, aber nach und nach schaute ich nur noch gelegentlich vorbei. Twitter wurde unwichtig und das in mehrfacher Hinsicht. Ich nutzte es zwar noch als Informationstool (insbesondere zur DSGVO), aber eben nicht mehr für Gespräche. Ich hatte nicht das Bedürfnis, irgendetwas zu erzählen. Alles, was ich in dem Moment machte, las oder dachte kam mir unwichtig vor (das ist auch immer noch so!) und die Tatsache, daß meine Abwesenheit nur wenigen Menschen auffiel, empfand ich in diesem Punkt als wunderbar passende Bestätigung. Es ging mir nie darum, „vermisst“ zu werden – aber die Tatsache, daß meine Abwesenheit nur wenigen Menschen auffiel, hat es mir viel leichter gemacht, wegzubleiben. Und so verstärkte sich nach und nach das Gefühl, das ich gar nicht twittern möchte. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Bisherige Erkenntnisse
Da meine Auszeit – bis auf das Verlinken von Blogbeiträgen – ja noch nicht vorbei ist, kann ich nur von meinen vorläufigen Erkenntnissen berichten.

Sieht man, wer fehlt?
Twitter lebt von der Sichtbarkeit. Wer schreibt wird gesehen, wer nicht schreibt, existiert (zumindest virtuell) nicht. Ich glaube nicht, daß mir die Abwesenheit von Twitterern aus meiner Timeline wirklich aufgefallen wäre, noch weniger glaube ich, daß ich sie (wenn ich es gemerkt hätte) auf ihre Abwesenheit angesprochen hätte. Das führt zu der spannenden Frage, ob virtuell überhaupt Nähe und Verbindung entstehen kann. Bis Mitte Juni hätte ich diese Frage bejaht, mittlerweile bin ich da sehr skeptisch. Es ist erst einmal eine scheinbare Nähe. Wirkliche Nähe und Verbindung können meines Erachtens erst dann entstehen, wenn der Kontakt über das öffentliche Twittergespräch hinausgeht – ohne persönliche Gespräche (egal über welchen „Kanal“) können Bekanntschaft oder Freundschaft weder entstehen noch bestehen. Dabei kommt es gar nicht auf die Häufigkeit der Kontakte an, wichtig ist meines Erachtens vielmehr der Aspekt der Gegenseitigkeit. Einseitigkeit tötet sowohl das Entstehen als auch das Bestehen von Bekanntschaft oder Freundschaft. Ich als Meisterin der gekappten und nicht mehr angeknüpften Gesprächsfäden weiß, wovon ich rede.

Die Rolle als stille Beobachterin
In meiner Rolle als stille Beobachterin habe ich meine Timeline ganz anders wahrgenommen als in meiner vorherigen Rolle als aktiv Twitternde. Das Blickfeld verändert sich, wenn man nicht durch Interaktionen abgelenkt wird. Ich habe sowohl die Vielfalt als auch die Problematik von Polarisierung und Ausgrenzung anders wahrgenommen. Meine Timeline habe ich bewußt sehr bunt zusammengestellt – das ist einerseits bereichernd, andererseits manchmal auch schwer zu ertragen – gerade dann wenn Menschen, denen ich folge Inhalte twittern, die ich politisch und/oder gesellschaftlich völlig ablehne. Als stille Beobachterin ist mir diese Bandbreite mit ihren Vor- und Nachteilen noch einmal sehr deutlich bewußt geworden.

Folgen und Entfolgen
Folgen und Entfolgen sind im Moment sowohl für mich persönlich als auch allgemein heikle Themen.
Persönlich entfolge ich eher selten. Gelegentlich paßt die thematische Ausrichtung nicht oder nicht mehr, gelegentlich stört mich die Sprachwahl, oft sind dies dann Twitternde, die mir ohnehin nicht folgen. Meist denke ich auch relativ lange darüber nach, ob ich entfolge oder nicht.
Auch die Entscheidung, dem Menschen nicht mehr zu folgen, der mich verletzt hat, habe ich mir nicht leicht gemacht. Eine gewisse Zeit lang hatte ich – so wie von ihm gewünscht – noch auf Freundschaft oder Bekanntschaft gehofft. Als sich sehr deutlich abzeichnete, daß beides völlig unerreichbar war, habe ich meine Entscheidung getroffen. Es war eine Entscheidung, die mir schwer gefallen ist, aber sie war notwendig und sie enthält eine sehr klare Botschaft: ich glaube nicht mehr an die Möglichkeit einer Freundschaft oder Bekanntschaft mit ihm. Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen und ich kann die Verletzungen auch nicht einfach vergessen. Ich habe ihm meine Entscheidung (daß ich still leise und gehen werde) sogar in einer Antwort auf einen mich verletzenden Tweet mitgeteilt. Die Tatsache, daß er mir trotzdem weiterfolgt, fühlt sich zusammen mit dem oben geschilderten Verhalten falsch an.
Ein anderer Bereich, den ich im Moment heikel finde und der mir erst als Beobachterin wirklich aufgefallen ist: die Aufrufe bestimmten Menschen zu entfolgen, weil sie zu weit nach rechts gerutscht sind. Ich folge einigen Menschen, deren politische Ausrichtung ich so gar nicht teile. Aber auch diese Ansichten fallen unter die Meinungsfreiheit und ich finde es nicht unwichtig, die Gedanken und Argumente gelegentlich zu lesen (auch wenn ich dann oft sehr schwer schlucke). Soweit möglich versuche ich aber das Faven und Retweeten dieser Accounts zu vermeiden. Ich möchte an diese Accounts gerade keine positiven Signale senden. Der Hinweis, daß ein Account sich inhaltlich verändert hat, mag durchaus richtig und wichtig sein, Entfolgeaufrufe empfinde ich aber als Einschränkung meiner Informationsfreiheit.

Was nun?
Gute Frage! Ich habe mich unglaublich weit von meinen „alten“ Twitteraktivitäten entfernt und dabei einige Klarheit gewonnen, aber auch viele neue Fragen gefunden, die ich für mich noch gar nicht beantworten kann.

Was mir auf der persönlichen Ebene klar geworden ist: ich wünsche mir, daß „er“ mir nicht mehr folgt. Auch wenn ich Twitter im Moment nicht aktiv nutze, finde ich, daß es ihn nichts angeht, was ich mache, lese oder denke. Ich habe von seiner Seite kein einziges Bemühen um das Entstehen einer Freundschaft oder Bekanntschaft erkennen können, nur das schweigende Folgen. Daran kann ich nichts Positives, nichts Verbindendes erkennen – diese Beharrlichkeit hätte ich mir für das Bemühen um eine Freundschaft oder Bekanntschaft gewünscht, aber so war es halt nicht und dann paßt das weitere Folgen einfach nicht.
Blockieren empfinde ich nach wie vor als Notlösung, die ich nicht ergreifen möchte. Mir ist aber auch klar geworden, daß die Frage, ob er mir noch folgt oder nicht nur ein kleiner Mosaikstein in meiner Entscheidung ist. Die Verletzungen im Sommer haben mich verändert. Mir fehlen die Leichtigkeit, der Mut, die Spontanität und die Freude, mich auf virtuelle öffentliche Gespräche einzulassen (per DM geht es einigermaßen, wobei ich selten Gespräche beginne). Ich mag einfach nichts spontan und ungefiltert erzählen oder berichten, ich brauche den (gedanklichen) Filter von Zeit und Korrekturrunde, so daß ich mich im Moment auf (durchaus persönliche) Blogbeiträge beschränke.

Ganz allgemein beschäftigt mich, ob Twitter eigentlich ein virtuelles Panoptikum ist und wie Menschen generell im virtuellen Bereich miteinander umgehen. Aber dazu werde ich vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt etwas schreiben.

Und nein, im Moment sieht es nicht so aus, als ob ich „bald“ zu Twitter „zurückkomme“. Wer mich „vermisst“, kann mich aber problemlos per DM, Threema oder unter den Kontaktdaten im verlinkten Impressum erreichen! Meistens antworte ich relativ schnell….

Was ich mir wünsche…..

In den letzten Wochen und Monaten habe ich sehr stark auf vergangene Zeiten, vergebliche Hoffnungen und geschlossene Türen geschaut. Meine Gedanken dazu habe ich hier und hier in Blogbeiträgen festgehalten, außerdem habe ich auch angefangen meine Erinnerungen an die Begleitung meiner Mutter bis zu ihrem Tod unter „Erinnerungen 2017“ aufzuschreiben, wobei diese Erinnerungen für mich schöne Erinnerungen sind, die ich mir für die Zukunft bewahren möchte!

Aber nicht alle Erlebnisse der letzten Zeit habe ich so gut verarbeiten können – das hat man meinen Tweets und vielen Blogbeiträgen seit Ende Juni deutlich angemerkt. Es ist wohl sehr menschlich, in schwierigen Zeiten auf geschlossene Türen zu schauen und immer wieder nach dem „warum“ zu fragen. Bei mir ist diese Herangehensweise besonders stark ausgeprägt, da ich immer sehr „kritisch-analytisch“ an alles herangehe. Was im Berufsleben wichtig und vorteilhaft ist (ich finde fast jedes Haar in der Suppe….), macht manches eher private Erlebnis nicht unbedingt leichter. Es gehört zu mir, daß ich diesen Weg so gegangen bin und auch noch gehe. Das heißt aber nicht, daß ich nicht auch nach vorne schaue, mich auf manches freue und auch (bis auf den einen „bekannten Bereich“) hoffe. Und so habe ich in den letzten Tagen eine Art „Wunschliste“ erstellt, denn es ist ja gerade die Jahreszeit der Wunschlisten. Manche Wünsche kann ich mir (relativ problemlos) selbst erfüllen, manche Wünsche sind eher eine Frage der Zeit oder der Selbstdisziplin und für manche Wünsche hoffe ich auf eine wohlwollende „Wunscherfüllungsinstitution“ egal, ob es sich dabei um den Nikolaus, den Weihnachtsmann, meine Mutter im Himmel, das Schicksal oder das Universum handelt. Es handelt sich hierbei nur um persönliche, nicht um politische oder gesellschaftliche Wünsche. Das mag in den aktuellen Zeiten egoistisch sein, aber nur wenn es mir zumindest einigermaßen gut geht, kann ich mich sinnvoll mit politischen oder gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen.

Hier also meine aktuelle „Wunschliste“ (die sich natürlich wahnsinnig schnell verändern kann). Ich wünsche mir, daß……

* ich den 01.12., den 05.12. und den 13.12. als Tage mit wunderbaren Erinnerungen und neuen schönen Erlebnissen in Erinnerung an die Zeit mit meiner Mutter feiern kann. Es wird noch einmal eine sehr ambivalente Zeit werden und ich habe bewußt keine beruflichen Termine auf diese in meiner Erinnerung so wichtigen Tage (01.12. – Begleitung meiner Mutter ins Hospiz, 05.12. – Todestag meiner Mutter, 13.12. – Beerdigung meiner Mutter) gelegt. Und nein, ich werde an diesen Tagen nicht auf den Friedhof gehen, sondern – so wie meine Mutter es sich immer gewünscht hat – an für mich schönen Orten bei gutem Essen an sie denken. Vielleicht werden auch ein paar Tränen fließen aber es werden gute Tränen sein.
* ich dieses Jahr wieder die Zeit und die Gelegenheit finde, ein paar schöne Weihnachtsmärkte zu erkunden. Wer einen guten Tipp hat oder mich begleiten möchte, darf sich gerne melden.
* die vielen bunten Theateraufführungen und Ausstellungen, die ich in diesem Jahr besucht habe und demnächst noch besuchen werde, meine Seele langsam wieder „bunt färben“.
* ich weiter wunderbare Theateraufführungen und Ausstellungen erleben und besuchen darf (gerne auch in Begleitung – „Vorschläge sind jederzeit willkommen).
* meine geplante Reise nach Österreich mit (Weihnachtsmarkt-) Besuchen in Wien, Salzburg und Innsbruck so wunderbar wird, wie ich mir das bei der Planung und Reservierung ausgemalt habe.
* es irgendwann im Dezember bei uns schneit.
* ich wieder mehr zum Lesen komme – ein genügend großer Buchvorrat ist vorhanden, aber in den letzten anderthalb Jahren bin ich kaum dazu gekommen. Schwierige Zeiten lassen manchmal wenig Zeit zum „Abtauchen“……
* ich es endlich schaffe, mein Büro mal richtig aufzuräumen….. (dieser Wunsch würde auf einer Wunschliste meiner Mutter auch ganz oben stehen…..).
* ich wieder dazu komme, neue Kochrezepte auszuprobieren. In den letzten Monaten hatte ich dazu nur selten Lust und Kraft. Möchte jemand „Versuchskaninchen“ sein?
* ich die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel wieder so genießen kann, wie letztes Jahr – durchaus mit ambivalenten Gefühlen und Gedanken, aber ohne Bitterkeit, Traurigkeit und Schmerz.
* ich endlich den „Bügelwäscheberg“ bezwinge.
* ich es schaffe, bestehende und auch „eingeschlafene“ Bekanntschaften und Freundschaften zu bewahren beziehungsweise wiederzubeleben. Ich bin sehr stark themenorientiert und weniger beziehungsorientiert. Wenn es keine gemeinsame „Aufgabe“ gibt, dann schlafen Kontakte schnell ein, ohne daß mir das wirklich auffällt. Einmal gerissene Gesprächsfäden kann ich nur selten wieder aufnehmen, es fehlen mir oft einfach die Anknüpfungspunkte.
* ich wieder neugierig auf Menschen bin und mich auf Gespräche mit (noch unbekannten) Menschen freue.
* ich in der Nähe und Ferne schöne Orte entdecken darf.
* ich es schaffe, das Treppengeländer draußen abzuschleifen und zu streichen (wer meine diesbezüglichen „Begabungen“ kennt, ahnt, wie groß dieser Wunsch ist).
* ich den Garten endlich gebührend pflegen und genießen kann.
* die Traurigkeit und der Schmerz aus den „sommerlichen Ereignissen“ weiter nachlassen und bald ganz verschwinden, so daß sie irgendwann nur noch eine mahnende und warnende Erinnerung an eine für mich schlimme Zeit sind.
* ich einen Weg finde, Twitter wieder zu nutzen.
* ich gesund bin und bleibe.
* ich wieder zu kreativen Gedanken, Ideen und Herangehensweisen fähig bin.
* ich wieder ohne konkreten Anlaß lächeln und lachen kann.
* ich wieder offen für neue Entdeckungen, Themen, Ideen und Gedanken bin.
* ich mich wieder auf meinen 50. Geburtstag im nächsten Jahr freue und einen schönen Weg finde, diesen Tag zu verbringen und zu genießen.
* ich das ehemalige Schlafzimmer meiner Mutter in ein Zimmer für mich „umwandeln“ kann. Ein paar Ideen habe ich schon…..
* ich wieder regelmäßig dazu komme, meine „drei Seiten“ zu schreiben.
* ich wieder mehr dazu komme, Blogbeiträge zu schreiben.
* ich es endlich schaffe, das im Januar 2018 begonnene „Projekt Lebensfreude“ weiterzuführen.
* Ruhe, Zufriedenheit und Gelassenheit als wesentliche Teile eines glücklichen Alltags wieder einkehren.
* die nächsten Wochen und Monate einfach schön werden.

Mein Sommer – ein Drama in drei Akten

Manchmal verändern einen Ereignisse mehr als man denkt. Manches – so schwierig es sein mag – macht uns stärker. Manches, was zum normalen Leben gehört, wirft uns um und läßt uns Dinge an und in uns sehen, die wir nicht sehen möchten, die uns schwach, negativ und angsterfüllt erscheinen lassen. Ich bin in den letzten Monaten durch ein solches tiefes Tal gegangen. Manche haben mich auf einem Teil dieses Weges begleitet.
Mit diesem – noch einmal sehr persönlichen – Beitrag möchte ich versuchen, diese Zeit abschließen. Es ist kein schöner Blick auf mich, aber ich möchte noch einmal offen und ehrlich sein – auch weil ich über Twitter viel Unterstützung gefunden habe. Es war eine Zeit, die für mich viel in Frage gestellt hat – mehr als man von außen vermuten könnte und ich kann die Veränderungen für die Zukunft in vielen Punkten noch gar nicht einschätzen. Darf ich die Leserinnen und Leser um ein wohlwollendes Lesen bitten und daß sie mir – wenn sie sich möglicherweise verwundert die Augen reiben – zugute halten, daß ich es so schildere, wie ich es aus meiner Sicht erlebt und vor allem empfunden habe?

Mein Sommer – ein Drama in drei Akten

Dieser Sommer war für mich kein schöner Sommer und damit meine ich jetzt nicht das Wetter. Es fand leider etwas statt, das ich als Drama in drei Akten erlebt und empfunden habe. Dieses Drama hat auch dazu geführt, daß ich Twitter nicht mehr gerne nutze und als letzten Moment der Offenheit möchte ich diese Geschichte erzählen.

Prolog
tl;dr: Graue Maus aus Wuppertal trifft sich in Hamburg mit obercoolem Twitterer aus Norddeutschland. Das Drama beginnt.

Es war ein völlig normales kurzes Twittergespäch, das zu der Idee eines Treffens führte. Wir sprachen über Eisessen und irgendwann schrieb er ein (ohnehin nicht ernstgemeintes) „komm vorbei“. Da ich kurz danach wegen der Teilnahme an einer Tagung nach Hamburg reisen sollte entstand die Idee eines Treffens in Hamburg.

1. Akt
tl;dr: Graue Maus aus Wuppertal verliebt sich in obercoolen Twitterer aus Norddeutschland. Kein Happy End.

Per DM hatten wir grob den ersten Tag meiner Hamburg Zeit als einzig möglichen Termin für ein Treffen „ausgemacht“, eine konkrete Verabredung gab es nicht. Erst als ich schon im Zug nach Hamburg saß, haben wir uns für den Abend verabredet und auch tatsächlich getroffen. Über dem Treffen lag aus meiner Sicht eine seltene Vertrautheit, geknistert hat es an dem Abend nicht, es war einfach eine schöne Begegnung.
In den Tagen nach dem Treffen fand jedoch (von beiden Seiten) ein sehr reger DM-Austausch statt. Es waren sehr schöne Gespräche mit vielen unterschiedlichen Themen – er sprach (zutreffenderweise) von einem Wollknäuel von Themen. Wir planten (auf seine Initiative) einen gemeinsamen Besuch der Herrenhäuser Gärten, ich sollte ihn in Norddeutschland besuchen und wir haben uns (während er auf einer Geschäftsreise war) kurz in Köln getroffen.
Irgendwann in der Zeit der intensiven DM-Gespräche habe ich mich verliebt. Ich war immer offen und ehrlich und habe gerade an dem Tag vor dem Treffen in Köln aus meinen Gefühlen keinen Hehl gemacht. Leider hat er seine Zweifel und seinen Unwillen, eine Beziehung einzugehen, nie angesprochen. Weiter ging es mit den privaten Nachrichten. Wenige Tage später teilte er mir dann – nach einer kurzen DM-Pause – per DM mit, daß er keine Beziehung wolle. Meine Bitte nach einem Telefongespräch lehnte er rigoros ab. Ich mußte in der DM fürchterlich abgedroschene Sätze lesen. Sätze, die mir heute noch weh tun und die sich in vielerlei Hinsicht (wie zum Beispiel sein Wunsch nach Freundschaft) als inhaltsleer und unwahr herausgestellt haben. Es tat vor allem sehr weh, daß er mich in meinen Gefühlen zunächst bestätigt hat, obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon Zweifel hatte. Um sich alle Optionen offen zu halten hat er meinen Schmerz bewußt verstärkt.

2. Akt
tl;dr: Graue Maus aus Wuppertal will sich auf Freundschaft mit obercoolem Twitterer aus Norddeutschland einlassen. Kein Happy End.

Ich konnte mir an dem Abend der „Ich-will-keine-Beziehung-mit-Dir-DM“ keine Freundschaft vorstellen. Ich fand das nach einer Abweisung schon immer schwierig und mir hat seine Entscheidung und seine DM sehr weh getan. Ich konnte in den darauf folgenden Tagen kaum schlafen, ich konnte mich kaum konzentrieren und daher auch kaum arbeiten und ich konnte auch kaum etwas essen. Es war eine sehr traurige und sehr schwierige Zeit, deren Auswirkungen ich sehr lange gespürt habe (ich habe meine nach 2017 ohnehin begrenzten finanziellen Reserven wieder aufgebraucht, ich konnte Aufträge nur schlecht bearbeiten und ich habe stark abgenommen).
Wenige Tage nach der DM bin ich nach Berlin zu einer Konferenz gefahren, die ich jedes Jahr zur eigenen Weiterbildung besuche. Es war fürchterlich. Zu Gesprächen mit anderen Menschen war ich nicht in der Lage, am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst. Wann immer es möglich war bin ich Gesprächen regelrecht aus dem Weg gegangen.
Kurz vor der Rückfahrt nach Wuppertal saß ich bei einer Tasse Earl Grey auf dem Gendarmenmarkt und habe nachgedacht. Ich habe zumindest versucht, mich einen Moment lang in seine Lage zu versetzen. Ich fand die Vorgehensweise definitiv nicht toll, ich hätte mir auch definitiv eine andere Entscheidung gewünscht, trotzdem konnte ich in dem Moment „anerkennen“, daß ihm die Entscheidung nicht leicht gefallen war und er sich in der Situation auch nicht wohlfühlte. Ich war daher bereit, auf seinen Wunsch nach Freundschaft einzugehen.
Am selben Abend schrieb ich ihm vom heimischen Rechner eine DM, daß ich bereit sei, das Treffen in Köln aus meinem Gedächtnis zu streichen und ein Buch der Freundschaft zu öffnen und mit ihm gemeinsam zu füllen. Er antwortete, daß er sich darüber freue.

Freundschaft braucht Gespräche und so habe ich versucht, ähnlich wie zuvor (nur halt in geringerem Ausmaß und mit weniger persönlichen Inhalten) per DM im Gespräch zu bleiben. Das fiel mir nicht leicht, im Gegenteil – aber ich wollte die kleine Chance auf eine Freundschaft wahren. Meist kamen auf meine DMs kurze, knappe Antworten, nie Gegenfragen, nie fing er von sich aus ein Gespräch an. Ja, irgendwann habe ich das gemerkt. Ich habe ein paar Tage gar keine DMs geschrieben und dann habe ich das angesprochen, weil ich offen und ehrlich damit umgehen wollte. Wie weh tat es mir als ich dann lesen mußte, daß er halt ganz anders sei als ich erwartet hätte und daß ich halt falsche Erwartungen habe. Mehr nicht. Der Mensch, der vorher täglich umfangreiche DM-Gespräche mit mir geführt hat, schrieb mir das. Was hieß das für mich? Daß es nie um Freundschaft ging? Daß für ihn Freundschaft komplett ohne Gespräche existiert? Daß er überhaupt kein Interesse an Gesprächen mit mir hatte? Ich weiß es bis heute nicht, denn nach der „Ich-will-keine-Beziehung-mit-Dir-DM“ war ein persönliches Gespräch überhaupt nicht mehr möglich. Und nach diesem Gespräch gab es halt keine DMs mehr.
Wieder etwas, das mir sehr weh tat und mich sehr traurig gemacht hat.

3. Akt
tl;dr: Graue Maus aus Wuppertal versucht wenigstens die flüchtige Twitterbekanntschaft mit dem obercoolen Twitterer aus Norddeutschland zu bewahren. Kein Happy End.

Nach einigen Wochen des Schweigens habe ich versucht, wenigstens die Twitterbekanntschaft zu bewahren. Ich habe auf einen Tweet reagiert und ich habe ihn auch bewußt in einem öffentlichen Twittergespräch erwähnt. Wie von mir vermutet nahm er das Gespräch auf. Das Gespräch war in Ordnung, aber nicht herausragend. Mir fehlte die Freude und Leichtigkeit bei diesem Gespräch. Aber es sah zumindest so aus, als ob öffentliche Twittergespräche weiter möglich seien.
Bald danach sah ich aber, daß er kurz nach dem Gespräch einen Tweet geschrieben hatte, der mich gleich doppelt traf und verletzte. Es ging in diesem Tweet um Menschen für heiße und kalte Nächte und um Menschen, die für immer bleiben. Ich hatte im Juni ja schon verstanden, daß er auf keinen Fall eine Beziehung mit mir wollte. Aber mir noch einmal so deutlich mitzuteilen (ohne mich namentlich zu erwähnen), daß ich für eine Beziehung nie in Frage gekommen war, hat mich sehr getroffen. Ich wußte immer, daß ich bei der Verteilung weiblicher Attraktivität nicht anwesend war, daß ich keine „Esmeralda“ bin. Aber seit diesem Tweet fühle ich mich wie das weibliche Äquivalent von Quasimodo. Und ich wußte auch sofort, daß ich nicht zu den Menschen gehöre, die für immer bleiben. Denn um zu bleiben muß man erst einmal ankommen, muß man irgendeinen noch so kleinen Platz im Leben eines anderen Menschen haben. Diesen Platz hatte ich nie. Mir wurde klar, daß nicht einmal eine Twitterbekanntschaft möglich sein würde.
Es tat wieder sehr weh und ich war sehr traurig.

Epilog
tl;dr: Graue Maus aus Wuppertal zieht sich in ihr Mauseloch zurück. Keine weiteren Nachrichten.

Wenn ich über die letzten Monate nachdenke, dann komme ich immer wieder zu drei Schlüssen.
Der erste Schluß ist: „Wer Hoffnung sät, sollte auch ernten wollen.“ Ich finde diesen Satz unglaublich wichtig. Als ich nach Hamburg fuhr, war ich nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Ich wollte einen netten Abend verbringen, Bekanntschaft oder Freundschaft wären auch in Ordnung gewesen. Mehr wollte ich nicht. Es gab genug Gelegenheiten, den Austausch auf der rein freundschaftlichen Ebene zu belassen. Leider hat er – trotz seiner Zweifel – bei mir eine Hoffnung wachgerufen, die vorher nicht da war, die er aber auch gar nicht erfüllen wollte.
Damit komme ich zu dem zweiten Schluß: „Nie wieder“. Abweisungen und Verletzungen sind nicht schön. Davon direkt drei in kurzer Zeit zu erleben ist noch einmal schlimmer. Und letztlich stehen diese Abweisungen und Verletzungen mit den Abweisungen und Verletzungen der Vergangenheit in einer Reihe. Die Botschaft des Schicksals ist eigentlich ganz einfach: Liebe und Beziehung stehen in meinem Leben nicht zur Verfügung. Ich hatte das auch früher schon verstanden, die Erfahrung dieses Sommers wäre dafür nicht notwendig gewesen. Es ist besonders grausam, daß die Hoffnung für ein paar Tage geweckt wurde und ich sie jetzt mühsam und langwierig wieder begraben muß. Das ist ein langer Prozess und ich habe sie diesmal hoffentlich tief genug begraben.
Der dritte Schluß: jemand hat einmal auf Twitter geschrieben „Es sind niemals nur Worte“. Das ist wahr. Worte können uns tiefes Glück schenken und zutiefst Hoffnungen zerstören. Ich habe beides innerhalb kürzester Zeit erlebt.

Seit Ende August folge ich ihm nicht mehr bei Twitter. Ich vermute, daß er das bemerkt hat. Trotzdem folgt er mir immer noch und ich verstehe nicht warum. Soll das ein (falsch verstandenes) Zeichen freundschaftlichen Mögens sein? Soll es Mitleid sein? Soll es die heimliche (oder gar un-heimliche) Freude sein, sich richtig entschieden zu haben? Ich weiß es nicht und ich werde es wohl auch nicht mehr erfahren. Was auch immer der Grund ist – über ein Gespräch oder zumindest einen ernsthaften persönlichen Gesprächsversuch hätte ich mich mehr gefreut. In der ganzen Zeit seit Ende Juni gab es von seiner Seite leider nur zwei halbherzige öffentliche Gesprächsversuche, irgendein Bemühen um die angeblich von ihm gewünschte Freundschaft konnte ich zu keinem Zeitpunkt erkennen.
Besonders unangenehm fand ich, daß er (als ich ihm schon nicht mehr folgte) in einem relativ banalen Gespräch die Tweets meiner Twittergesprächspartnerin favte (meine natürlich nicht). Ich hatte plötzlich das Gefühl beobachtet zu werden, diese Vorgehensweise fühlte sich für mich verdammt falsch an. Ich habe das nur durch Zufall mitbekommen und mich danach komplett von Twitter zurückgezogen, um in Ruhe nachdenken zu können. Es fühlt sich insgesamt falsch an, daß jemand der jedes persönliche Gespräch verweigert und der nur durch Abweisungen, Kälte und Desinteresse „glänzt“, mir noch folgt.

Weitere Aufführungen?
Nein. Die graue Maus geht zwar gerne ins Theater, sie liest auch gerne Dramen, aber für weitere Rollen in irgendwelchen Dramen steht sie nicht zur Verfügung.

Was in den letzten 12 Monaten geschah …..

Die letzten zwölf Monate waren in vieler Hinsicht voller persönlicher Herausforderungen für mich. An manchen Herausforderungen bin ich gewachsen, manche Herausforderungen haben mich traurig, verletzt und ratlos zurückgelassen. Ich möchte in diesem Beitrag für die Menschen, die sich über mein Schweigen wundern, zusammenfassen, was sich alles „ereignet“ hat und wie ich mich in den letzten zwölf Monaten gefühlt habe. Vielleicht könnt Ihr meinen Rückzug und meine Entscheidungen dann ein bißchen besser verstehen. Und weil das alles ganz subjektiv ist und nur meine Sicht der Dinge und meine Gefühle beinhaltet, beginne ich auch jeden Abschnitt mit „ich“. Zu einigen Themen werde ich im Laufe der Zeit aber noch weitere Blogbeiträge schreiben beziehungsweise veröffentlichen.

Die letzten 12 Monate …..
Ich habe meine Mutter bis zu ihrem Tod intensiv begleitet. Gerade die letzten Wochen ab Anfang November letzten Jahres waren schwierig aber auch sehr bereichernd. Es war schön, daß ich meiner Mutter noch so viel Zeit und meine Unterstützung schenken konnte. Das hat uns einen wunderbaren Abschied erlaubt. Mich hat der Satz, den sie mir kurz vor der Fahrt ins Hospiz gesagt hat „Es war schön mit Dir“ seitdem begleitet.

Ich habe meine Mutter auf der Fahrt ins Hospiz begleitet. Dabei konnte ich sogar ihren Wunsch erfüllen, auf dieser Fahrt nicht zu weinen. Ihr „weine nicht“ höre ich immer noch. Ich bin froh, daß ich sie auf dieser Fahrt lächelnd begleiten konnte – das war die letzte „Reise“ ihres Lebens.

Ich habe mich von meiner toten Mutter verabschiedet. Ihre Hände waren noch warm, als ich zum Abschied ins Zimmer kam. Ich habe sie gestreichelt, mich verabschiedet und noch ein paar Erinnerungsfotos für mich gemacht.

Ich habe meine Mutter begraben. Es war ein wunderbarer Abschied, für den ich heute noch dankbar bin. Es war auch wunderbar, daß Menschen mich an dem Tag begleitet haben, die meine Mutter nicht oder nur flüchtig kannten.

Ich mußte feststellen, daß manche Menschen die Entscheidungen meiner Mutter zu ihrer medizinischen Behandlung zu Lebzeiten und zu ihrem Begräbnis nicht respektieren können und mir gegenüber immer wieder – auch jetzt noch – in Frage stellen. Diese Gespräche kosten unglaublich viel Kraft.

Ich habe mich in die Arbeit gestürzt, um die Zeit, in der ich wegen der Begleitung meiner Mutter nur wenig verdienen konnte, langfristig wieder „auszugleichen“.

Ich habe festgestellt, daß der Tod der „Hauptperson“, die familiären Konstellationen stark verändert. Auf dem Papier habe ich eine große Familie, in der Realität ist das völlig anders. Es fühlt sich komisch an, praktisch keinen Kontakt mehr zu anderen Familienmitgliedern zu haben. Und ja, ich weiß, daß das vor allem an mir liegt.

Ich habe viele Orte besucht, an denen ich auch schon mit meiner Mutter war. Es waren selten bewußte Besuche, oft war es eher Zufall. Ich habe dort eine wunderbare Ambivalenz meiner Gefühle erlebt. Einerseits war ich im Moment der Erinnerung kurz traurig und dachte „schade, daß meine Mutter nicht dabei sein kann“ und im gleichen Moment konnte ich denken „schön, daß ich mit meiner Mutter hier war“. Es war wunderbar, dies an ganz vielen – oft auch unscheinbaren Orten – immer wieder zu erleben.

Ich habe festgestellt, daß meine Art mit Tod und Sterben umzugehen und darüber auch zu sprechen, für viele Menschen ein Problem darstellt. Es gab nach dem Tod meiner Mutter einige gute Gespräche, es gab aber auch so manches irritierende und abgebrochene Gespräch. Manche haben auch immer noch nicht mitbekommen, daß meine Mutter letztes Jahr gestorben ist. Auf die Frage „wie geht es Ihrer Mutter“ reagiere ich meist lächelnd mit einem „letztes Jahr Anfang Dezember gestorben“. Das ist für die Fragenden oft sehr schwierig, aber der Tod meiner Mutter ist für mich nichts wirklich Trauriges mehr.

Ich habe viele Ausstellungen besucht, die mich persönlich interessieren. Oft habe ich dafür Tagesausflüge oder kürzere Reisen unternommen.

Ich hatte wieder mehr Zeit zum Kochen und habe viele neue Rezepte ausprobiert – nicht alle Versuche waren gut, aber einige Rezepte haben mich wirklich überzeugt.

Ich habe mich verliebt und wurde – wie immer in meinem Leben – abgewiesen.

Ich habe Menschen in mein Leben gelassen und auch wieder verloren. Ein Mensch hat mich mehrfach und sehr tief an meiner Seele und in meinem Herzen verletzt. Aus dem Gefühl einer wunderbaren Seelenverwandtschaft, die ich so noch nie erlebt hatte, wurde eine offene eiternde Wunde, die sich langsam in eine häßliche Narbengeschwulst verwandelt.

Ich habe in der dunklen Zeit der Abweisung und in den durchwachten tränenreichen Nächten Ende Juni und Anfang Juli sehr viel Unterstützung über Twitter bekommen. Dafür bin ich nach wie vor sehr dankbar, auch wenn ich auf den Anlaß gerne verzichtet hätte.

Ich habe (unfreiwillig) stark abgenommen, in den letzten Monaten bin ich zudem stark gealtert – ich merke das, wenn ich in den Spiegel schaue.

Ich habe mich mit wunderbaren Reisen getröstet. Stralsund mit einem Ausflug nach Binz, Trier mit dem Twittertreffen und Wittenberg mit der Erlebnisnacht waren wahre Highlights. Unvergessen ist mir die nächtliche Kirchenführung in Wittenberg mit dem Spruch „im tiefsten Dunkel der Nacht beginnt der neue Tag“.

Ich habe um meine berufliche Existenz gekämpft. Es war beruflich ein schwieriges Jahr. Die Herausforderungen der DSGVO, die Vielzahl der Unterrichtstage, die oft zeitlich nah beeinander lagen, die nachvollziehbare Ungeduld mancher Mandanten, weil ich innerhalb eines Jahres mehrfach „ausgefallen“ bin, die schon durch die Begleitung meiner Mutter erschöpften finanziellen Ressourcen – es gab wenig Momente, in denen ich einfach durchatmen und mich über Erfolge freuen konnte.

Ich habe – zusammen mit einem anderen Twitterer – eine Blogparade zum Thema „Freiheit“ begonnen, die ich aber nicht zuende führen konnte. Ich habe es nicht einmal geschafft, einen eigenen Beitrag zu diesem für mich wichtigen Thema zu schreiben.

Ich habe mich (zum ersten Mal in meinem Leben) auf Twitter unangenehm beobachtet gefühlt und mir die Frage gestellt, ob Twitter eine verbale Flaniermeile oder ein virtuelles Panoptikum ist. Oder beides?

Ich habe mich komplett zurückgezogen und eine ausführliche Twitterauszeit genommen, um nachzudenken und dabei festgestellt, daß meine Stimme im Konzert der Twitter-Stimmen nicht fehlt. Nur wenige aus meiner Timeline haben überhaupt gemerkt, daß ich nicht mehr da bin. Und je länger ich „weg“ bin, desto mehr wird mir bewußt, wie unwichtig meine Tweets sind – für mich selbst, aber auch für meine Timeline. Es war und ist unwichtig, ob ich etwas aus meinem Leben erzähle oder nicht, für die meisten Menschen ist es sogar unwichtig, ob es mich überhaupt gibt. Es ist irritierend und gleichzeitig auf eine gewisse Weise heilsam, sich so unwichtig zu fühlen. Nach allem, was ich in diesem Jahr erlebt habe, ist Twitter für mich kein fröhlicher und leichter Ort mehr. Im Moment kann ich mir – außer für die Verlinkung von Blogbeiträgen – jedenfalls nicht vorstellen, Twitter wieder aktiv zu nutzen.

Ich war immer eine graue Maus und habe jetzt erkannt, daß ich das auch immer noch bin. Dementsprechend habe ich mir vor ein Wochen auch nur noch graue Pullover gekauft. Meine Lieblingsfarbe „rosa“ war eine schöne Illusion, doch die Farbe der Pullover hat leider keinen positiven Einfluß auf die Pulloverträgerin.

Ich habe mit zwei Sprachkursen begonnen, damit ich einen guten Grund habe, aus dem Haus zu gehen und gleichzeitig das Gefühl habe, etwas Sinnvolles zu tun.

Ich habe mich von einem Projekt, das mir sehr am Herzen lag, verabschieden müssen, weil ich die an mich gestellten Anforderungen einfach nicht erfüllen kann. Vermutlich wird dieser Twitterkontakt auch einschlafen.

Ich habe sehr viele Theateraufführungen besucht. Manche waren gut, manche sehr gut, manche – wie die der Bremer Shakespeare Company am letzten Samstag – grandios. In vielen Stücken habe ich Stellen gefunden, die irgendwie „an mich gerichtet waren“ und es war immer schön, für ein paar Stunden in eine andere Welt einzutauchen.

Ich habe meine Freude am Small Talk, an Gesprächen mit (noch) Unbekannten und meine Neugier auf Menschen verloren und noch nicht wiedergefunden. Mehr als nur oberflächliche Freundlichkeit gelingt mir selten. Das ist auch ein Grund, warum es mir leicht fällt, auf Twittergespäche zu „verzichten“. Ob ich die Freude an solchen Gesprächen jemals wiederfinden werde?

Ich arbeite daran, die fahrlässig im Sommer geweckte Hoffnung, daß es in meinem Leben „Liebe und Beziehung“ geben könnte, tief und endgültig zu begraben. Es ist eine harte, traurige und mühsame Arbeit. Aber es macht keinen Sinn, auf etwas zu hoffen, daß nie eintreten wird. Ich habe immer nur Abweisungen erlebt, es gibt keine Erinnerung an irgendeine gute Zeit und jeder weitere Versuch, würde wohl unweigerlich zur nächsten Abweisung und Verletzung führen.

Ich habe in den letzten 12 Monaten viele Tränen vergossen und gelernt, daß es unterschiedliche Arten von Tränen gibt. Es gibt die guten Tränen, die befreien und Kraft geben. Es waren diese Tränen, die ich im November und Dezember geweint habe. Wie oft bin ich kurz aus einem Raum herausgegangen, weil die Tränen kamen; wie oft habe ich mich abgewendet und schwer geschluckt, um nicht im Beisein meiner Mutter in Tränen auszubrechen. Aber es waren gute Tränen – sie haben mir unendlich viel Kraft gegeben.
Dann gibt es noch die Tränen, die schwächen und Kraft rauben. Es sind diese Tränen, die ich seit Ende Juni in großer Zahl vergossen habe. Aus jeder dieser Tränen (und es waren sehr viele!) ist ein Stein geworden und mit diesen Steinen baue ich gerade einen dicken und hohen Schutzwall um meine Seele und um mein Herz.

Ich schaue mit sehr gemischten Gefühlen auf die letzten zwölf Monate zurück. Vieles, was mir vor einem Jahr wichtig war, ist nicht mehr wichtig. Es hat sich viel geändert und ich hätte (bis auf den Tod meiner Mutter) nichts davon vermutet. Das macht es manchmal auch schwierig, fröhlich und hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Aber bis auf den einen Lebensbereich, den ich oben gesondert erwähnt habe, bin ich grundsätzlich optimistisch veranlagt und so hoffe ich, daß die nächsten 12 Monaten Stoff für schönere Berichte liefern werden. In der Zwischenzeit verarbeite ich die oben erwähnten Themen zumindest zum Teil in Blogbeiträgen, die ich auf Twitter verlinken werde.