Fisch, Wurm und Kraut

Eigentlich ist es ganz einfach: ich wünsche mir viele spannende neue Gründungen, Projekte und Projektideen in Deutschland und generell in Europa. Aber das ist natürlich leichter gesagt als getan. Eine Herausforderung stellt immer wieder die Finanzierung neuer Ideen und Projekte dar. Und damit sind wir beim Thema „Crowdfunding“ angelangt. Wenn viele Menschen kleinere und größere Beträge zusammentun, dann lassen sich auch neue Projekte und Ideen verwirklichen. Mitunter ist es jedoch schwierig, eine genügend große Anzahl von Menschen zu überzeugen.

Helmut Thoma hat einmal gesagt, daß der Wurm dem Fisch schmecken muß und nicht dem Angler. Dieser vielzitierte Spruch ist mir spontan eingefallen, als ich die aktuellen Diskussionen um das Projekt „Krautreporter“ lesend verfolgte.

Dieser Wurm schmeckt mir nicht!
Irgendwann am Mittwoch tauchte das Projekt „Krautreporter“ vermehrt in meiner Twittertimeline auf. Natürlich war ich neugierig. Wenn so viele Menschen aus meiner Timeline über ein Projekt sprechen, dann muß ich mir das Projekt zumindest anschauen. Gedacht, getan. Pause. Große Pause.

Ganz ehrlich: dieser Wurm schmeckt mir nicht! Das ist nicht schlimm, denn vielleicht bin ich gar nicht die Zielgruppe des Projekts. Ich könnte jetzt auflisten, was mich stört, was ich vermisse, was ich anders machen würde – aber darum geht es nicht. 28 Menschen haben – sicherlich mit viel Herzblut und Zeitaufwand – ein Projekt auf die Beine gestellt. Ihr Projekt! Um dieses Projekt zu finanzieren, müssen die Projektinitiatoren jetzt 15.000 Menschen überzeugen, das Projekt mit jeweils 60 Euro zu unterstützen. Viele Menschen haben das Projekt schon unterstützt und das freut mich für die Initiatoren, denn ich wünsche Ihnen und dem Projekt Erfolg. Die Tatsache, daß ein Projekt oder eine Idee mich persönlich nicht begeistert, heißt ja glücklicherweise nicht, daß das Projekt/die Idee schlecht ist oder scheitern muß. Vielleicht bin ich einfach nicht vorausschauend genug, vielleicht verstehe ich einfach das Konzept nicht, wer weiß. Normalerweise – und das ist meines Erachtens die Crux des Crowdfundings – bekommen die Projektgründer nicht einmal mit, woran es hakt. Denn Menschen, die ein Projekt nicht unterstützen, melden sich ja selten mit Kritik oder Fragen zu Wort. Dann ist es schwierig, Mißverständnisse zu klären oder offene Fragen zu erkennen. Gunnar Sohn hat diese Problematik des Crowdfundings in einem Blogbeitrag sehr gut aufgezeigt.

Feedback oder vernichtende Kritik?
Wir alle legen unserer Entscheidung, ob wir ein Projekt beziehungsweise eine Idee unterstützen, irgendwelche „Kriterien“ zugrunde. Dabei kann es sich zum Beispiel um Sympathie oder Vertrauen in die Projektgründer handeln, die Zusammensetzung des Teams, das Konzept, die Transparenz in der Finanzierung. Diese Kriterien sind nach meinem Verständnis subjektiv, oft entscheiden wir sogar ohne uns dieser Kriterien wirklich bewußt zu sein.

Letztes Jahr habe ich das Crowdfunding von ununitv aktiv unterstützt und begleitet. Ich war von der Idee sofort begeistert – ohne daß ich heute sagen könnte, was genau bei mir die Begeisterung ausgelöst hat. Die Unterstützung während des Crowdfundings war eine sehr spannende Zeit für mich, in der ich viel gelernt habe. Mir ist während dieser Zeit auch bewußt geworden, wie schwierig es ist, wenn man von „außen“ kein oder nur wenig inhaltliches Feedback bekommt. Fragen der potentiellen Unterstützer fand ich persönlich hilfreich, auch wenn ich sie nicht beantworten konnte. Es half mir jedoch ein Gefühl für die möglichen Schwachstellen des Projektes zu entwickeln.

Beim Projekt Krautreporter ist die „Lage“ ganz anders. Vielleicht liegt es am Bekanntheitsgrad der Initiatoren, am Thema Journalismus oder auch an der Projektgröße – jedenfalls herrscht derzeit kein Mangel an inhaltlichen Stellungnahmen. „Kritiker“ und „Befürworter“ des Projekts treffen derzeit an den unterschiedlichsten Stellen aufeinander, nicht zuletzt im Blog von Stefan Niggemeier, auf der Facebookseite von Felix Schwenzel und bei Twitter unter dem Hashtag #krautreporter.

Was ich als – durchaus wertvolles – inhaltliches Feedback betrachte, stellt sich für andere als „verfrühte Kritik“ von „Bedenkenträgern“ dar. Einerseits kann ich den Ansatz dieser beiden Artikel gut verstehen. Andererseits, was wäre die Alternative? Ich informiere mich über ein Projekt, es überzeugt mich – aus welchen Gründen auch immer – nicht und ich schweige? Macht das ein Projekt tatsächlich erfolgreicher? Übt es eine Sogwirkung aus, wenn nur diejenigen etwas schreiben (dürfen), die von einem Projekt tatsächlich überzeugt sind (warum auch immer)?

Der wohlwollende Umgang mit Ideen
Es ist schwierig. Ich wünsche mir einen wohlwollenden Umgang mit Projekten und Ideen. Wohlwollend heißt für mich aber auch, daß Menschen Punkte ansprechen können, die sie „stören“. Es ist wertvoll, wenn Menschen sich die Zeit nehmen und Fragen stellen beziehungsweise auf Aspekte hinweisen, die aus ihrer Sicht fehlen. Für die Gründer kann dies hilfreich sein, sie können aber selbstverständlich auch entscheiden, daß diese Themen für sie keine Rolle spielen.

Konkret ist für mich die Frage, wieviele Frauen an dem Projekt mitarbeiten und welche Themen sie besetzen, ein entscheidungsrelevanter Aspekt (wohlgemerkt: ein Aspekt von vielen!). Dieses Thema wurde von einigen Menschen (Männern und Frauen) bereits angesprochen. Dies anzusprechen heißt für mich persönlich nicht, daß ich eine Forderung nach einer bestimmten Quote oder einer thematischen Aufteilung aufstelle. Ich verstehe es vielmehr so, daß ich den Initiatoren mitteile, daß dies für mich ein relevantes Kriterium ist, wenn ich mich entscheide, ob ich das Projekt unterstütze oder nicht.

Dabeisein ist alles …..
Nein, für mich nicht. Die reine Tatsache, daß viele Menschen aus meiner Twittertimeline dieses Projekt toll finden, ist für mich kein überzeugender Grund, das Projekt zu unterstützen. Für mich fehlt tatsächlich die mitreißende Sogwirkung. Aber nicht, weil kritische Punkte aufgeworfen wurden, sondern weil ich bisher über den Umgang mit den kritischen Punkten enttäuscht bin. Gerade von Medienexperten hätte ich persönlich eine andere Vorgehensweise erwartet.
Der Funke ist bisher nicht übergesprungen, Eure Begeisterung ist bei mir nicht angekommen.
Aber ich hoffe, daß das Projekt seine Zielgruppe erreicht und diese das Angebot tatsächlich unwiderstehlich findet.
Und irgendwann werde ich dann ganz neugierig schauen, was aus der Idee geworden ist!

In diesem Sinne: viel Erfolg liebe Krautreporter!

 

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