Verrannt? Verrannt!

Vorhin habe ich einen Tweet gelesen, in dem um das „emotionale Verrennen“ ging. Ich weiß nicht, ob ich mit diesem Tweet gemeint war, aber ich fühlte mich angesprochen. Es war sozusagen ein „Triggertweet“ und jetzt sitze ich bei einem kurzen Orgelkonzert in der Stralsunder Marienkirche und schreibe.

Ja, ich habe mich in den letzten Wochen verrannt und zwar so sehr wie schon lange nicht mehr.
Ich habe mich verrannt, weil ich meinen Gefühlen vertraut habe.
Ich habe mich verrannt, weil ich an das Bestehen übereinstimmendender Gefühle geglaubt habe.
Ich habe mich verrannt, weil ich diese Zeit als ein zartes und kostbares Geschenk angesehen habe, das man nicht einfach wegwirft.
Ich habe mich verrannt, weil ich wirklich schönen Worten vertraut und geglaubt habe.
Ich habe mich verrannt, weil ich weil ich mich für meine Gefühle entschieden habe.
Ich habe mich verrannt, weil ich die Vertrautheit und die Gespräche für etwas Besonderes hielt.
Ich habe mich verrannt, weil ich selbst nach der Abweisung entgegen meiner Gefühle und Bedürfnisse eine Freundschaft wagen wollte.
Ich habe mich verrannt, weil ich den Gesprächsfaden als Basis einer Freundschaft wahren wollte.
Ich habe mich in so vielem verrannt, das ich nicht einmal mehr weiß, wo ich wirklich stehe.

Eins möchte ich aber auch klarstellen: in all meinen Tweets und Beiträgen wollte ich immer nur schildern, wie es mir geht, wie ich die (für mich sehr traurige und belastende) Situation empfunden habe. Es ging und geht nicht darum, ob er etwas falsch gemacht hat. Die Situation ist wie sie ist. Ich weiß nicht, wie es ihm geht. Ich weiß nicht, wie er mit der Situation und seiner Entscheidung umgeht. Ich weiß nicht, ob er traurig ist. Ich weiß nicht, ob für ihn ein Gespräch mit mir noch möglich oder wünschenswert wäre.
Aber: ohne Gespräch werde ich das auch nie erfahren und nachdem ich mich in den letzten Wochen schon ständig verrannt habe, bin ich nicht in der Lage, ein Gespräch zu beginnen. Ich hätte zuviel Angst mich schon wieder zu verrennen.

Der gerissene Gesprächsfaden

Ich bin gescheitert. Schon wieder. Und in einem gewissen Sinne ist dies die Fortsetzung von „Wie offen darf es sein“. Dort berichtete ich vor kurzem, wie ich mit meinem Gefühl der Verliebtheit gescheitert bin. Er sagte damals, er wünsche sich Freundschaft mit mir. Ich habe einige fürchterliche Tage (und schlaflos durchtwitterte Nächte) zugebracht. Wer meine Tweets in der Zeit vom 23.06.2018 bis zum 01.07.2018 mitverfolgt hat (oder jetzt nachliest) wird das bestätigen können. Aber ab dem Sonntagnachmittag ging es mir besser und ich war – entgegen meiner „üblichen“ Vorgehensweise – bereit, mich auf das Experiment Freundschaft einzulassen.

Freundschaft braucht Gespräche
Es klingt fürchterlich banal, wenn ich hier schreibe, dass Freundschaft Gespräche braucht. Das, was so einfach und banal klingt, war für mich in der Zeit ab dem 23.06.2018 die größte Hürde. Aus einem persönlichen Treffen in Hamburg hatten sich wunderbare DM-Gespräche entwickelt. Wunderbar deshalb, weil diese Gespräche eine geradezu spielerische Leichtigkeit und Themenvielfalt hatten, die mir so noch nicht begegnet ist. Ich hatte das Gefühl mit einem Menschen zu sprechen, der eine wunderbare Seele hat – es war das Gefühl, einer verwandten Seele begegnet zu sein. Und irgendwann schlich sich (ohne dass ich es sofort bemerkt habe) ein Gefühl der Vertrautheit und Verliebtheit ein. Ja, großer Fehler und leider einseitig. Ich habe in den letzten Wochen einen ziemlich hohen Preis dafür gezahlt, dass ich mir meine Gefühle eingestanden habe und auch ihm gegenüber ehrlich war.

Der Inhalt der Gespräche hatte – bis auf minimale Ausnahmen – nie etwas mit diesen Gefühlen zu tun. Eine Freundschaft hätte also auf der Basis dieser spielerisch leichten und guten Gespräche ansetzen können. Wenn es da nicht die Schere im Kopf gegeben hätte…..

Die Schere im Kopf
Ja, die Schere im Kopf. Mit sehr vielen Menschen kann ich auch jetzt locker und leicht plaudern, witzige Gespräche und Diskussionen führen. Aber ihm eine DM zu schreiben war nicht nur schwierig, es war regelrecht eine Qual. Mein innerer Zensor nahm jede angedachte DM präzise auseinander. Zu unwichtig, das interessiert ihn nicht, das geht ihn nichts, warum willst Du ihm das schreiben…… sind nur eine kleine Auswahl der vielen Antworten meines Zensors. Mit jedem Tag wurde es schwieriger, irgendwie überhaupt im Gespräch zu bleiben. Eine Information zu Kafka nach dem Besuch einer Lesung – ja, das ging und daraus entspann sich auch ein kurzes und durchaus gutes Gespräch, an einem anderen Tag eine Information über ein absolut lesenswertes Buch, das ich an dem Tag selbst gelesen hatte – ja, ging für meinen Zensor, führte jedoch nicht zu einem Gespräch. Ich merkte, dass es mir jeden Tag schwerer fiel, im Gespräch zu bleiben. Gleichzeitig wußte und fühlte ich, dass ich einen einmal gerissenen Gesprächsfaden nicht wieder aufnehmen könnte. Ich behalf mir daher mit „nichtssagenden“ Guten-Morgen- und Gute-Nacht-DMs. Und mit nichtssagend meine ich, dass ich an vielen Tagen tatsächlich nur „Guten Morgen“ oder „Gute Nacht“ in die DM geschrieben habe. Mal kamen Antworten, mal nicht, selten kamen kurze Gespräche zustande.

Die Glaswand
Im öffentlichen Bereich von Twitter erlebte ich seine Tweets so eloquent wie eh und je. Nur im DM-Austausch mit mir kam es nicht mehr zu den spielerisch leichten und fröhlichen Gesprächen. Als ich während meiner kurzen Pause (kleiner Kurzurlaub) darüber nachdachte, fiel mir das Buch „Die Wand“ von Marlene Haushofer ein. Die Ich-Erzählerin stellt in der Geschichte fest, dass sie durch eine Glaswand von der restlichen Welt abgetrennt ist, sie muss ab diesem Moment ganz alleine zurechtkommen. So drastisch ist meine Situation glücklicherweise nicht – aber zwischen ihm und mir und befindet sich eine Glaswand, die für mich mittlerweile völlig undurchdringlich geworden ist. Ich plauderte (außerhalb der kurzen Pause) mit vielen Menschen, wenn ich ihn konkret „ansprach“ (sozusagen mit einer DM oder einem Tweet in dem er namentlich erwähnt war an die Glasscheibe klopfte) kam es gelegentlich noch zu einem Austausch, aber eher im öffentlichen Bereich von Twitter mit anderen zusammen, immer seltener als DM-Gespräch. Ich merkte zusehends, dass er mich nie von sich aus ansprach und dass, obwohl er den Wunsch nach Freundschaft geäußert hatte.

Der Riss
Es kam, wie es wohl kommen mußte, der Gesprächsfaden riss. Letztlich war es ein kleiner Tropfen, der bei mir das Fass zum Überlaufen und den Gesprächsfaden zum Reissen brachte. An einem Sonntagmorgen hatte ich mich überwunden ihn zu fragen, was er denn an dem Tag vorhabe. Ja, ich bekam eine kurze Antwort. Es kam aber kein „Und Du?“ und so erzählte ich nichts von meinen Plänen für den Tag. Ich ging an diesem Tag in Düsseldorf in die Ausstellung „Black & White“ und in der (grauen) Installation von Hans Op De Beek wurde mir bewußt, daß ich die Kommunikation mit ihm als einseitig, kalt und völlig desinteressiert empfand. Ich habe die Kommunikation mit einem Menschen, der von sich selbst behauptet, sich eine Freundschaft mit mir zu wünschen, noch nie als so kalt, abweisend, einseitig und desinteressiert empfunden. Und es war so völlig anders als in der Zeit nach dem Treffen in Hamburg.
Da stand ich nun in diesem grauen Zimmer und dachte über graue Kommunikation nach. Mir wurde klar, dass ich keine DMs mehr schreiben wollte – wozu auch, wenn daraus ohnehin kein gutes Gespräch entsteht.
Am folgenden Tag habe ich meine Erkenntnis in einem öffentlichen Tweet mit folgenden Worten zusammengefasst:

„Erkenntnis des Wochenendes: Freundschaft kann nur da entstehen/wachsen, wo beide ein ehrliches Interesse am Leben des anderen haben und zeigen. Einseitigkeit tötet den Gedanken der Freundschaft, dann ist es bestenfalls lose Bekanntschaft, wenn man sich zufällig (zB hier) begegnet.“

Das letzte DM-Gespräch
In diesem Tweet (der auch zu einem spannende Gespräch mit einem anderen Twitterer führte) lag nicht nur meine Erkenntnis, sondern auch meine „Handlungsentscheidung“. Ich habe ihm diesen Tweet zwei Tage später in einer DM verlinkt und daraus ergab sich ein letztes trauriges Gespräch. Er sprach von unterschiedlichen Bedürfnissen, fühlte sich anscheinend völlig mißverstanden und bat mich seine Bedürfnisse (die er vorher nie formuliert hätte) nach wenig Kummunikation/Reaktion zu akzeptieren. Ja, auch ich fühlte mich völlig mißverstanden – und zwar von ihm. Ich hatte tatsächlich gehofft, eine Freundschaft aufbauen zu können.

Und nun?
Nullpunkt. Schweigen, und zwar völliges Schweigen. Ja, ich weiß – von einem Nullpunkt aus kann sich zumindest theoretisch auch wieder ein Kontakt entwickeln. Aber es ist paradoxerweise so, dass ich nichts einfach so von mir erzählen möchte und er nichts fragen wird. So werden wir im Schweigen verharren und vielleicht kann man dann irgendwann ergänzen „und wenn sie nicht gestorben sind, dann schweigen sie noch heute“.
Ich weiß nicht einmal, ob ich dieses Schweigen möchte, ich weiß nur, dass ich es nicht durchbrechen kann – das ist einer der wenigen Punkte, wo ich nicht aus meiner Haut heraus kann…. Ich weiß nicht einmal, ob ich ihn überhaupt auf diesen Beitrag hinweisen werde.

Warum ich das alles schreibe? Vielleicht liest er das und kann dann wenigstens meine Reaktionen verstehen und vielleicht ist es für den einen oder anderen Leser ja auch einfach so interessant.

Anmerkung: Links werden nach der kurzen Pause ergänzt.

Twitternde Bildungsbürger?

Meine Twittertimeline ist – glücklicherweise – bunt gemischt. Es gibt Menschen, die sich im Moment über politische Themen austauschen (und durchaus auch aufregen); es gibt Menschen, die sich in vielfältiger Weise in Projekten engagieren und darüber berichten; es gibt Menschen, die ihre Social-Media- oder auch Gründungserfahrungen teilen; es gibt Menschen, die über kulturelle Themen twittern und es gibt Menschen (wie zum Beispiel mich), die sich gerne in Diskussionen zu Büchern und Literatur tummeln. Aus einer solchen Diskussion – einem ziemlich langen Thread – entstand eine Diskussion über „Bildungsbürger“, ein Begriff der mich stört und den ich ablehne.

Der Ausgangspunkt ……
Ausgangspunkt war am 4. Juli dieser Thread: ich hatte einen Tweet retweetet und daraus ergab sich eine Diskussion über gute Autoren zwischen mir, dem @itbeobachter, dem @pjakobs und später noch @dknake. Im Verlauf des Threads landeten wir über eine „Auflistung“ guter Autoren, der Suche nach einer Autorin (Marianne von Willemer, die ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht kannte), Fässern („willst Du dieses Faß auch noch aufmachen“) schließlich beim Lateinlernen und bei Ovid (genauer den Metamorphosen des Ovid). Es war eine nette kleine Diskussion unter Menschen, die anscheinend gerne lesen.
Aufgrund der Diskussion habe ich mir mehrere Bücher bestellt – eine Sammlung von lustigen Gedichten, zwei Kriminalromane, die mir per DM vom @itbeobachter empfohlen wurden und die Metamorphosen des Ovid in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß (ich wollte es nicht online lesen). Aus meinem Tweet über die Bestellung ergab sich dann wieder ein längerer Thread über gute Literatur unbedingt zu lesende lateinische Werke (in deutscher Sprache), in dem @pjakobs plötzlich einen Satz äußerte, der mich massiv störte und verstörte, nämlich: „Gott was sind wir doch für Bildungsbürger“.

Ich eine Bildungsbürgerin?
Ich ließ den Satz in dem Thread einen Moment sacken und dachte sofort: nein, das bin ich nicht. Ich bin keine Bildungsbürgerin. Alles in mir stellte sich bei dem Gedanken quer. Nicht, daß ich nicht an Bildung interessiert bin – im Gegenteil. Ich finde die Idee, ein Leben lang zu lernen, großartig und ich glaube ich, daß ich das tatsächlich lebe. Ich lese viele Bücher – Sachbücher genauso wie Romane, Theaterstücke genauso wie Essays. Ich gehe gerne und im Moment auch relativ oft ins Theater, ich besuche Ausstellungen und ich informiere mich über viele Themen. Aber Bildungsbürgerin? Nein, etwas in mir sperrte sich ganz stark.
Ich habe es später in dem Thread für mich wie folgt formuliert: „Belesen ja, neugierig ja, halbwegs gebildet ja, vielfältig interessiert ja – das sind meine Ziele!“
Der eine oder die andere mag das durchaus als „Bildungsbürgertum“ verstehen, für mich ist das aber etwas anderes. Schon aufgrund meiner Herkunft paßt der Begriff „Bildungsbürgertum“ nicht. Meine Mutter war ungelernte Arbeiterin – sie hat mich immer unterstützt, wenn es um Bildung ging – und dementsprechend sind viele „klassische“ Bücher erst bei uns „eingezogen“, als ich diese haben wollte. In den Regalen im Wohnzimmer standen Werke von Konsalik, die mein Vater gerne las und ein paar Bücher aus dem Bertelsmann Club Sortiment. Außer den typischen Kinderbüchern (zum Beispiel Märchen von den Gebrüdern Grimm und Hans Christian Andersen) – die ich natürlich geschenkt bekam – zogen erst mit meinen ersten ausgeprägten Lesewünschen „Klassiker“ bei uns (beziehungsweise in meinem Bücherregal) ein.
Irgendwann in den späten siebziger Jahren wurde die Verfilmung des Buches „David Copperfield“ von Charles Dickens als weihnachtlicher Mehrteiler gezeigt. Wie habe ich diesen Film geliebt! Und wie habe ich mich gefreut, als ich dann zum nächsten Geburtstag von meinen Eltern das Buch geschenkt bekam. Ich habe es in den Jahrzehnten, seitdem ich es geschenkt bekam, x-fach gelesen und der Bucheinband zeigt (obwohl ich immer sehr pfleglich damit umgegangen bin) deutliche Gebrauchsspuren. So kam Charles Dickens als erster Klassiker in mein Leben. Goethe, Schiller und Shakespeare kamen erst später dazu, dazwischen schaffte es noch Theodor Storm mein Herz zu erobern und nahm mit einer mehrbändigen Ausgabe seinen Platz im Regal ein.
Heute ist im Regal kaum noch Platz (nein, das ist die Untertreibung – viele meiner Bücher sind im Moment ausgelagert und ich habe viele erst vor kurzem aus ihrem Karton-Zwischenlager befreit und in ein Regal gesteckt). Ja, heute würde ich durchaus sagen, daß ich belesen bin und man findet viele Klassiker unter diesen Werken. Aber damals – damals waren die Voraussetzungen anders und ich habe meine „Lesewelt“ nach und nach erst aufgebaut.

Kommt es nicht auf die Entwicklung an?
Meine Ablehnung des Begriffs „Bildungsbürger“ konterte @pjakobs mit dem Einwand, daß wir alle uns ja seit der Schulzeit entwickelt haben. Das ist sicherlich richtig und ich würde für mich durchaus in Anspruch nehmen, daß ich mich gerade in den letzten drei Jahrzehnten (ja, solange ist die Schulzeit schon her) sehr stark entwickelt habe – in meinen Interessen, in den Büchern, die ich lese aber auch ganz allgemein in meiner Persönlichkeit. Ich bin nicht mehr die Astrid, die 1988 das Abitur gemacht hat und dann nach Köln an die Uni gegangen ist. Aber manche Dinge ändern sich trotzdem nicht. Ich kann und will meine Herkunft weder ablegen noch verleugnen, zu manchen Dingen oder Themen fehlt mir manchmal auch der Zugang, weil es nicht zu meinem Alltag gehörte. Menschliche Entwicklung ist wichtig – sehr wichtig sogar – aber sie macht aus einem neugierigen und interessierten Menschen eben auch noch keinen Bildungsbürger – finde ich zumindest.

Warum mich der Begriff „Bildungsbürger“ stört
Für mich hat der Begriff „Bildungsbürger“ etwas Trennendes und Ausschließendes – es gibt die Menschen, die mit einem bildungsbürgerlichen Alltag in einem bildungsbürgerlichen Haushalt aufgewachsen sind. Das ist schön und ich möchte das auch gar nicht negativ bewerten. Aber es gibt auch „die anderen“ und zu diesen anderen gehöre ich. Es macht mich betroffen, daß mein Lernen und meine Entwicklung einfach nur ein „jetzt bist Du auch auf der Stufe der Bildungsbürger angekommen“ darstellen sollen. Ich werde in diesem Moment nicht um meiner selbst oder aufgrund meiner Lernanstrengungen und Lernerfolge „gewürdigt“, sondern nur, weil ich – endlich – einem vermeintlichen Bildungsideal entspreche (nein, ich entspreche diesem Ideal nicht – ganz und gar nicht). Es ist irgendwie die falsche Anerkennung für das falsche Ziel oder das falsche Bild von mir. Und ja, das stört mich – weil die Offenheit für unterschiedliche Lebenswege und unterschiedliche Interessen fehlt.

Und Ihr?
Wie seht Ihr das? Seht Ihr Euch als Bildungsbürger? Könnt Ihr mit dem Begriff etwas anfangen? Ich bin neugierig und würde mich freuen, Eure Ansicht zu diesem Thema hier oder bei Twitter zu lesen!

Wie kommen wir ins Gespräch?

Manchmal gibt es sie – die guten Gespräche – im „analogen“ Leben aber auch auf Twitter. Und manchmal versuchen wir alles Mögliche, um ein Gespräch zu beginnen und es klappt nicht. Kommunikation ist – so selbstverständlich sie zum menschlichen Leben gehört – immer schwierig. Nicht umsonst gibt es im Moment in Hannover sogar eine Sonderausstellung zu diesem Thema – noch bis zum 19.09.2018.

Ein Gespräch – ja will ich das denn?
Es gibt – online wie offline – durchaus Momente, ich denen ich kein Gespräch führen möchte. Manchmal bin ich einfach zu müde (besonders am frühen Morgen), manchmal kreisen meine Gedanken um ein Problem, manchmal möchte ich auch einfach nur meine täglichen drei Seiten schreiben oder etwas in Ruhe lesen. Das sind durchaus Momente, in denen ich gerne bei Twitter „hereinschaue“ – aber halt eher lesend und konsumierend. Selten schafft man in diesen Momenten, mich in ein Gespräch zu ziehen. Wer es trotzdem versucht (vor allem im analogen Bereich) wird dann möglicherweise auf wenig begeisterte Reaktionen treffen. Gespräche abblocken kann ich eigentlich ganz gut – meist auch halbwegs freundlich. Andererseits kann man mich manchmal (ja, ok, meistens) mit interessanten Themen oder Fragen ganz schnell ködern ………

In den letzten Jahren habe ich analog und digital viele interessante Gespräche geführt. Analog zum Beispiel mit BusfahrerInnen (ich wohne an einer Endhaltestelle, da ergibt sich das öfter mal), mit MitarbeiterInnen meines Lieblingssupermarktes (ich wurde nach dem Tod meiner Mutter sogar umarmt und es tat gut) und mit Menschen, die mit mir an Haltestellen warteten. Digital – also für mich vor allem auf Twitter – gab es die witzigen Gespräche (so zum Beispiel den „Ameisenthread“ mit @pjakobs, den ü50-Thread mit @itbeobachter und @pixelkurier, der Musikthread mit @karin1210) und die vielen ernsthaften Gespräche – zum Teil im offenen Bereich, zum Teil per DM, aus denen sich sogar kleine „Projekte“ ergaben, so zum Beispiel das Twittertreffen in Trier mit @thalestria und @mariohanneken und das Fragencafe mit @kontermann. Einzelne kleine oder größere Gespräche, die für sich genommen oft nicht wirklich wichtig waren, sich zufällig ergaben und doch gut waren. Meistens nehme ich mir tatsächlich (und sehr gerne) die Zeit, diese Gespräche zu führen …..

Jeder Tweet ist ein potentieller Gesprächsanlaß!
Ich möchte mich im Folgenden auf „meine Gespräche“ bei Twitter beschränken – eine sehr allgemeine Betrachtung würde ich wohl nicht so schnell in einem einzigen Blogbeitrag unterbringen. In einem kleinen Twittergespräch mit @karin1210 habe ich vor ein paar Tagen geschrieben, daß für mich jeder Tweet ein potentieller Kommunikationsanlaß ist. Das heißt natürlich nicht, daß ich jeden Tweet aufgreife – aber wenn ich ein Gespräch suche, dann schaue ich nach Tweets, die mich zu einer Frage oder einer Antwort anregen. Und klar, je mehr interessanten Menschen man folgt, desto mehr potentielle Gesprächsanlässe finden sich in der Timeline. Ich glaube schon, daß es leichter ist, Gespräche zu führen, wenn man einer größeren Menge an Menschen folgt. Dementsprechend folge ich auch viel mehr Menschen als mir folgen. Twitter hat gerade den Vorteil, daß „Zweiseitigkeit“ nicht Voraussetzung von Gesprächen ist.

Der erste Schritt….
Gespräche entstehen nicht deshalb, weil Menschen sich – zufällig – am selben Ort befinden. Ein Mensch muß immer irgendwie den Anfang machen. Und auch wenn jeder Tweet ein potentieller Gesprächsanlaß ist, so führt eben nicht jeder Tweet zu einem Gespräch. Es ist immer noch „erforderlich“, daß jemand den Tweet aufgreift und daduch ein Gespräch entsteht.
Ganz am Anfang meiner aktiven Twitterzeit habe ich mich oft bei Menschen, denen ich folgte, für Links bedankt, habe ihnen Fragen gestellt (im Sinne von „wo kann man das nachlesen“) und habe sie auch retweetet. Daraus haben sich erste Gespräche und beidseitige Kontakte ergeben.
Hilfreich waren auch die vielen „Livetweets“ von Veranstaltungen – Konferenzen, Barcamps, Twittwoche – Menschen haben oft auf die Tweets von diesen Veranstaltungen reagiert und wir sind über die Themen ins Gespräch gekommen.
Was ich relativ oft mache: „Gesundheitstweets“ sind für mich in der Regel (vor allem bei Menschen, denen ich schon länger folge oder die ich persönlich kenne) ein wichtiger Hinweis, wie es dem-/derjenigen geht. Meistens nehme ich mir daher die Zeit, ein kurzes „gute Besserung“ oder „alles Gute“ bei Krankheiten, Zahnarztbesuchen etc. zu schreiben. Solche Antworten erwarten die Menschen, die solche Nachrichten twittern, vielleicht gar nicht – aber ich finde es auch schön, wenn jemand mir in nicht ganz so schönen oder gar schwierigen Seiten per Tweet zur Seite steht und mir alles Gute wünscht. Ich habe durchaus den Eindruck, daß solche Antworten zumindest für den Moment ein Gefühl der menschlichen Nähe und Verbindung aufbauen. Und was können wir mit einem Tweet mehr ereichen?

In laufende Gespräche einsteigen ….
Eine weitere Möglichkeit, auf die Ruth am Sonntag hingewiesen hat, ist auch in laufende Twittergespräche einzusteigen. Das habe ich natürlich auch oft gemacht (bin ich jetzt eine Twittergesprächscrasherin?). Die Ergebnisse waren sehr unterschiedlich. Manche dieser Seiteneinstiege haben zu wunderbaren Threads und Folgekontakten geführt – vor allem da, wo ich zumindest einen der „Gesprächspartner“ bereits „kannte“ (es also bereits einen Kontakt auf Twitter gab, der über ein bloßes „ich folge Dir schon“ hinausging), manche Gespräche versandeten, manchmal wurden Gespräche trotzdem ohne mich weitergeführt. Das fühlt sich in dem Moment natürlich nicht toll an, aber man muß sich immer vor Augen halten, daß man selbst ja auch nicht immer mit allen möglichen Menschen sprechen möchte. Wenn mir das mehrfach passiert, dann weiß ich das ich den entsprechenden Personen halt nur lesend folge und das ist dann auch ok.

Mit eigenen Tweets Gespräche anregen…..
Es ist schon merkwürdig. Manche Tweets, die ich schreibe, finde ich fürchterlich wichtig, ich warte sehnsüchtig vor dem Monitor oder dem Handy und ….. nichts passiert. Absolut nichts. Es sind oft die Tweets, die ich persönlich „nervig“, „unwichtig“ oder sogar „schlecht“ finde, auf die die meisten Reaktionen erfolgen. Und ja, je mehr ich schreibe, desto mehr Reaktionen bekomme ich auch insgesamt. Twitter ist ein schnelles Medium. Ein einzelner Tweet geht da schnell unter, oft sind es „Zufallsfunde“, auf die ich selbst reagiere und die dann wiederum zu Gesprächen führen. Wenn mir ein Thema wirklich sehr sehr wichtig ist, dann wiederhole ich das Thema auch nochmal in einem anderen Tweet oder packe es sogar in einen Blogbeitrag. Fragen führen oft, aber nicht immer zu Reaktionen. Oft hängt es an völlig willkürlichen Kriterien wie Tageszeit, Wetter, parallel stattfindende politische Ereignisse, TV-Programm ….. Die wichtigste Erkenntnis ist daher: nicht aufgeben, immer wieder versuchen! Nicht nur für Twitter gilt: steter Tropfen höhlt den Stein!

Was ich underwiderstehlich finde ……
Tweets mit Wortspielereien, mit feiner Selbstironie und Humor, mit kulturell spannenden Themen (z.B. Bücher oder Theater) und mit guten Fragen erobern meine Seele im Sturm – da bin ich sofort dabei! Etwas schwieriger sind politische oder rechtliche Diskussionen. Da lese ich oft eher mit als selbst zu antworten. Gerade aus Tweets zu Wortspielereien oder aus humorvollen und ironischen Tweets haben sich wunderbare Kontakte und Gespräche entwickelt, die ich nicht missen möchte. In meiner Timeline sind glücklicherweise sehr viele Menschen vertreten, die Wortspiele und Ironie mindestens ebenso schätzen wie ich! Welche Bereicherung für meine Timeline und mein Leben!

Und an die vielen lieben, humorvollen, ironischen und interessanten Menschen aus meiner Timeline, die ich hier nicht explizit erwähnt habe: ich danke Euch allen für 9 Jahre wunderbare Twittergespräche und Twitterkontakte!

Und wie kommt Ihr ins Gespräch?
Ich bin ja sehr neugierig ….. Daher möchte ich am Ende dieses Beitrags von Euch wissen, wie Ihr mit Menschen auf Twitter ins Gespräch kommt? Was „funktioniert“ gut, was macht ihr gerne, was klappt nicht? Was ist wichtig, damit es zu guten Gesprächen kommt?
Ja, das sind viele Fragen – aber ich möchte mein „Twitter“ in dem Gesprächskultur wichtiger als Polarisierung ist, gerne bewahren und dazu gehört das Teilen der guten Erfahrungen!

Wie offen darf es sein?

Normalerweise erwähne ich mein Privatleben in der Öffentlichkeit – also auch auf Twitter – kaum. Man könnte fast vermuten, daß ich kein Privatleben habe. Das ist natürlich nicht so. Aber meist finde ich es hilfreich, wenn nicht jeder „alles“ über mich und mein Leben weiß. Diesen Grundsatz habe ich in den letzten 7 Monaten dreimal gebrochen und das sehr bewußt. Heute Morgen habe ich darüber nachgedacht und diese Gedanken möchte ich hier jetzt zusammenfassen. Aber erst einmal die drei „Verstöße“ gegen meinen Grundsatz der Privatheit …..

Der schwerste Tag des Jahres 2017 – der 1. Dezember 2017
Ende November 2017 ging es meiner Mutter aufgrund ihrer Krebserkrankung schon sehr schlecht. Wir hatten irgendwann den SAPV hinzugezogen, aber es wurde täglich schwieriger. Am 30.11. erfuhren wir am Nachmittag, daß sie am Nachmittag des 01.12.2017 ins Hospiz gehen konnte. Das war ihr Wunsch und insofern eine gute Nachricht. Terminlich war das für mich allerdings schwierig. Ich sollte am 01.12.2017 in der LVQ unterrichten – zweiter Tag im Social-Media-Manager-Kurs. Telefonisch habe ich mich mit der LVQ darauf geeinigt, daß ich bis zum Mittag unterrichte, für den Rest des Tages Aufgaben vorbereite und dann gehe, um meine Mutter ins Hospiz zu begleiten. So stand ich am Morgen des 01.12.2017 vor einem Raum fröhlicher und erwartungsvoller angehender Social-Media-Manager. Es war so schwer. Ich konnte kaum sprechen, mir kamen die Tränen. Und doch mußte ich da irgendwie „durch“. Ich hatte unterwegs schon beschlossen, daß ich berichte, warum es mir nicht gut geht. Also habe ich mit brechender Stimme und unter leichten Tränen erzählt, daß ich an dem Tag nur bis zum Mittag unterrichte, weil ich danach meine Mutter ins Hospiz begleite (und bei der Erinnerung an diesen Moment fließen auch jetzt wieder meine Tränen). Ich habe mich dann einen Moment umgedreht, mich geräupsert und dann konnte ich unterrichten.
Ich glaube, daß es eine gute Entscheidung war, so vorzugehen. Ich würde es jedenfalls wieder so machen.

Der 5. und 6. Dezember 2017
Am 5. Dezember starb meine Mutter am frühen Morgen im Hospiz. Ich war dankbar, daß sie einschlafen konnte und natürlich gleichzeitig traurig. Im Laufe der Jahre hatte ich mit vielen Menschen, mit denen ich auf Twitter vernetzt bin, über die Krankheit meiner Mutter gesprochen. Deshalb kam ich auf die Idee, meine „Gefühlslage“ in dem Moment auch auf Twitter zu veröffentlichen und zwar mit folgenden Worten:

„Nach einer sehr schweren Zeit ist meine Mutter gestern friedlich eingeschlafen. Ich bin traurig, gleichzeitig dankbar, daß sie gehen konnte.“

Es war eine gute Idee. Ich habe sehr viele nette Tweets und Nachrichten erhalten, es war das Gefühl im Moment der Trauer nicht allein zu sein. Ich war und bin sehr dankbar dafür, daß meine Menschen in dem Moment an mich gedacht haben, mir Kraft gewünscht haben und sich bei mir gemeldet haben.

Der schlimmste Tag des Jahres 2018 – der 23. Juni 2018
Durch die intensive Begleitung meiner Mutter bis zum Tod ging es mir schon kurz nach ihrer Beerdigung relativ gut. Ich hatte mich schon in der Zeit von August bis Dezember von ihr verabschiedet – jeden Tag ein kleines bißchen mehr. Januar und Februar waren schon noch schwierig, aber ab März ging es deutlich aufwärts und im April und Mai hatte ich mein „altes fröhliches und gelassenes Ich“ komplett wiedergefunden.

Die Vorgeschichte
In dieser Zeit schrieb jemand, dem ich schon ziemlich lange folge (und er mir auch) in einem Thread etwas zum Thema „Eisessen“. Daraus ergab sich die Idee, sich doch zu treffen, wenn ich mal im Norden bin. Ich war so offen und fröhlich, daß ich (völlig ohne Hintergedanken) meinen Hamburgaufenthalt Ende Mai/Anfang Juni per DM mitgeteilt habe. Daraus ergab sich dann (leider!) ein Treffen in Blankenese am 30. Mai. Es war ein schöner Abend, mit einer seltenen Vertrautheit, die sich für mich nach Freundschaft anfühlte. Mehr war es zu dem Zeitpunkt nicht. Allerdings folgten danach (fast) jeden Abend lange Twittergespräche per DM, die irgendwie im Laufe der Zeit zu einer starken Nähe führten. Irgendwann während dieser Zeit habe ich mich verliebt. Und ich habe das auch frühzeitig in meinen Antworten „durchblicken“ lassen. Gelegentlich kam dann ein „Ohhh“ als Antwort. An vielen Stellen wäre die Möglichkeit gewesen zu sagen „ich möchte nur Freundschaft“, ich hätte dann einmal schwer geschluckt, aber es wäre möglich gewesen. Wir wären uns ja ohnehin nicht persönlich über den Weg gelaufen (ich in Wuppertal, er in Norddeutschland). Aber im Gegenteil. Wir hatten schon ausgemacht, daß ich ihn am ersten Juliwochenende besuche und plötzlich schlug er vor, daß wir uns am 18. Juni in Köln treffen, weil er auf einer Geschäftsreise war und dort ohnehin umsteigen mußte. Wir haben an dem Sonntag und Montag viele Nachrichten ausgetauscht, die ganz klar in Richtung „romantische Natur des Treffens“ liefen und auch das Treffen war eben nicht freundschaftlich. Weiter ging es mit den Privatnachrichten – bis Donnerstagabend. Dann herrschte Stille, was mich aber zunächst nicht verwunderte. Am Samstagabend kam dann die Nachricht per DM, daß er seit einer Woche (!) schon darüber nachdenkt, ob er überhaupt eine Beziehung will und sich jetzt entschieden hat, daß er keine Beziehung will. Ja, da saß ich dann ganz allein vor meinem Rechner. Ich habe natürlich noch nachgefragt, Vorschläge gemacht, aber das „Nein“ blieb felsenfest bestehen.

Warum ich es öffentlich gemacht habe…..
Eine schreckliche Situation. Ich hatte mir als ich nach Hamburg fuhr keine Beziehung gewünscht. Ich hatte mich auf ein nettes Treffen gefreut, mich dann auf den DM-Austausch eingelassen, mein Herz geöffnet und plötzlich saß ich hier mit einem großen Scherbenhaufen. In meiner Not griff ich zu Twitter (da ich ja ohnehin parallel mit ihm noch per DM sprach). Ich schrieb daher folgenden Tweet:

„Wenn etwas, was sich schön und richtig anfühlt, plötzlich abrupt endet, ohne daß man es versteht, dann ist das traurig. #traurigerSamstag“

Vom Hashtag #traurigerSamstag wechselte ich am Sonntag dann auf den Hashtag #traurigerSommer – unter beiden Hashtags kann man nachlesen, was ich am Samstagabend und Sonntag geschrieben habe. Es ging mir richtig schlecht. Ich konnte nicht schlafen, nichts essen, Tränen liefen mir über das Gesicht, ich konnte mich nicht konzentrieren, nichts in Ruhe lesen. Es war fürchterlich. Ja, ich habe das alles auf Twitter öffentlich gemacht. Ich habe einen Moment gezögert, ob das gut ist und dann habe ich gedacht: doch, es kann nicht schlimmer werden. Was mir wichtig war: ich habe an keiner Stelle den Namen genannt, es geht darum, daß ich meinen Schmerz und meine Trauer verarbeite – dafür muß ich natürlich die Geschichte erzählen, ich möchte „ihn“ aber nicht „fertigmachen“, auch wenn ich mit seinem Verhalten nicht glücklich bin. Ich habe aber den Eindruck, daß es ihm am Samstag auch nicht wirklich gut ging und er über den Verlauf und die „Notwendigkeit“ der Entscheidung (aus seiner Sicht) auch nicht glücklich ist. Aber das ist letztlich egal – hier geht es um nicht um ihn, sondern um mich!

Was dann kam ….
Wirklich erstaunt war ich über die Vielzahl der Rückmeldungen. Schon am Abend (noch während das DM-Gespräch lief) erhielt ich aufmunternde Tweets. Nach dem endgültigen „Scheitern“ wurden es noch mehr und in diversen DM mit unterschiedlichen Menschen wurde ich getröstet, abgelenkt („wann ist etwas überhaupt eine Beziehung“, „wann ist es ein Scheitern“), mir wurden Erfahrungen berichtet und ich wurde immer wieder herzlich umarmt. Viele Menschen boten mir auch in DMs Gespräche an. Ich hatte nicht mit dieser Menge an positiven Rückmeldungen gerechnet, das Twittern war erst einmal mein Umgang mit einer für mich fürchterlich schmerzhaften und traurigen Situation, mit der ich nicht gerechnet hatte. Natürlich hätte ich diese Situation gerne vermieden (siehe oben) – aber ich bin so dankbar dafür, daß so viele Menschen meinen Kummer und meinen Schmerz wahrnehmen und nachfühlen konnten und so einfühlsam reagiert haben. Das war das wirklich gute Erlebnis an diesem Wochenende! Danke!!

Zu dem Thema offener Umgang mit Gefühlen möchte ich Euch noch das YouTube-Video von Bettina Stackelberg ans Herz legen. Ich glaube mittlerweile tatsächlich, daß es uns gut tut, wenn wir nicht nur über die positiven Seiten unseres Lebens sprechen. Es ist leicht Erfolg zu kommunizieren und zu teilen, es ist viel schwerer über die Niederlagen, Ängste und Schmerzen zu sprechen. Und doch tut es gut, ich kann das jetzt aus eigener Erfahrung versichern!

Wie offen will ich in Zukunft sein?
Heute morgen schrieb ich in einem Thread, daß ich mein Herz am liebsten für die nächsten 20 Jahre abschotten möchte. Ich stecke in einem gewissen Sinne in einer paradoxen Situation. Eigentlich bin ich von Natur aus offen und neugierig, freue mich Menschen kennenzulernen, springe gerne in Unterhaltungen auf Twitter, folge neuen Menschen, freue mich, wenn sie mir antworten und daraus neue „Bekanntschaften“ oder vielleicht sogar „Freundschaften“ entstehen. Das alles möchte ich nicht missen und doch ist da jetzt dieses Warn- und Stoppschild in meinem Kopf. Wenn es das Treffen in Hamburg nicht gegeben hätte, dann ginge es mir heute richtig gut …… Aber es gab dieses Treffen und den nachfolgenden DM-Austausch….. Leider. Es hätte sonst vielleicht eine wunderbare Freundschaft werden können. Aber zurück zum Thema „Zukunft“.

Bettina Stackelberg hat die zwei grundsätzlichen Möglichkeiten in einem Tweet an mich wunderbar zusammengefaßt: „Und ich hab immer aufs neue die Entscheidung: Herz offen oder Herz geschlossen“. Ja, das ist richtig und doch manchmal schwer umzusetzen.

Heute Morgen fiel mir auf, daß es vor allem im Moment darum geht, wo ich meine „Grenzen“ setze, wann ich „nein“ sage oder bewußt blockiere (das kann ich sehr gut, das habe ich schon lange Jahre erfolgreich gemacht, leider nicht in Hamburg). Und bei dem Nachdenken über Grenzen fiel mir dann auf, daß mein Umgang mit der Situation ganz im Kleinen irgendwie auch für die gesellschaftliche Frage in Deutschland steht – wie geht Deutschland mit seinen Grenzen um. Offenheit macht verletzlich, gleichzeitig ist Offenheit notwendig, damit sich „Beziehungen“ überhaupt ergeben können – persönliche Beziehungen zwischen Menschen (Bekanntschaft, Freundschaft, Liebe), wirtschaftliche Beziehungen, diplomatische Beziehungen.

Ich bin durch dieses Wochenende natürlich wieder meilenweit von meinem offenen und fröhlichen „Ich“ entfernt und der Weg zurück wird lange dauern. Deshalb ist der Hashtag #traurigerSommer sehr treffend und richtig. Das heißt nicht, daß ich jetzt täglich allein im Kämmerlein weine und leide. Aber es ist ein trauriger Grundton da. Sozusagen „Moll“ statt „Dur“. Es ist ein bißchen so, als ob alles mit einem Grauschleier versehen ist. Es wird dauern, bis dieser Grauschleier verschwindet und ich wieder „ich“ bin. Aber ja, ich werde das auch diesmal hinbekommen.

Was 140 Zeichen bewirken können …..

Vor 500 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht, in dieser Woche hat sich Eric Posner mit 20 Thesen über Twitter beschäftigt. Seine Thesen riefen relativ schnell viele ablehnende Reaktionen hervor – so zum Beispiel die genialen Tweets von @textautomat, den Hashtag #ohneTwitter und auch den Blogbeitrag Die wahre Kraft der 140 Zeichen.

Die zwanzig Thesen von Posner haben sofort meinen heftigen gedanklichen Widerspruch erregt. So heftig, daß ich endlich mal wieder einen Blogbeitrag schreibe. Meine Sicht auf Twitter ist natürlich subjektiv – aber ich möchte meine insgesamt positiven Erlebnisse und Erfahrungen doch teilen.

1. Ich habe Twitter eine gewisse Zeit eher „ignoriert“. Ich habe mich im Sommer 2009 angemeldet, es nur gelegentlich genutzt und bin erst seit 2012 auf Twitter wirklich aktiv und vernetzt. Warum habe ich mich angemeldet? Es war eher Neugier. Ich wollte ausprobieren, worüber die anderen ständig sprachen und – da hat Heiko in seinem Blogbeitrag recht – ich bin geblieben, weil es anders war und sich überraschend anders entwickelt hat, als ich es mir vorgestellt habe. Ich habe vieles gefunden, was ich nie gesucht hätte und was doch sinnvoll, bereichernd und „nützlich“ war. Es ging mir nie um „Einfluß“ oder „Informationssuche“.
Im Laufe der Zeit haben sich bei mir folgende Gründe für die fortgesetzte Twitternutzung herauskristallisiert:
– Gespräche: zum richtigen Zeitpunkt und zum richtigen Thema ergeben sich auf Twitter oft wunderschöne Gespräche und spannende Diskussionen, gefühlt hat immer jemand ein „offenes Ohr“.
– Vernetzung: Twitter ist ein wunderbarer Ort, um neue Menschen „kennenzulernen“, Kontakte zu knüpfen und Netzwerke aufzubauen.
– Informationen sammeln: gerade da, wo ich nicht/im Moment nicht aktiv nach etwas suche, liefert mir Twitter oft ungefragt spannende Informationen – das können Büchertipps, Ausflugsvorschläge, fachliche Links oder Veranstaltungshinweise sein. Für mich ist Twitter in einem gewissen Ausmaß ein „Finden ohne Suchen“.

2. Ich habe Twitter eigentlich nie für eine gezielte Suche nach einem Stichwort eingesetzt. Da suche ich tatsächlich eher mit klassischen Suchmaschinen. Twitter liefert mir eher – ungefragt – „Informationen“, nach denen ich gerade nicht suche. Dieses „Finden ohne Suchen“ ist natürlich ziemlich zeitintensiv – wieviele spannende Links habe ich angeklickt und die dahintersteckenden Texte gelesen, weil ich nur mal kurz in die Twittertimeline geschaut habe. Twitter liefert mir eine andere Art der „Informationskultur“ – ich finde Informationen, die andere Menschen teilen wollten – weil sie sie wichtig finden, weil sie sich darüber ärgern, weil sie sich darüber freuen. Dieses Teilen gehört für mich untrennbar zur Idee der sozialen Netzwerke. Es ist dieses „first give then take“.
Ich habe früher bei Veranstaltungen immer für mich handschriftlich Notizen gemacht. Diese Notizen habe ich dann abgeheftet und (eher selten) später mal angeschaut. Ab 2012 habe ich begonnen, das was ich mir sonst handschriftlich notiert habe, zu twittern. Eine spannende Erfahrung – weil ich plötzlich über meine „Notiztweets“ in Gespräche mit anderen Menschen kam. Es kamen Rückfragen, ergänzende Hinweise und plötzlich kam in eine „einsame Angelegenheit“ (das Zuhören bei Vorträgen) eine spannende Dynamik, die ich nicht mehr missen möchte.
Weder Google noch eine Zeitung können diese Funktionen erfüllen.

3. Tweets sind von Menschen geschrieben – von Menschen, denen ich – aus welchen Gründen auch immer – folge. Wenn diese Menschen empört sind, dann ist das für mich eine wichtige Information. Es mag durchaus sein, daß ich die in einem Tweet geäußerte Empörung nicht oder nicht im selben Ausmaß teile. Ich lerne aber dadurch, was den jeweiligen Menschen wichtig ist und das ist keineswegs „dürftig“; ganz im Gegenteil es macht die Persönlichkeit dieser Menschen aus, das sie zeigen – zeigen können und zeigen wollen -, was ihnen wichtig ist. Ich bewundere viele dieser Menschen für den Mut und die Kraft, mit der sie gegen Unrecht, Elend und Gemeinheiten eintreten und ich bin dankbar dafür, daß sie immer wieder ein kleines Stück ihrer Welt mit mir teilen und mich nachdenklich machen.

4. Besser als Heiko in seinem Blogbeitrag kann ich es nicht ausdrücken. Jedes Gespräch, jeder kleine Twitteraustausch ist Kommunikation und jede gelungene Kommunikation kann (vor allem längerfristig) etwas bewirken. Gerade die „Verstörung“ oder „Irritation“, wenn man etwas liest, was zum eigenen Weltbild nicht paßt, kann auf lange Sicht sehr wirksam sein.

5. So mancher Tweet hat mich schon überzeugt – ein bestimmtes Buch zu lesen (danke für die Empfehlung von Gaito Gasdanow), eine Ausstellung zu besuchen, mich mit einem Thema zu beschäftigen. Gerade diese Überzeung im Kleinen – ich halte einen Menschen und seine Empfehlung für glaubwürdig und folge ihr deswegen – ist ungemein wichtig. Gerade die Vielfalt meiner Timeline „zwingt“ mich immer wieder, mich mit neuen Themen und Fragen auseinanderzusetzen. Immer wieder eine Herausforderung aber auch ein Grund zu großer Dankbarkeit.

6. Die Frage ist nicht wirklich, was der Zweck von Twitter ist, sondern ob ich meine Zwecke/Ziele mit Twitter umsetzen kann. Meine Ziele Gespräche, Vernetzung und Informationen sammeln lassen sich bisher wunderbar mit Twitter erreichen.

7. Wenn ich eine Bestätigung meiner Überzeugungen suche, dann kann ich die überall finden – in der Zeitung, im Fernsehen, bei Facebook und natürlich auch bei Twitter. Aber Twitter erlaubt es mir gerade auch einseitig Menschen zu folgen, die ein komplett anderes Weltbild und andere Meinungen als ich haben. Twitter erlaubt mir eine Vielfalt, die ich „so“ an anderer Stelle bisher nicht gefunden habe.

8. Mein erster Gedanke ist: ja, und? In der Regel führe ich auch im echten Leben keine Selbstgespräche. Menschen sprechen miteinander, äußern sich in unterschiedlichen Formen und an unterschiedlichen Orten. Dank der technischen Entwicklung ist dieses „Gespräch“ jetzt nicht auf persönliche Treffen und Briefe beschränkt. Auch früher habe ich mir bei jedem Brief, den ich an jemanden geschrieben habe, eine Reaktion erhofft. Einen Antwortbrief, einen Anruf. Das macht Interaktionen aus und das unterscheidet das menschliche Leben auch vom (einseitigen) Lesen der Zeitung. Das Lesen der Zeitung wird doch irgendwie erst spannend, wenn ich jemandem davon erzähle. Weißt Du, was ich heute gelesen habe ……
Durch die Vielzahl der potentiellen Leser/Empfänger ist aber manches einfacher: ich reagiere dann, wenn ich mich wirklich angesprochen fühle – wenn ich etwas teilen, hinterfragen oder kritisieren möchte, wenn mir der Mensch oder das Thema wichtig ist. Es ist die Freiheit, ob, wann und wie ich auf einen Tweet reagiere.

9. Fav, Like und Retweet sind Rückmeldungen der virtuellen Welt, die Botschaft daß man einen Inhalt für so wichtig befindet, daß auch andere sich damit beschäftigen sollen. Wie oft habe ich auch in persönlichen Gesprächen Bücher, Artikel oder Webseiten empfohlen. Natürlich freue ich mich auch über Favs und Retweets, aber ich twittere nicht mit dem Ziel, so viele Favs oder Retweets wie möglich zu bekommen. Viel wichtiger ist es mir, mit anderen in ein Gespräch zu kommen!

10. Nein, es ist nicht gleichgültig, warum jemand auf einen Tweet reagiert. Ganz und gar nicht – auch wenn ich das nicht immer klar erkennen kann. Es geht für mich auch nicht um Macht, eher um die Frage ob ich Menschen „finde“ oder „erkenne“, die sich auch für das jeweilige Thema interessieren oder die über bestimmte Dinge/Fragen nachdenken. Manchmal – bei „Alltagsgesprächen“ – geht es auch einfach nur darum, einen Moment der virtuellen Nähe in einer weiten großen Welt herzustellen. Wie schön ist es, wenn mehrere Menschen ein bestimmtes Gericht mögen, ein bestimmtes Buch toll finden oder sich über ein Erlebnis austauschen. Das schafft einen Moment der positiven Verbindung und aus dieser Verbindung kann Gutes entstehen.

11. Was retweete ich eigentlich? Tweets zu Themen, die ich spannend finde, Tweets, die ich inhaltlich wichtig finde und oft auch Hinweise oder Fragen. Sicherlich geht es an manchen Stellen auch um meine Überzeugungen und natürlich wähle ich ganz subjektiv aus, was ich überhaupt retweete. Aber die Menschen in meiner Timeline erhalten ihre Informationen wiederum aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Tweets und bilden sich daraus eine eigene spannende Meinung.

12. Einen Tweet retweete ich dann, wenn er mich „anspricht“, wenn er mir inhaltlich wichtig ist oder wenn ich damit jemandem helfen kann. Ein Tweet, der einfach nur die Meinung einer (tatsächlichen oder vermeintlichen) Mehrheit wiedergibt, ist für mich nur insoweit wichtig, als ich etwas über den twitternden Menschen erfahre. Menschen, die in Tweets Fragen stellen oder sich an Themen/Thesen herantasten sind mir gedanklich näher als Menschen, die forsch ablehnen oder zustimmen. Manchmal hinterfrage ich solche Tweets – weil ich chronisch neugierig bin. Und manchmal bereue ich auch die Nachfrage – aber auch damit lerne ich viel über mich selbst und über die Menschen in meiner Timeline.

13. Es stimmt schon, der Ton macht die Musik. Abfällige Tweets sind in meiner Timeline eher selten, empörte Tweets gibt es durchaus. Aber was macht einen „empörten Tweet“ aus? In meiner Timeline ist Emörung kein „Stilmittel“ oder „Gestaltungsmerkmal“, sondern eher Ausdruck einer Enttäuschung, einer unerfüllten Sehnsucht nach einer besseren Welt. Da schwingt viel Idealismus mit. Diese Sehnsucht und diesen Idealismus zu spüren gibt mir auch immer wieder Hoffnung, daß sich Dinge positiv verändern können. Gerade weil es Menschen gibt, denen viele Dinge, auf die ich nicht/nicht so achte, wichtig sind. Wir brauchen in unserer Gesellschaft Menschen, die Fehlentwicklungen und Mißstände benennen. Es ist oft unbequem und schmerzhaft, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen und so mancher Tweet erinnert mich dann daran, daß es Themen gibt, mit denen ich mich wenig oder gar nicht beschäftige.

14. Ist die Nutzung von Twitter mühelos? Es gibt sie, diese leichten und fröhlichen Gespräche, wo man problemlos „lostwittern“ kann und keine Angst haben muß, den falschen Ton zu treffen. Wie oft aber überlege ich, ob ich überhaupt antworte oder wie ich eine Antwort am besten formuliere. Gerade die Beschränkung auf 140 Zeichen erfordert die Mühe, sich wirklich zu überlegen, was bei den anderen Menschen ankommen könnte, was bei ihnen ankommen soll. Es gibt Sternstunden, in denen geniale Gespräche mit einer Leichtigkeit erfolgen und wo bisher Fremde zu virtuellen Freunden werden, wo Verbindungen entstehen. Es gibt aber auch die mühevollen Versuche sich zu erklären, Fragen zu stellen, anderer Meinung zu sein. Nein, Twittern ist für mich nicht mühelos – aber die Mühe wird meistens belohnt!

15. Negative Reaktionen sind in der analogen Welt genauso schwierig wie in der virtuellen Welt. Eine negative Reaktion ist wie ein unerwünschtes Feedback. Will ich wirklich eine (negative) Antwort, wenn ich etwas twittere? Jein. Natürlich ist mir eine positive oder nachfragende Antwort lieber. Aber eine negative Reaktion kann sehr wertvoll sein. Natürlich muß ich dann erst schlucken, muß überlegen ob und wie reagiere, muß mindestens einmal um den Schreibtisch herumlaufen. Aber eine negative Reaktion, die nicht mich als Mensch angreift, sondern meinen Tweet/meine Äußerung ist immer auch eine Gesprächs- und Lernchance, auch wenn es manchmal schwerfällt diese Chance zu sehen.

16. In unserem Leben haben wir unterschiedliche Rollen. Wir versuchen immer wieder, die tatsächlichen oder vermeintlichen Erwartungen, die an diese Rollen geknüpft sind, zu erfüllen. Das ist schon in der „analogen Welt“ nicht einfach. In meiner Rolle als Anwältin verhalte ich mich anders als in meiner Rolle als Dozentin. Als Anwältin ist mir das (wirtschaftliche) Ziel der Mandanten wichtig, als Dozentin bin ich zwar auch Expertin, aber ich möchte viel mehr mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutieren, (mögliche) Entwicklungen aufzeigen und auf Stolperfallen hinweisen. Hinzu kommen die eher privaten Rollen als Familienmitglied und als Freundin. Schon in der analogen Welt lassen sich diese Rollen nicht immer wirklich trennen, in der virtuellen Welt ist das nicht einfacher. Mit mehreren Twitterkonten kann man natürlich mehrere Rollen „spielen“ (spannend sind in dieser Hinsicht zum Beispiel auch Accounts von Haus- oder Stofftieren, die ihren Eigentümern ganz neue Möglichkeiten geben, eine andere Perspektive und Rolle einzunehmen). Bei meinem Haupttwitteraccount ist die Definition der Rolle und der damit verbundenen Erwartungen (an mich und von mir) ein durchaus spannendes Thema. Welche Seiten von mir zeige ich bewußt und gerne, welche Seite zeige ich (zum Beispiel durch Reaktionen) auch unbewußt? Inwieweit kann und will ich es mir erlauben, „aus der Rolle zu fallen“? Spannende Fragen, die ich irgendwann an anderer Stelle vertiefen sollte. Mir ist es jedenfalls zu einfach und zu eindimensional, nur auf das Aufrechterhalten bestimmter Eindrücke und das Vermeiden von kontroversen Meinungsäußerungen zu achten. Das mag zu machen Rollen passen, verallgemeinern läßt sich das nicht.

17. Ja, Tweets können zu Mißverständnissen und Meinungsverschiedenheiten führen. Das habe ich auch schon erlebt und manchmal ist das auch schmerzhaft. Aber immer wieder habe ich auch erlebt, daß sich das Netz solidarisch zeigt, daß Twitter Menschen verbindet und die Einsamkeit für einen Moment aufhebt. Es gibt Menschen, die verbinden, es gibt Themen, die verbinden und es gibt Tweets, die verbinden. Nicht immer, nicht täglich – aber oft genug, um Twitter als guten Ort wahrnehmen zu können. Ich möchte an dieser Stelle zwei Beispiele nennen, die leider schon verstorbene Menschen betreffen:
– Johannes Korten, der das Netz als guten Ort bezeichnete
– Sabine Nowak, die als @missmarple76 zahlreiche Menschen mit Hilfe von Twitter und lokalen Veranstaltungen vernetzt hat und für die twitternde Menschen gemeinsam eine Gedenkanzeige ermöglicht haben.

Für mich ist gerade die Vielfalt der Ansichten, Interessen und Themen eine Bereicherung. Nicht immer bin ich über die Vielfalt sofort begeistert, manchmal schlucke ich schwer, spüre inneren Widerstand, bin verärgert – aber schon wenn ich darüber nachdenke, warum mich etwas ärgert, berührt, traurig macht ist dies auch ein Lernen für mich.

18. Natürlich können Tweets (vor allem unbedachte Tweets) auch das „Bild“, das Menschen von einem haben, beschädigen. Tweets können das Bild aber auch ergänzen, vervollständigen, verschönern. Tweets sind insofern Mosaiksteine, die zum Bild dazugehören – manche sind schön, manche halt nicht.

19. Nicht Twitter liefert mir eine Bestätigung, sondern die Menschen, die twittern „liefern“ mir Gesprächsanlässe, Gespräche und Denkanstöße. Für mich ist das ungeheuer wertvoll und ich denke an viele Twittergespräche gerne zurück!

20. Twitter als wertezerstörende Technologie? Es ist immer die Frage, wie wir Menschen, wir Nutzer die Technologie nutzen. Es mag durchaus Nutzungsarten geben, die meinen Werten nicht entsprechen. Das bekomme ich aber in der Regel nicht mit, da ich zwar vielen Menschen mit durchaus unterschiedlichen Ansichten folge – aber für mich der „respektvolle Umgang“ miteinander eine Grundvoraussetzung ist. Gerade in meiner Timeline war das Thema „Werte“ in den letzten ein bis zwei Jahren relativ oft ein Gesprächs- und Diskussionsthema – eben in der Hinsicht, wie wir selber mit Werten umgehen, was für uns wichtige Werte sind und wie wir diese Werte „bewahren“ können. Es sind nicht die Technologien an sich, die Werte zerstören, sondern das, was wir Menschen mit diesen Technologien und Möglichkeiten machen können. Wir können Gutes oder Schlechtes bewirken – das ist bei der Nutzung von Twitter nicht anders als bei anderen Themen.

Fazit
Für mich ist die Twitternutzung – trotz vieler Änderungen, die ich nicht mag, trotz mancher mühsamer Diskussion, trotz mancher unschöner Tweets – immer noch etwas, was ich als positiv empfinde, was mir Spaß macht und was mich „weiterbringt“. Daher bin ich auch über die 20 Thesen von Heiko dankbar, der mir wirklich in vielem aus dem Herzen spricht!

Ohne Twitter wären mir viele Menschen nicht „begegnet“, die heute virtuell oder auch analog mein Leben bereichern.

Grundlos nett?

Heute ist der „Tag der grundlosen Nettigkeiten“ – ein Thema, das gut zu meinem letzten Blogbeitrag zum „Tag der Komplimente“ paßt. Verwirrend ist für mich die Verbindung von „nett“ und „grundlos“.

Nett?
Was bedeutet es eigentlich „nett“ zu sein? Oder wann empfindet man andere Menschen als „nett“? Für mich ist „nett“ vor allem ein Synonym für freundlich. Ich empfinde mich selbst als nett oder freundlich, wenn ich andere Menschen (auch unbekannte Menschen) begrüße, ihnen zum Beispiel ein schönes Wochenende wünsche, ihnen die Tür aufhalte oder mich bedanke, wenn mir die Tür aufgehalten wird. Es sind die kleinen Interaktionen des Alltags, die auch einen grauen Tag etwas sonniger und wärmer erscheinen lassen. Das freundliche Lächeln im Bus, im Supermarkt, im Café, ein freundliches Wort in tausendfach wiederkehrenden Alltagssituationen. Durch diese kleinen „netten“ und „freundlichen“ Interaktionen entsteht manchmal ganz zart eine Verbindung zwischen den Menschen, ein einzelner Faden, der sich – wenn er entsprechend gepflegt und verstärkt wird – im Laufe der Zeit zu einem Netz ausweiten kann.

Grundlos?
Braucht Freundlichkeit wirklich einen Grund? Es ist dieser Punkt, der mich verstört und verwirrt. Es klingt so, als ob ich am Ende eines Tages sagen könnte: Heute war ich freundlich, weil ….. Das empfinde ich für mich als falsch. Ja, manchmal (an besonders grauen Tagen) muß ich schon bemühen, freundlich zu sein. Das Lächeln oder der Wunsch für ein schönes Wochenende geht auch mir nicht immer und nicht bei jedem Menschen leicht über die Lippen. Was ist also der „Grundzustand“? Begründet freundlich (weil ich mir etwas davon verspreche) oder grundlos unfreundlich (weil es leichter ist, sich nicht anzustrengen)? Was auf den ersten Blick nach einer banalen Frage aussieht, hat beim zweiten Blick mehr Bedeutung und Brisanz für die heutige Zeit als ich anfangs dachte. Die Frage, wie einander unbekannte oder wenig bekannte Menschen sich begegnen, egal ob online oder offline, bestimmt sehr stark, wie wir miteinander umgehen. Sehen wir uns gegenseitig als freundlich und friedlich gestimmt – eben als Menschen – oder sehen wir uns (oder manche von uns) eher als Gegner, als Feinde. Dazu paßt die Geschichte „Der Tempel der 1000 Spiegel“ ganz wunderbar – wer diese (kurze) Geschichte noch nicht kennt, sollte sie unbedingt lesen.

Gesellschaft als Spiegel?
Es heißt so schön „wie man in den Wald hineiruft, so schallt es heraus“ und das paßt auch gut zu der Geschichte mit den 1000 Spiegeln. Da wo ich es schaffe freundlich aufzutreten, da erlebe ich meistens auch grundsätzlich freundliche Reaktionen. Freundliche Reaktion heißt dabei nicht, daß Menschen dann meine Meinung teilen oder meine Wünsche oder Forderungen erfüllen. Es ist einfach erst einmal die Ebene, auf der wir über Meinungen, Wünsche oder Forderungen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – überhaupt sprechen können. Es ist in gewissem Sinn die grundlegende Botschaft „ich bin ok, Du bist ok“, die ein (gutes) Gespräch überhaupt erst ermöglicht.

Nur da wo ich selber andere Menschen so behandele, wie ich auch behandelt werden möchte, habe ich eine Chance, selber „gut“ und „freundlich“ behandelt zu werden. Diese Chance habe ich bei jeder neuen Interaktion, bei jedem neuen Kontakt immer wieder. Diese Chance habe ich auch dann, wenn eine Interaktion gerade schlecht gelaufen ist, wenn ich mich geärgert habe, wenn ich mich selbst oder andere als unfreundlich empfinde. Das Leben bietet laufend neue Chancen!

Schaffen wir es gerade in diesem Jahr bei allen Unterschieden in unseren Meinungen und Einschätzungen freundlich miteinander umzugehen? Ich werde versuchen, meinen Teil beizutragen!

Heute schon etwas Nettes gesagt oder geschrieben?

Heute ist der Tag der Komplimente. Ein Tag, dessen Bezeichnung mich gerade angesichts der an vielen Orten zunehmenden „Kommunikationsunkultur“ einerseits ein bißchen ratlos macht, andererseits dazu motiviert über mein eigenes Kommunikationsverhalten (gerade auch in sozialen Medien) nachzudenken.

Das Spiel mit Nähe und Distanz
Vor ein paar Jahren habe ich an der Akademie der Ruhr-Universität eine zweijährige Weiterbildung im Bereich Mediation und Konfliktmanagement absolviert. Es war eine Zeit, in der ich natürlich viel über Mediation, Konflikte und Methoden zur Konfliktlösung gelernt habe. Gleichzeitig habe ich aber auch viel über mich selbst gelernt – gerade auch im Hinblick auf mein Auftreten, meine Selbstwahrnehmung und die (jeweilige) Fremdwahrnehmung. Kommunikation spielt da natürlich eine große Rolle. Es war interessant und gleichzeitig eine Herausforderung, dieses Thema auch in der Studienarbeit zum Thema Kooperation zu vertiefen. Meine berufliche Herangehensweise, die sich auch in meiner Kommunikation zeigt, ist von der Tendenz her „kritisch-analytisch“. Eine Herangehensweise, die natürlich mit einer gewissen Distanz verbunden ist. Diese Distanz empfinde ich für mich im beruflichen Bereich als hilfreich und notwendig, vor allem um (rechtliche) Probleme überhaupt zu sehen und ansprechen zu können. Die (fast natürliche) Folge ist eine eher fehler- und defizitorientierte Gesprächskultur – ich sehe das, was fehlt, was falsch ist, was problematisch ist und auch mir wird eher berichtet, was fehlt, noch nicht fertig ist, noch gemacht werden muß. Dank und Lob gibt es natürlich auch – aber schon eher selten und in eher kleinen Portionen. Ich schreibe das nicht, weil ich jetzt bemitleidet werden möchte, sondern eher als Ausgangspunkt meiner Überlegungen, die auch mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun haben.

Kooperation ist aber gerade auch das Herstellen von Nähe – kommunikativer Nähe. Das war für mich ein durchaus schwieriger Aspekt, mit dem ich mich für meine Studienarbeit bewußt beschäftigen mußte.

Meine damalige Aufgabe an mich: etwas Nettes schreiben
Im Januar 2012 durfte ich meine Studienarbeit als erste in unserer Gruppe präsentieren. Ich hatte lange überlegt, wie ich das Thema angehe. Schriftlich hatte ich zu dem Thema Nähe und Distanz einige persönliche Absätze geschrieben, aber ich wollte das, was ich gelernt hatte, auch in der Praxis „zeigen“. Nach längerem Nachdenken kam ich auf die Idee für jeden Teilnehmer der Weiterbildung einen eigenen Briefumschlag mit einer freundlichen Botschaft zu schreiben. Bei einigen, mit denen ich damals befreundet war, fiel mir das ziemlich leicht. Bei einigen weiteren, mit denen ich mich gerne unterhielt, war das auch noch ziemlich einfach. Aber bei einigen war es auch ziemlich schwierig. Nicht jeder Kursteilnehmer war mir in den zwei Jahren gleichermaßen ans Herz gewachsen ……. Ich weiß heute nicht mehr, was ich den Einzelnen geschrieben habe und das ist auch nicht wichtig. Es war das bewußte Durchbrechen von Distanz und kritischer Analyse, die für mich ein besonders schönes Erlebnis war.

Und was hat das mit dem Tag der Komplimente zu tun?
Meine damalige Erfahrung hat interessanterweise viel mit dem Tag der Komplimente zu tun. Ich sehe einerseits oft sehr überschwängliche Worte, die ich selber nicht nutzen würde (Beispiel: die wunderbare X, der wunderbare Y), ich sehe andererseits oft sehr harte Worte, die aufgrund der räumlichen Distanz und der Wortwahl als noch einmal härter wahrgenommen werden, als sie (vermutlich) gemeint sind. Aus harten Worten werden dann oft harte und feindliche Schlagabtäusche, die mit Gesprächen und Kommunikationskultur nichts mehr zu tun haben. Wie wahr fühlt sich da oft der Ausspruch „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ an.

„Dummerweise“ können wir aber nicht allein existieren. Der Ausspruch „Niemand ist eine Insel“ macht das deutlich – Gesellschaft braucht eine gewisse (kommunikative) Nähe. Diese Nähe kann durch einen Gruß, ein freundliches Wort oder ein Lächeln entstehen. Nadia Zaboura hat das auf Twitter vor kurzem als „soziales Gewebe“ bezeichnet. Eine schöne Bezeichnung wie ich finde.

Das Gewebe der freundlichen und netten Äußerungen
Der Begriff des Kompliments hat mir immer Bauchschmerzen bereitet, weil das lobende oder schmeichelnde Element so stark herausklang. Es stellt sich jedoch ganz anders dar, wenn wir eher an wohlwollende oder freundliche Äußerungen denken. Komplimente sind dann nicht mehr „freundliche Lügen“ (Du siehst heute aber gut aus) oder aktueller „alternative facts“, sondern ein Faden im Gewebe der Gesellschaft – ein Faden, der ein Gespräch werden kann – was wiederum wunderbar zum Begriff des „Threads“ (Gesprächsfaden) paßt. Wenn aus einzelnen Fäden ganz viele Gesprächsfäden werden, dann können wir gemeinsam Gesellschaft gestalten.

Ja, mir fällt es heute noch weniger als damals (für meine Kurskollegen) leicht, gute und freundliche Worte für die Menschen zu finden, deren Einstellungen, Worte und Handlungen ich ablehne. Aber mit völliger Ablehnung spiele ich das Spiel mit und schneide Fäden ab und ich habe gerade nicht das Gefühl, das zerschnittene Fäden ein gutes soziales Gewebe sind. Vielleicht schaffe ich es nicht, die Worte zu schreiben oder auszusprechen – aber (und auch das ist etwas, was ich aus der Weiterbildung mitgenommen habe) ich werde intensiv darüber nachdenken, welchen guten Grund jede(r) Einzelne hat, so zu reden und zu handeln, wie er/sie es tut.

Die Sprache der Digitalisierung ….

Freitag war ich auf einem Summit in Essen. Leider war ich etwas spät dran und so habe ich die Keynote und die ersten Vorträge „Thing big“, „Shift your brand and earn money“ und „From idea to growth“ verpaßt. Aber ich war rechtzeitig zum Fireside-Chat über „The major triad“ da. Sozusagen die letzte Runde vor dem Lunch-Break.

Nach dem Lunch-Break ging es mit einem Afterlunch Kickoff weiter, bevor die Themen „Customer Connectivity“ und „Let’s get together“ behandelt wurden. Irgendwann habe ich von der Conference zu den Sessions gewechselt – dort ging es „Stumbling Blocks & Bottlenecks“, „Local Connections“ und „People and Potentials – Digital Skills“. Leider reichten meine Skills nicht aus, um rechtzeitig an den Coffee Break zu denken und so habe ich die Muffins verpaßt. Auch Matchmaking und SpeedDating sind an mir vorbeigerauscht.

Auf die Session zu „Dedication & Loyalty“, das Networking und das Dinner Buffet habe ich dann verzichtet.

Mich hat es – ganz ehrlich – nicht angesprochen! Und genau darum geht es mir „hier“: Natürlich nutze auch ich viele „denglische“ Begriffe, wenn es um den Bereich Internet und Digitalisierung geht. Aber am Freitag waren es – für meinen Geschmack – einfach zu viele „englische“ beziehungsweise „denglische“ Begriffe, die für den Inhalt weder hilfreich noch notwendig waren. Verstecken wir uns hier hinter einer (vermeintlichen) Fachsprache, um uns noch weniger mit Digitalisierung inhaltlich zu beschäftigen?

#EUdialogues – der Nichtdialog der EU

Heute, gerade während ich diesen Blogbeitrag schreibe, findet in Köln der Bürgerdialog im Schokoladenmuseum statt. Alle Bürgerinnen und Bürger sind – angeblich – herzlich eingeladen, über die Zukunft Europas und Ihre Wünsche und Vorstellungen zu diskutieren. Alle? Nein, nicht alle. Denn nur die Bürgerinnen und Bürger, die es tatsächlich geschafft haben, einen Platz in Köln zu ergattern, können diskutieren. Ein Livestream war laut Einladung geplant, so steht es auch auf der Seite zum Bürger-Dialog. Aber: es gibt ihn nicht. Ich bin bei dieser Veranstaltung doppelt gescheitert – ich hatte mich für die Veranstaltung angemeldet, jedoch nur einen Platz auf der Warteliste bekommen. Ich muß wohl nicht erwähnen, daß es keine weiteren Rückmeldungen gab. Also habe ich auf den angekündigten Livestream vertraut. Ich habe den Hashtag bei Twitter verfolgt – um den Ort und Beginn eines Livestreams rechtzeitig mitzubekommen. Fehlanzeige! Erst auf Nachfrage bekam ich die Information, daß es keinen Livestream gibt. Das Denkwürdige: gerade an dem Abend, an dem der Digital Kommissar Oettinger dabei ist, gibt es keinen Livestream. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Und der Dialog? Findet halt nicht statt. Zumindest findet kein Dialog statt, an dem ich irgendwie teilnehmen könnte. Ich wurde statt dessen auf eine Seite verwiesen, wo ich Fragen zur EU stellen kann. Hallo? Ich habe keine Fragen zur EU – ich wollte gerne über die EU diskutieren und zwar mit dem Digitalkommissar. Dieser Dialog ist anscheinend weder möglich noch gewollt.

Dialog mit den Bürgern? Leider nur hinter verschlossenen Türen – das ist das Bild, das Europa heute (und ehrlich gesagt nicht nur heute) bei mir hinterläßt!