Neue Gedanken zum Thema Barcamp

Schon öfter habe ich in diesem Blog etwas über Barcamps geschrieben. Ich habe den Besuch meines ersten Barcamps beschrieben, mir grundsätzliche Gedanken zum Thema Barcamp gemacht, an den Blogparaden „Mein erstes Barcamp“ und „Was ist der Nutzen von Barcamps“ teilgenommen. Als Insa Künkel gestern fragte „Bist du ein #Barcamper? Dann sage mir auf meinem Blog, was dich daran fasziniert.“

fühlte ich mich – natürlich sofort angesprochen. Gleichzeitig machten (und machen) mich zwei Blogbeiträge von Torsten Maue und Christian de Vries nachdenklich.

Was fasziniert mich also an Barcamps?
Im Laufe der Jahre habe ich ziemlich viele Konferenzen, Tagungen, Workshops, Seminare und (Weiterbildungs-) Veranstaltungen aller Art besucht. Meistens gab es ein verbindendes Merkmal: der- oder diejenige „vorne“ sprach, alle anderen hörten zu – manchmal mit der Möglichkeit in den letzten Minuten ein paar Fragen zu stellen. Wie oft habe ich bedauert, daß es keinen Austausch, keine Diskussion, keine Ideensammlung mit allen Anwesenden gab, wie oft war ich enttäuscht, wenn hochaktuelle Entwicklungen überhaupt nicht oder nur am Rande angesprochen wurden, wie oft war ich genervt, wenn der/die Vortragende meine Erwartungen nicht erfüllte.

Was aber ist bei Barcamps anders?
– es finden zeitgleich mehrere Sessions statt, man kann also auswählen, was man sich anhört (und bei Nichtgefallen kann man die Session auch verlassen)
– jeder kann ein Thema/eine Frage als Session anbieten – eben auch als Diskussionssession
– in den meisten Sessions freuen sich die Sessiongeber, wenn die Anwesenden mitdiskutieren
– durch die Diskussionen in den Sessions und auch durch die Twitterbegleitung der Sessions finden sehr viele spannende Gespräche statt (online und offline)
– manchmal ergeben sich Sessionvorschläge auch aus Gesprächen und Diskussionen am ersten Tag (so zum Beispiel meine Session mit Heinz Wittenbrink beim Content Strategy Camp in Dieburg und meine Session mit Norbert Tuschen und Timo Stoppacher beim Barcamp Düsseldorf)
– weil die Teilnehmer das konkrete Programm erst am jeweiligen Tag gemeinsam planen, ist das Format hochaktuell, sehr flexibel und läßt viel Raum für Spontanität.

Ja, klar – nicht alle Sessionthemen sind immer für mich interessant. So manche Sessionrunde habe ich auch plaudernd verpaßt – aber manchmal sind die persönlichen Gespräche, die sich zufällig ergeben – für den Moment wichtiger. Es sind oft Gespräche, die zu neuen Ideen oder Projekten führen, die Kontakte aufbauen oder vertiefen.

Die Schwachstellen …..
Natürlich haben Barcamps auch Schwachstellen. Ole Wintermann hat schon 2012 in einem Blogbeitrag einige benannt, Torsten Maue hat in seinem Blogbeitrag weitere „Baustellen“ aufgelistet, die ich in einem gewissen Ausmaß auch so erlebe.

Verbindlichkeit und Anspruchsdenken?
Die Finanzierung von Barcamps und damit zusammenhängend die Preisgestaltung bei den Barcamptickets sind sicherlich komplexe Themen, zu denen es viele unterschiedliche Meinungen gibt. Das grundsätzliche Problem bei „gekauften“ Tickets ist ein manchmal entstehendes Anspruchsdenken der Teilnehmer – sowohl im Hinblick auf „erwarteten Service“ als auch auf „Übertragbarkeit“ oder „Erstattung“ von Tickets. So ärgerlich kurzfristige Absagen oder zahlreiche spontan Ausbleibende („No Shows) sind, so wenig führt eine Ticketgebühr automatisch zu mehr Verbindlichkeit. Der gezahlte Preis erweckt manchmal eher den Eindruck, daß man ja – wie mit einer Konzert- oder Theaterkarte – damit machen kann, was man will. Das „Gemeinsame“ des Barcamps scheint manchmal in den Hintergrund zu rücken.

Themenvielfalt?
Nach zwei Jahren Barcamps sind mir viele Themen und die dazugehörigen Akteure bereits bekannt. Auch wenn es sicher immer wieder neue Entwicklungen/neue Tools gibt, ist eine vierteljährliche Teilnahme an einem bestimmten Thema nicht so wirklich spannend. Das gilt natürlich auch für meine Themen. Für mich selbst habe ich mir daher die Aufgabe gestellt, immer wieder neue Themen zu erarbeiten. Gerade die Diskussionsthemen (siehe oben) waren insofern für mich wirklich spannend!

Begrenzt durch die Filterbubble?
Interessanterweise habe ich den Aspekt „Themenvielfalt“ auf den Barcamps in meiner Region (Köln und Düsseldorf) stärker wahrgenommen als in Dieburg. Warum? Weil ich in Köln und Düsseldorf natürlich viele Teilnehmer (und ihre Themen) schon kannte. Gerade die abweichende Zusammensetzung des Teilnehmerfelds in Dieburg hat zu neuen Gedanken, Gesprächen und Diskussionsthemen geführt. So schön es ist, bestehende Kontakte zu vertiefen (und ich möchte das nicht missen!), so wichtig ist es auch, immer wieder über den persönlichen und thematischen Tellerrand hinauszuschauen. Das ist mir in Dieburg bei dem langen abendlichen Gespräch mit Heinz Wittenbrink sehr klar geworden.

Mut zu Neuem?
Es ist nicht nur die Themenvielfalt an sich, die mich manchmal beschäftigt, es ist auch der Mut, neue Sessionformen anzubieten und auszuprobieren. In den letzten zwei Jahren habe ich schon ein besseres Gespür entwickelt, herauszuhören, was sich hinter den jeweiligen Sessionvorschlägen versteckt. Gut gemachte Vorträge höre ich mir (wenn die Themen mich interessieren) durchaus an, aber noch verlockender sind oft Diskussionssessions oder auch „Testläufe“ mit anderen Formaten. Dazu gehören natürlich zwei Seiten – die mutigen Sessionanbieter (wobei zu manchem Format oder Testlauf auch einiges an Vorbereitung gehört) und die mutigen Sessionteilnehmer. Ein Thema, an dem ich auch (auf beiden Seiten) noch arbeiten muß …..

Und danach?
Christian de Vries spricht mit seinem Blogbeitrag einen wunden Punkt an. Ich schreibe eigentlich relativ selten über die von mir besuchten Barcamps. Während des Barcamps twittere ich live und mit großer Ausdauer, nach dem Barcamp überlege ich mir zwar noch, welche Aspekte sich für einen Blogbeitrag eignen, aber meistens bleibt es bei dem Gedanken. Und zu meiner Verteidigung sage ich mir dann immer, daß es besser ist keinen Beitrag zu schreiben als einen schlechten Beitrag …….

Aber – und da treffen sich die Beiträge von Christian de Vries und von Torsten Maue mit der Frage von Insa Künkel – wie können wir Neuen das Barcampformat so schildern, daß sie auch voller Vorfreude und Neugier teilnehmen, ihre Themen und Fragen einbringen und gemeinsam mit uns immer wieder etwas Neues gestalten? Wir können natürlich Blogbeiträge schreiben, wir können aber auch über andere Wege nachdenken – auch über Wege, die uns das Schreiben von Blogbeiträgen oder Beiträgen in Netzwerken erleichtern. Ein möglicher Weg sind die sessionbegleitenden Etherpads, die bei manchen Barcamps eingerichtet und betreut werden. Gut gefallen hat mir auch das Storify von Ralf Neuhäuser, das die Session von Ulrike Zecher zusammenfaßt. Vermutlich gibt es viele weitere Möglichkeiten, wie wir attraktive Berichte über Barcamps und Sessions „verfassen“ können. Der „Bericht“ ist aber nur eine Seite.

Die langfristigen Wirkungen ….
Ein Barcamp ist erst einmal ein einzelnes Ereignis. Aber die Menschen, die sich dort begegnen, miteinander diskutieren, sich über Twitter oder andere Netzwerke verbinden, begegnen sich auch an anderen „Orten“ (online und offline). Angefangene Gespräche werden weitergeführt, neue Themen und Aspekte kommen hinzu – oft entstehen Ideen für gemeinsame Aktivitäten und manchmal auch konkrete Projekte. Dieser Teil läßt sich manchmal aus den Barcampberichten herausfühlen, selten wird er jedoch konkret angesprochen. Vielleicht sollten wir auch diese Geschichten einmal erzählen – denn auch damit könnten wir Menschen begeistern!

Mein Fazit
Ja, ich bin fasziniert von Barcamps. Aber ich habe gelernt, daß ein für mich gutes Barcamp zu einem gewissen Ausmaß auch davon abhängt, was ich in das Barcamp „reinstecke“ und wie offen ich für neue Kontakte, neue Themen und neue Erfahrungen bin. Im besten Fall ist es eine gelungene Gratwanderung zwischen dem Neuen und dem Vertrauten, im schlimmsten Fall entweder fremd oder langweilig. Aber „richtig schlimm“ war es bisher noch nie!

Twitter und die Relevanz unerwünschter Inhalte ….

Seit 2009 nutze ich Twitter. Gerade in den letzten zwei bis drei Jahren habe ich mir eine spannende Timeline aufgebaut, in der ich Inhalte finde, die mich interessieren, die mich „stören“ und die mich zum Nachdenken anregen. Im Laufe der Zeit habe ich über Twitter viele gute Gespräche geführt – gerade auch da, wo ich mich mit völlig anderen Ansichten und Lebenserfahrungen auseinander gesetzt habe. Auch wenn „meine“ Zusammenstellung sicher nicht perfekt ist, so habe ich im Laufe der Zeit doch ein gewisses Gefühl für wichtige Strömungen und ein gewisses Grundvertrauen in meine Timeline und die darin angesprochenen Themen entwickelt. Dieses gute Gefühl beruht zu einem großen Teil darauf, daß ich eben nicht „jedem“ folge und durchaus Zeit und Sorgfalt in die Zusammenstellung meiner Timeline stecke.

Und jetzt?
In den letzten Wochen mehren sich die Anzeichen, daß unangenehme Neuerungen ins Haus stehen. Unangenehm deshalb, weil die von Twitter angedachten „Neuerungen“ meine Auswahl und Autonomie in Frage stellen. Auf Twitter selbst findet man mittlerweile eine „erweiterte“ Beschreibung der „Timeline“. Irritierend ist dabei für mich vor allem der dritte Absatz:

Außerdem fügen wir möglicherweise auch einen Tweet, einen Account, dem Du folgen solltest oder sonstige beliebte bzw. relevante Inhalte zu Deiner Timeline hinzu. Das bedeutet, dass Dir manchmal Tweets von Accounts angezeigt werden, denen Du nicht folgst. Wir wählen jeden Tweet anhand vieler Faktoren einschließlich der Beliebtheit und der Interaktion von Personen in Deinem Netzwerk damit aus. Unser Ziel besteht darin, Deine Timeline auf der Startseite noch bedeutungsvoller und interessant zu gestalten.

Neben einer Zunahme von gesponsorten Tweets (die in der Timeline-Beschreibung auch ausdrücklich erwähnt werden) drohen also weitere „fremde“ Inhalte. So tauchen wohl mittlerweile fremde Tweets, die von Followern ein „fav“ erhalten haben, in manchen Timelines auf. Nach ersten Berichten sind viele Twitternutzer wenig begeistert. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es zunehmend Berichte über die möglichen Neuerungen und die Reaktionen der Nutzer.

Fremde Inhalte – na und?
Bisher sind die in den Berichten erwähnten Änderungen in meiner Timeline noch nicht aufgetaucht – und darüber bin ich auch sehr froh. Trotzdem habe ich über dieses Thema in den letzten zwei Wochen intensiv nachgedacht. Ganz klar: über die möglichen Neuerungen freue ich mich nicht. Für gesponsorte Tweets habe ich – unter dem Aspekt der Finanzierung – Verständnis. Ich würde mich zwar über andere Modelle (zum Beispiel eine bezahlte „werbefreie“ Timeline) freuen, aber in einem gewissen Sinn ist Werbung die „Kröte“, die ich für die kostenfreie Nutzung von Twitter halt „schlucken“ muß. Aber damit hört mein Verständnis auch schon auf. Ich möchte weder Tweets, die von Menschen aus meiner Timeline gefavt wurden noch „beliebte“ oder „relevante“ Inhalte von Personen erhalten, denen ich bisher nicht folge. Warum?

Twitterer nutzen die Fav-Funktion sehr unterschiedlich. Manche drücken darüber ihr Einverständnis aus, ihr Schmunzeln über lustige Sprüche oder Begegebenheiten, andere wiederum nutzen Favs, um Links oder Tweets für später zu „merken“ oder direkt (zum Beispiel in Evernote) zu speichern. Ich selbst unterscheide für mich sehr deutlich, ob beziehungsweise wie ich auf einen Tweet reagiere. Ein „Fav“ ist für mich eher eine Interaktion im Dialog – ein kleines Dankeschön, ein virtuelles Lächeln oder Winken. Diese Dialoginteraktion ist natürlich auch für andere sichtbar – für Tweetdecknutzer zum Beispiel in der Spalte „Activity“. Es ist aber ein Unterschied, ob etwas für andere „sichtbar“ ist oder ob sie es „ungewollt“ in ihrer Timeline finden. Wenn ich etwas in die Timeline meiner Follower bringen möchte, dann entscheide ich mich bewußt für einen Retweet. Diese – bewußte – Entscheidung übergeht Twitter, wenn plötzlich gefavte Tweets in der Timeline auftauchen. Und ganz ehrlich: gerade eben habe ich mir auch die Frage gestellt, ob ich unter dieser Maßgabe die Fav-Funktion überhaupt noch nutzen möchte ……

Noch ärgerlicher finde ich den Gedanken, daß völlig fremde Tweets in meiner Timeline auftauchen, weil es sich um „beliebte“ oder „relevante“ Themen handelt. Gerade die Erklärung von Twitter, daß die Auswahl von vielen Faktoren – unter anderen Beliebtheit und Interaktion von Personen in meinem Netzwerk – abhängt, bereitet mir Bauchschmerzen. Meine Timeline ist sehr bunt und enthält damit auch immer wieder Themen, die ich „freundlich ignoriere“, weil sie mich persönlich nicht berühren, aber mich bei den Menschen in meiner Timeline auch nicht stören. Spontan fallen mir Themen wie Fußball, Fernsehsendungen à la „Bachelorette“ und Twitter-Chats wie zum Beispiel der #edchatde ein. Zu den entsprechenden Zeiten sind diese Themen in meiner Timeline sehr beliebt und es finden dazu viele Interaktionen statt. Trotzdem sind diese Themen für mich nicht relevant. Ein „mehr“ an Tweets zu diesen Themen ist daher eher abschreckend als „bedeutungsvoll und interessant“.

Angst vor fremden Inhalten?
Schon im August hat Daniel Fiene in einem Blogpost gefragt, ob wir Angst vor fremdem Wissen haben. Grundsätzlich eine gute Frage – aber gleichzeitig auch eine Frage, die den Kern des Problems für mich nicht trifft. Es ist kein „Angebot“ von Twitter, mir zusätzlich – wenn ich denn will – interessante Inhalte vorzuschlagen. Damit hätte ich kein Problem und vermutlich würde ich (aus Neugier) eine solche zusätzliche Spalte sogar bei Tweetdeck einrichten. Es ist nicht die Angst vor den Inhalten oder dem damit verbundenen Wissen – denn auch Retweets dieser Inhalte könnten ja jederzeit in meine Timeline kommen – sondern das Nichtachten meiner Auswahl. Es mag durchaus sein, daß mir gelegentlich spannende Themen und Inhalte entgehen und daß es Menschen gibt, denen ich unbedingt auch noch folgen sollte. Meine bisherige Erfahrung mit Twitter ist, daß mich wichtige Themen „irgendwie“ erreichen. Für mich reicht das – vor allem, da ich Twitter mehr zum Gespräch als zur reinen Information nutze. Insofern stört es mich, wenn Twitter (oder ein anderer Dienst) mir nicht nur Vorschläge macht, sondern tatsächlich über die Werbung hinaus in „meine“ Timeline eingreift. Letztendlich hat @PickiHH recht, wenn sie schreibt „Es ist halt eben nicht DEINE Timeline, sondern Twitters Timeline“.

Gerade eben habe ich noch ein „Beispiel“ entdeckt, wie gravierend die Auswirkungen sein können. Das konkrete Beispiel macht mich gerade nachdenklich und ratlos. Jeder „unerwünschte“ Tweet ist eigentlich schon ein Tweet zuviel – aber gar 40%?

Unerwünschte Inhalte sind ….
…. halt unerwünscht. Es ist der Gedanke der „Zwangsbeglückung“, die Idee des „wir wissen besser als Du selbst, was Du lesen möchtest“, der mich stört. Genauso genervt bin ich, wenn Anrufer mir Wein und Teppiche anbieten. Die üblichen „cold calls“ eben. Ähnlich genervt wäre ich, wenn ich mir im Fernsehen eine Dokumentation anschauen möchte und mir plötzlich stattdessen – mit der Begründung „Dein Netzwerk schaut das“ – eine völlig andere Sendung eingeblendet werden würde. Der unerwünschte Inhalt ist ein Störfaktor und gerade bei Twitter empfinde ich den Störfaktor stärker, weil es „bisher“ anders war (in meiner Timeline noch anders ist).

Die Folge?
Noch habe ich die Hoffnung, daß sich Twitter eines Besseren besinnt (und die Hoffnung stirbt bekanntlich ja zuletzt). Insofern denke ich weder an Weggang noch an Streik. Natürlich werde ich die Entwicklung und meine Timeline jetzt kritischer beobachten. Enttäuscht bin ich trotzdem, denn ich habe den Eindruck, daß Twitter selbst den eigenen Vorteil gegenüber anderen Plattformen überhaupt nicht verstanden hat. Schade! Aber vielleicht ist Twitter ja lernfähig, denn unerwünschte und damit „kalte“ Tweets sind eben nicht für alle Nutzer bedeutungsvoll und interessant.

Das „Wie“ bestimmt den Nutzen …..

„Was ist der Nutzen von Barcamps“ fragt Rouven Kasten im Rahmen der Blogparade des Callcenter-Barcamps. Eine spannende Frage, die für mich aber ganz deutlich davon abhängt, wie ich als „Besucherin“ ein Barcamp nutze. Im folgenden möchte ich mir ein paar Gedanken über „Barcamp-Nutzungsarten“ und die daraus folgenden „Ergebnisse“ machen.

Grundsätzlich ermöglichen Barcamps – gerade auch im Gegensatz zu klassischen Konferenzen – eine sehr aktive Teilnahme. Doch auch eher zurückhaltende oder passive „Nutzungsarten“ sind möglich.

Zuhören und lernen
Was bei klassischen Konferenzen, Workshops und Vorträgen möglich ist, paßt natürlich auch bei Barcamps: man kann zuhören und dabei lernen. Es mag ungewohnt sein, daß man vorher nicht weiß, wer über welche Themen sprechen wird. Aber wenn ich zurückdenke, wie oft sich ein verheißungsvoll klingender Vortragstitel als inhaltlich enttäuschend herausgestellt hat, dann nehme ich diese „Unsicherheit“ gerne in Kauf. Bisher habe ich auf jedem Barcamp eine große Vielfalt unterschiedlicher Themen und Fragestellungen erlebt. So manche „unspektakulär“ klingende Session hat sich im Nachhinein als Lernjuwel herausgestellt. Ein Beispiel: die Session von Roland Judas beim Barcamp Köln zum Thema „Uberfication“. Was zunächst nur nach einem Taxi-/Mietwagenthema klang, entpuppte sich für mich beim weiteren Nachdenken als eine Diskussion über grundlegende Fragen zum Internet und zu digitalen Geschäftsmodellen.

Erfahrungen und Wissen teilen
Beim Thema „Uberfication“ habe ich tatsächlich nur zugehört, getwittert und nachgedacht. Bei vielen Themen kann ich jedoch meine Erfahrungen und mein Wissen einbringen. Gerade Sessions in denen Fragen diskutiert werden, bieten viele Möglichkeiten, über eigene gute oder schlechte Erfahrungen zu berichten, selber Fragen zu stellen, Buchtipps oder Links zu guten Internetquellen zu teilen. Meine Erfahrung: gerade wenn ich mich in den Sessions geäußert habe, haben sich für mich gute Gespräche ergeben. Selbst ein einfacher Buchtipp kann ein guter Gesprächsanlaß sein.

Vernetzen
Zugegeben: die „körperliche Anwesenheit“ auf einem Barcamp führt nicht automatisch zu guter Vernetzung – genausowenig wie die Teilnahme an Konferenzen. Vielmehr erfordert Vernetzung das aktive Tätigwerden. Am frühen Morgen fällt mir das manchmal durchaus schwer ….
Ein wichtiger Baustein meiner Barcampteilnahme ist die digitale Vernetzung. In der Regel twittere ich live aus den Sessions. Wahrscheinlich hat der ein oder andere Follower darüber auch schon mal leicht genervt geseufzt, aber interessanterweise ergeben sich durch das Twittern immer wieder spannende inhaltliche Diskussionen in der Timeline. Manchmal kann ich sogar Fragen und Informationen aus meiner Timeline in die Session zurückgeben. Für mich ist Twitter und die damit verbundene digitale Vernetzung daher ein wichtiger „Erfolgsfaktor“.
Aber auch die „reale“ (oder „analoge“) Vernetzung vor Ort darf nicht zu kurz kommen. Sessionthemen, gemeinsam besuchte Sessions oder auch die Frage nach schon besuchten Sessions oder auch Barcamps bieten gute Gesprächsanlässe. Klar ist aber auch, je aktiver man sich eingebracht hat, desto einfacher ist der Gesprächseinstieg!
Und nicht vergessen: mit interessanten Gesprächspartnern kann man sich auch „online“ vernetzen!

Fragen stellen!
Kein Mensch ist als Experte auf die Welt gekommen. Wir alle haben irgendwann mit einem Thema angefangen und uns – auch durch Fragen – unser Wissen und unsere Erfahrungen erarbeitet. Bei einem Barcamp sind Fragen mehr als willkommen. In der Regel (Ausnahmen bestätigen natürlich auch diese Regel) steht bei den Sessions das Interesse am Thema und nicht das Selbstmarketing im Vordergrund. Barcamps sind insofern ein guter Ort, um Experten einfach mal das zu fragen, was man schon immer mal fragen wollte – in einem Gespräch, in der entsprechenden Session oder gar als eigene „Fragesession“.

Eigene Session anbieten
Den größten „Nutzen“ hatte ich bisher immer dann, wenn ich selber eine Session angeboten habe. Dabei kann man an das Thema „eigene Session“ durchaus sehr unterschiedlich herangehen:
– man kann eine Frage stellen und (Experten-)Antworten sammeln
– man kann zu einem Thema eine Diskussionsrunde vorschlagen (zum Beispiel gab es beim Barcamp Köln Diskussionssession zu „Big Data“ und zur „Zukunft von Foren“)
– man kann etwas (zum Beispiel eine Methode) ausprobieren (ich habe bei meinem allerersten Barcamp – dem Barcamp Düren – ganz spontan eine Session mit der Pre-Mortem-Methode angeboten. Für mich war es eine spannende Herausforderung, der Lerneffekt war enorm.)
– man kann „sein Thema“ als Session anbieten.

Das Schöne: Barcampbesucher sind zwar durchaus kritisch, sie erwarten aber gerade keine „perfekte“ Präsentation. Schließlich sind wir ja auf einem Barcamp und nicht auf einer Konferenz!

Mein Fazit
Der Nutzen einer Barcampteilnahme hängt nach meiner Meinung klar vom Grad der eigenen Aktivität ab. Je mehr ich mich selbst sichtbar und hörbar einbringe, desto größer ist in der Regel mein „Nutzen“ – desto mehr lerne ich, desto interessanter sind meine Gespräche und desto besser ist meine Vernetzung.

Lebenslang ununitv …..

Ich kann mich noch gut an die letzten Junitage des letzten Jahres erinnern. Das Crowdfunding von ununitv stand kurz vor dem Abschluß, es fehlte noch ein relativ großer Betrag, um die „Erfolgsschwelle“ zu erreichen und wir haben bis zum allerletzten Tag getwittert und gezittert. Selten habe ich so oft auf einer Webseite „vorbeigeschaut“, wie damals auf der Crowdfundingseite bei startnext.

Heute vor einem Jahr (damals ein Montag) saß ich erleichtert und glücklich vor meinem Computer, denn wir hatten am frühen Abend das Crowdfunding erfolgreich abgeschlossen. Das Engagement bei ununitv war (und ist) vor allem eine intensive Zeit des Lernens und Ausprobierens.

Lernerfahrung: Hangout
Ein oder zwei kleine „interne“ Hangouts hatte ich schon vor meiner Begegnung mit #ununitv gemacht. Aber mit ununitv ging es dann richtig los: wöchentliche interne Hangouts, Übungsmöglichkeiten, im Mai der allerste Hangout on Air (HoA) und immer wieder das Beschäftigen mit Dingen, die mir vorher völlig fremd waren: wie richtet man im Hangout eine Bauchbinde ein, wo sollte man die Webcam positionieren, wie kann man die Lichtverhältnisse verbessern …… Ich bin sicherlich keine Expertin geworden, aber eine gewisse Grunderfahrung habe ich gewonnen.

Lernerfahrung: Crowdfunding
Noch spannender war die Lernerfahrung im Crowdfunding. Ich hatte mich vorher schon mit einem kleinen Betrag bei einem Crowdfunding beteiligt (nämlich beim C3S-Barcamp), den eigentlichen Prozeß hatte ich aber nicht begleitet. Bei ununitv habe ich viele Schritte auch von innen – also aus einer völlig anderen Perspektive – wahrgenommen. Wir haben in den vielen Hangouts über Texte, Inhalte und Vorgehensweise diskutiert, wir haben in Hangouts immer wieder erzählt, was wir uns von ununitv versprechen, wir haben unsere Twittertimelines mit Infos „überflutet“ und wir waren am Ende erfolgreich. Es war aber ein steiniger und arbeitsreicher Weg. Fragen, Anregungen und Kritik zum Projekt habe ich in der Zeit dankbar – aber manchmal auch ein bißchen ratlos – entgegengenommen. Aus dieser Zeit habe ich zwei wichtige Erkenntnisse mitgenommen:
(1) in jedem Konzept gibt es Schwachstellen. Das ist völlig normal. Gerade im Crowdfunding führen Schwachstellen jedoch zu zwei möglichen Reaktion: entweder das Projekt wird nicht unterstützt oder es wird kritisiert. Kritik ist für die Entwicklung von Konzepten sehr wertvoll, während das Crowdfunding läuft ist sie aber „zu spät“. Meines Erachtens wäre es wichtig, eine Art Testlauf vor dem Start des Crowdfundings zu machen, um (berechtigte) Kritik und offensichtliche Schwachstellen rechtzeitig zu erkennen.
(2) durch Crowdfunding kann man kein Netzwerk aufbauen, das Netzwerk muß vorher schon vorhanden sein. Es ist für ein erfolgreiches Crowdfunding meines Erachtens extrem wichtig, daß sich die Unterstützer auf ihren Kanälen einbringen und zu dem Projekt äußern. Je mehr Unterstützer dies tun, desto größer die Erfolgswahrscheinlichkeit (wenn das Konzept gut ist!).

Lernerfahrung: Gplus-Community
So begeistert ich von den Möglichkeiten der Hangouts bin, so genervt bin ich manchmal von der Community-Struktur bei Gplus. Vielleicht bin ich in der Hinsicht noch von früheren Gruppen bei Xing verwöhnt (damals, als die Xing-Welt für mich noch in Ordnung war). Aber ich finde es immer wieder mühsam, bei Gplus ältere Beiträge zu finden. Auch werden mir nur Antworten auf die Beiträge angezeigt, auf die ich selbst geantwortet habe. So manche wichtige Diskussion habe ich dadurch erst ziemlich spät entdeckt, weil ich auf den Ausgangsbeitrag nicht geantwortet habe. Etwas mehr „Übersichtlichkeit“ würde mich glücklich machen …..

Lernerfahrung: Erfolge müssen gefeiert werden
Die gemeinsame Crowdfunding-Arbeit für ununitv war sehr motivierend und hat mich mit Menschen ins Gespräch gebracht, die ich vorher gar nicht oder nur wenig kannte. Mit einem immensen Zeitaufwand haben wir immer wieder auf das Projekt aufmerksam gemacht, Menschen „angesprochen“, Fragen beantwortet, nach Multiplikatoren gesucht …… Nach dem erfolgreichen Ende waren wir erst einmal ziemlich erledigt. Wir wollten zwar irgendwann feiern, aber die Idee ist im Alltag untergegangen. Nach der „Sommerpause“ folgte für mich eine Zeit, in der ich stärker mit anderen Dingen beschäftigt war. Ja, und plötzlich hatte ich ein bißchen den Anschluß verloren und verfolgte die Entwicklung von ununitv eher aus der Ferne. Zumindest bei mir war die Luft ein bißchen raus und der Enthusiasmus des Frühsommers fehlte. Ich glaube, daß mir eine gemeinsame Feier des Erfolgs geholfen hätte, diesen Enthusiasmus zu bewahren.

Am letzten Wochenende haben wir dann endlich gefeiert – den ersten Crowdfunding-Geburtstag. Wie es sich gehört haben wir erst gearbeitet, dann angestoßen und dann gefeiert. Ich glaube, daß wir bei diesem gemeinsamen Treffen – auch wenn natürlich nicht alle dabei sein konnten – wieder einen guten Grundstein für eine weitere gemeinsame Entwicklung legen konnten. Wohin der Weg gehen wird, wird sich zeigen. Als Unterstützerin habe ich aber eine lebenslange Mitgliedschaft – auch ein schöner Gedanke!

Herzlichen Glückwunsch #ununitv – ich freue mich auf die nächste Feier!

Die Sache mit der Kundenzufriedenheit ….

Schon seit vielen Jahren nutze ich Bus und Bahn sehr intensiv, wenn ich irgendwo hin möchte. Man kann durchaus sagen, daß ich eine überzeugte Nutzerin bin – nein, man muß jetzt leider sagen war. Denn in den letzten Jahren machen es mir die Wuppertaler Stadtwerke und auch der VRR zunehmend schwer, eine begeisterte und zufriedene Kundin zu sein.

Nahverkehr ist natürlich immer ein schwieriges und komplexes Thema. Es kann – bedingt durch Unfälle oder auch Unwetter (Pfingstmontag zum Beispiel) schnell zu Verspätungen und Ausfällen kommen. Bis zum Sommer 2012 habe ich solche Verspätungen und Ausfälle als unglückliche Ausnahmen erlebt, über die ich – nach kurzem Grummeln – schnell hinwegsehen konnte, denn in der Regel war aus meiner Sicht „alles in Ordnung“. Aber seit Sommer 2012 ist das anders. Mein grundsätzliches Vertrauen in den regionalen Dienstleister hat gelitten. Zunächst waren da im August und September viele völlig ungeplante Busausfälle, die meine Zeitplanung völlig durcheinander gebracht haben. Den Seitenhieb auf den lokalen Anbieter WSW = wird sicher wegfallen konnte ich mir damals nicht verkneifen. Dann kam sehr schnell eine erhebliche Kürzung des Busangebots, die für mich zu einer deutlichen Verlängerung der Fahrzeiten – vor allem bei anschließender Zugnutzung – führte. Einen Dialog zu den Änderungen gab es – entgegen anderslautender Ankündigungen – nicht. Ab Mitte Juli wird es zusätzlich schwierig – denn aufgrund einer Großbaustelle rund um den Hauptbahnhof, sind erhebliche Änderungen und Einschränkungen (unter anderem längere Wege) notwendig. Bis vor wenigen Tagen hätte ich mich dazu nicht geäußert, denn ich habe dafür durchaus Verständnis.

Aber: am Dienstag las ich, daß die Fahrpreise in Wuppertal deutlich steigen werden. Wir sollen – zusammen mit Düsseldorf und Dortmund – in die Premium-Preis-Klasse A3 des VRR „aufsteigen“. Ich soll also einen Premium-Preis für ein deutlich beschränktes Angebot zahlen, bei dem ich zeitlich seit 2 Jahren einen erheblichen Mehraufwand habe?

Ich bin nicht mehr begeistert und zufrieden und natürlich möchte ich nicht mehr schweigen. Denn statt der versprochenen Abolust habe ich mittlerweile nur noch Abofrust. Statt irgendwelchen Extras und Vergünstigungen möchte ich endlich wieder ein attraktives Nahverkehrsangebot und ich möchte sehen, daß sich die Unternehmen um die Kunden ehrlich bemühen. Ein weiter Weg – sowohl für den VRR als auch für die WSW.

Wir sind das überwachte Volk!

Es gibt Momente, in denen mir Geschichte greifbarer und näher erscheint, als zu anderen Zeiten. Heute (17. Juni 2014) ist für mich so ein Tag. Es ist aber auch ein Tag, der mich nachdenklich macht. In Gedanken schlage ich einen Bogen von Mai 1949 über Juni 1953, Sommer und Herbst 1989 bis zum heutigen Tag.

Mai 1949: das Grundgesetz wird verkündet
Vor etwas mehr als 65 Jahren – am 23. Mai 1949 – wurde das Grundgesetz verkündet, am 24. Mai 1949 trat es in Kraft. In relativ kurzer Zeit erarbeitete der Parlamentarische Rat damals den Text und traf damit grundlegende Entscheidungen für Westdeutschland. Die Geschichte der Entstehung des Grundgesetzes kann man hier gut nachlesen. Dabei sind drei Aspekte für mich besonders interessant:
– Teil des Auftrags, den die Westallierten erteilten, war es, eine Verfassung auszuarbeiten, die Garantien der individuellen Rechte und Freiheiten erhält (Seite 4 des oben verlinkten Dokumentes „Blickpunkt Bundestag Spezial/Seite 6 des pdf)
– über die Bedeutung und Notwendigkeit der 19 Grundrechte, die am Anfang des Grundgesetzes stehen, waren sich die Mitglieder des Parlamentarischen Rates ziemlich schnell einig (Seite 15 des oben verlinkten Dokumentes „Blickpunkt Bundestag Spezial/Seite 17 des pdf)
– die Arbeit des Parlamentarischen Rates stieß in der Öffentlichkeit auf wenig Interesse (Seite 17 des oben verlinkten Dokumentes „Blickpunkt Bundestag Spezial/Seite 19 des pdf)

Besonders bemerkenswert finde ich den sprachlich-diplomatischen Coup, das Arbeitsergebnis nicht Verfassung sondern „Grundgesetz“ zu nennen. Mit dieser Bezeichnung konnte es „losgehen“.

Juni 1953: der Volksaufstand in der DDR
1953: Nur wenige Jahre nach der Verkündung des Grundgesetzes ging es den Westdeutschen schon richtig gut. In Ostdeutschland schöpften die Menschen nach Stalins Tod Hoffnung. Doch ihre Hoffnungen erfüllten sich nicht. Am 17. Juni kam es zum Volksaufstand in der DDR statt. Die Forderungen der Menschen nach besseren Arbeitsbedingungen, Rücktritt der Regierung und freien Wahlen wurden blutig niedergeschlagen.

Auch in Westdeutschland hinterließ der Volksaufstand Spuren. Der Aufstand im Osten stieß in Westdeutschland auf breite Sympathie. Schon am 17. Juni gab es eine Solidaritätskundgebung in West-Berlin und in den folgenden Tagen auch in anderen westdeutschen Städten. Der Tag wurde zu einem nationalen Gedenktag und schließlich zu einem Feiertag – dem Tag der deutschen Einheit.

Der Feiertag am 17. Juni erinnerte immer wieder an den 17. Juni 1953, in Fernseh- und Zeitungsberichten bekamen auch die später Geborenen einen kleinen Einblick in das, was rund um diesen Tag in Ostdeutschland passierte und mit wieviel Mut und Hoffnung die Menschen auf die Straße gingen – auch wenn sich diese Hoffnungen damals nicht erfüllten.

1989: Wir sind das Volk
Erst vor ein paar Tagen wurde mir bewußt, daß es jetzt 25 Jahre her ist, daß die Mauer gefallen ist. Ich erinnere mich an Nachrichtenbilder mit Menschen in der überfüllten Prager Botschaft und an die Freude der Menschen, als der damalige Außenminister Genscher ihnen die Nachricht der Ausreise überbrachte. Vor allem aber erinnere ich mich an den so einfachen aber machtvollen Satz „Wir sind das Volk“. Es ist für mich immer noch unglaublich, wie schnell und friedlich die Mauer fiel. Das, was 1953 blutig endete, konnte 1989 friedlich und freudig erreicht werden. Ein Start in eine verheißungsvolle Zukunft für Ost- und Westdeutschland?

2014: Wir sind das überwachte Volk
Der rote Faden, der 1949, 1953 und 1989 verbindet, ist der Wunsch der Menschen nach guten Lebensbedingungen, Freiheit, Grundrechten und freien Wahlen. Gute Lebensbedingungen haben viele von uns sicher erreicht, wobei dies nicht heißt, daß es allen Menschen in Deutschland gut geht. Aber was ist mit unserer Freiheit und unseren Grundrechten? Seit letztem Jahr wissen wir, daß wir dauerhaft und grundlos überwacht werden. Egal ob wir soziale Netzwerke nutzen, im Internet surfen, telefonieren (oder demnächst auch Auto fahren), wir werden überwacht und das, ohne daß gegen uns ein Verdacht vorliegt. Aus dem kraftvollen Ruf „Wir sind das Volk“ ist die traurige Erkenntnis geworden „wir sind das überwachte Volk“. Aber: wollen wir das so stehenlassen?

Wollen wir das so stehenlassen?
Ja und nein.

Ja, denn wir sind im Moment das überwachte Volk. Die im Grundgesetz verankerten Grundrechte und die aus dem Rechtsstaatsprinzip abgeleitete Unschuldsvermutung bestehen zwar noch „auf dem Papier“, tatsächlich sind sie im Rahmen der vielfältigen Überwachungsaktivitäten blaß und inhaltsleer geworden. Die Trumpfkarte lautet immer wieder „Sicherheit“.

Nein, denn ich möchte das nicht so stehenlassen. Ich suche nach dem positiven Satz, der – wie damals 1989 – eine Wende in den Köpfen und Herzen der Menschen herbeiführt und sie gemeinsam für eine gute Zukunft arbeiten läßt.

Was wäre Ihr/Dein Satz für uns und unsere gemeinsame Zukunft?

Eventmarketing mit Twitter

Letzte Woche Montag hat mich meine große Neugier verbunden mit meiner Leidenschaft für Twitter nach Dortmund zur BARsession geführt. Vortragsthema des Abends war „Twitter – Erfolgreiches Eventmarketing mit Microblogging“. Dieses Thema – vorgestellt von Christina Quast – konnte ich mir nicht entgehen lassen. Eine gute Entscheidung, denn Christina hat mühelos den Spagat zwischen einer (notwendigen) Einführung in Twitterbasiswissen für zukünftige Nutzer und dem Spezialwissen zum Eventsmarketing für bereits überzeugte Twitter-Nutzer gemeistert. Was habe ich von gestern mitgenommen?

Die Vorbereitung der Veranstaltung
Wer schon einmal selbst eine Veranstaltung geplant und vorbereitet hat weiß, wie schwierig es sein kann, Menschen für die Teilnahme zu begeistern. Viele gleichzeitig stattfindende Termine, meist kleine Budgets (wenn überhaupt) für die Öffentlichkeitsarbeit und hoher Zeitaufwand stellen durchaus große Hindernisse auf dem Weg zur erfolgreichen Durchführung der Veranstaltung dar.

Und jetzt auch noch Twitter? Ja, denn gut eingesetzt kann Twitter einen erheblichen Zuwachs an Reichweite und Sichtbarkeit für die geplante Veranstaltung bringen. Ich selber habe oft genug durch Tweets und Retweets von interessanten Veranstaltungen erfahren, die ich dann auch besucht habe. Gleichzeitig lassen sich so schon im Vorfeld potentielle Interessenten einbeziehen und langfristig „binden“.

Dies setzt natürlich ein entsprechend großes „Twitternetzwerk“ voraus. Interessant ist daher auch die Frage, ob man für die Veranstaltung einen eigenen Twitteraccount anlegen soll. Eine Frage, die man sich rechtzeitig stellen sollte – auch wenn es keine allgemeingültige Antwort gibt. Aus meiner Sicht ist ein eigener Account vor allem für regelmäßige Veranstaltungen hilfreich, gleichzeitig erfordert der Netzwerkaufbau mit einem neuen beziehungsweise zusätzlichen Account auch wieder Zeit. Ich selber bin durchaus willig, Veranstaltungsaccounts zu folgen, wenn die Veranstaltung mich thematisch interessiert, von überregionaler Bedeutung ist oder regional paßt und die Anzahl der (täglichen) Tweets in einem überschaubaren Rahmen bleibt.

Der für mich wichtigste Aspekt der Vorbereitung: der richtige Hashtag für die Veranstaltung. Eine Veranstaltung ohne Hashtag geht bei Twitter unter. Leider haben immer noch recht viele Veranstaltungen überhaupt keinen Hashtag. Sichtbarkeit bei Twitter – also auch Interesse für nachfolgende Veranstaltungen – läßt sich so nur schwerlich erzeugen. Bei thematisch interessanten Veranstaltungen lege ich dann (im Notfall) schon mal selbst einen Hashtag fest, eine gute Lösung ist das natürlich nicht. Bei der Auswahl des Hashtags sollte man auch mit einer gewissen Sorgfalt vorgehen: er sollte nicht zu lang sein und er sollte natürlich nicht von jemand anderem genutzt werden (wichtig: es gibt keine Möglichkeit Hashtags zu „reservieren“!). Wer den Hashtag für die Veranstaltung gut auswählt, hat bei der Vorbereitung schon ziemlich viel richtig gemacht.

Was man auch schon im Rahmen der Vorbereitung überlegen sollte (und was mir regelmäßig zu spät einfällt ….): ob beziehungsweise wie/womit die Tweets der Veranstaltung gesammelt und dokumentiert werden sollen. Die Auswahl (und gegebenenfalls auch der Test) des entsprechenden Tools muß rechtzeitig erfolgen!

Während die Veranstaltung läuft ….
WLAN und Twitterwall sind für die meisten twitternden Besucher sicher mehr als nur „erwünscht“. Zu beachten ist, wo sich die Twitterwall befindet. Eine Twitterwall hinter dem/der Vortragenden ist eher ungünstig, da der-/diejenige die Tweets überhaupt nicht mitbekommen kann und sich so mitunter über Reaktionen (Gelächter?) aus dem Publikum wundert. Ähnliches habe ich bei einem Twittwoch in Köln auch schon erlebt – insofern kann ich diesen Punkt nur unterstreichen.

Während der Veranstaltung ist natürlich Twittern angesagt (das haben wir am Montag natürlich auch gemacht), wobei es nicht um die Anzahl der Tweets geht. Gerade das Eingehen auf „Orgafragen“ (wo gibt es Steckdosen?) oder inhaltliche Fragen zur Veranstaltung ist für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oft viel wertvoller.

Der krönende Abschluß: die Nachbereitung
In der Nachbereitung der Veranstaltung verstecken sich zwei Aspekte: der krönende Abschluß und die Steilvorlage für die nächste Veranstaltung! Die Dokumentation der Veranstaltung sollte sehr zeitnah erfolgen (also nicht so spät, wie dieser Blogbeitrag …….) – je länger man braucht, desto geringer ist vermutlich das Interesse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Dokumentation. Ein zeitnah erstelltes „storify“ ist ein Beispiel für eine Dokumentation, die durchaus auch die „beteiligten“ Twitterer erfreut.
Aus der Nachbereitung und Dokumentation kann man aber auch Informationen für die nächste Veranstaltung ziehen: welche Multiplikatoren gibt es, wen könnte man einladen, welche Aspekte/Themen waren im Gespräch. Die Auswertung dieser zusätzlich Informationen und die Einbeziehung der Menschen, die während der Veranstaltung getwittert haben, kann so zum Erfolg der nächsten Veranstaltung und zur langfristigen Bindung der Interessierten beitragen!

Mein Fazit
Das Live-Twittern von „Events“ ist ja schon zu meiner großen Leidenschaft geworden. Mit der systematischen Einbindung von Twitter in die Vor- und vor allem Nachbereitung von Veranstaltungen hatte ich mich bisher nicht konkret beschäftigt – diese Aspekte finde ich sehr wichtig und sehr spannend. Durch den Vortrag habe ich einen guten Einblick in die Notwendigkeit der umfassenden Vorbereitung bekommen, da ohne gute Vorbereitung eine zeitnahe Nachbereitung und Auswertung überhaupt nicht möglich ist.

Die „Selbst-Schuld-Doktrin“

In dieser Woche bin ich schon zweimal über „Äußerungen“ gestolpert, die das Thema Überwachung mit dem Verhalten der Nutzer (Smartphones, Social Media) in Verbindung bringen. Zuerst fand ich in meiner Twittertimeline einen Link auf einen Artikel der Computerwoche zum Thema Überwachung mit folgender Kernaussage: Die Empörung ist groß, aber nur wenige haben ihr Verhalten geändert. Am gleichen Abend brachte auch das ZDF im heute journal einen Beitrag zu diesem Thema.

Das veranlaßte mich zu diesem Tweet mit folgendem Inhalt(der bisher ohne Antwort blieb):
Liebes @zdfheute – ich bin genervt! Überwachung soll nur deshalb ein Problem sein,weil wir Smartphones und Apps nutzen? Zurück in die Höhle?

Warum es mich nervt?

Der Umgang mit den eigenen Daten
Für mich werden – immer wieder – zwei völlig unterschiedliche Ebenen vermischt. Ja, wenn ich mich bei einer Plattform im Internet anmelde (Facebook, Twitter, Google stehen da beispielhaft) dann stimme ich deren Nutzungsbedingungen zu. Die meisten Menschen, die diese Netzwerke nutzen, haben die Geschäftsbedingungen vermutlich nicht gelesen. Und ja, es ist sicherlich richtig, daß ich für die Nutzung dieser Dienste mit meinen Daten „bezahle“. Keine Frage, daß diese Dienste in großem Umfang Daten sammeln und im Rahmen von Big Data auswerten. Die Frage, ob wir als Nutzer uns dieser Thematik und der damit verbundenen Folgen bewußt sind, ist spannend. Viktor Mayer-Schönberger hat dieses Thema in seinem Vortrag „Freiheit und Vorhersage: Über die ethischen Grenzen von Big Data“ bei der #rp14 sehr ausführlich und verständlich behandelt.
Insofern: ja, der Umgang mit den eigenen Daten ist ein sehr wichtiges Thema und wir sollten uns mit diesem Thema auch angemessen beschäftigen. Dazu gehört auch die Frage, ob und inwieweit Regelungen in Deutschland beziehungsweise Europa tatsächlich Anwendung finden und uns schützen können.

Bezahlung mit eigenen Daten = Zustimmung zur (staatlichen) Überwachung = Verzicht auf Grundrechte?
Mittlerweile ist es eine gängige (und meines Erachtens völlig richtige) Aussage, daß wir mit unseren Daten bezahlen. Ich stehe diesem Thema und der Frage, ob beziehungsweise in welchem Ausmaß ich „Daten“ einsetzen muß/möchte, durchaus kritisch gegenüber. Aber: selbst wenn ich völlig wahllos eigene Daten an kommerzielle Anbieter freigebe, stimme ich keinesfalls einer staatlichen Überwachung zu. Vor allem verzichte ich dadurch nicht auf meine Grund- und Menschenrechte. Mein Verhältnis zu einem kommerziellen Anbieter (wie zum Beispiel Google, Facebook oder Twitter) ist zivilrechtlicher Art. Der zwischen uns geschlossene Nutzungsvertrag mag unwirksame Bestimmungen enthalten, er mag Klauseln enthalten, die vernünftige Menschen nicht akzeptieren würden – aber: er bestimmt nur unser Rechtsverhältnis zueinander, er beinhaltet nicht die Zustimmung zur staatlichen Überwachung. Auch wenn ich – durch die Nutzung ausländischer Angebote – das Risiko der Überwachung durch andere Staaten/deren Organisationen in Kauf nehme, verzichte ich nicht auf meine „heimischen Grundrechte“ und eine rechtsstaatliche Vorgehensweise.
Die Grundrechte des Grundgesetzes haben schließlich einen anderen Zweck als der „Vertragsschluß“: es geht hier um das Verhältnis zwischen dem Menschen/dem Bürger und dem Staat. Wichtig ist hier vor allem die Abwehrfunktion vor staatlichen Eingriffen.

Konkret stellt sich daher die folgende Frage: warum sollte aus einem Vertrag mit einem Unternehmen (zum Beispiel einer Social Media Plattform) folgen, daß auch der Staat auf die gesammelten Daten zugreifen und diese für „seine Zwecke“ nutzen darf? Es ist eine Sache, daß der „lässige“ Umgang mit Daten dem Staat und seinen Organisationen sowie anderen Staaten und deren Organisationen die Sammelleidenschaft „erleichtert“, das heißt aber noch nicht, daß dies deswegen „in Ordnung“ ist. Indem ich einem Unternehmen das Sammeln und Nutzen meiner Daten „erlaube“, verzichte ich gegenüber „meinem“ Staat gerade nicht auf meine Rechte!

Verzicht der Nutzung = Ende der Überwachung?
Die Schlußfolgerung „wenn ihr Eure Smartphones und die Social Media Plattformen nicht mehr nutzt, dann gibt es auch keine Überwachung mehr“ ist zu einfach. Wenn „jemand“ (ein Staat, ein Geheimdienst) Informationen sammeln will, dann wird er einen Weg finden, an diese Daten zu kommen. Nur da, wo überhaupt keine Daten gesammelt werden (können), wäre Verzicht ein denkbarer Weg. Aber: Um einer Überwachung zu entgehen, müßten wir eigentlich auf alle Annehmlichkeiten der modernen Technik verzichten:

– keine Smartphones
– keine Internetnutzung (Browserverläufe)
– keine Emails
– keine Telefonate über das Festnetz (fallen auch unter das Thema „Vorratsdatenspeicherung“)
– keine Autos (eCall ab 2015)
– kein Strom (smarte Stromzähler)
– kein Fernsehen (Stichwort „Smart TV„)
– demnächst auch kein Arztbesuch mehr (Stichwort: elektronische Gesundheitskarte)

Und sicher ist diese „Liste“ nicht abschließend.

Warum „selbst schuld“ nicht weiterhilft …..
David Bauer hat Anfang Januar in einem sehr lesenswerten Beitrag kurz und prägnant begründet, warum wir die Überwachung nicht selbst schuld sind. Ich selbst fühle mich fatal an Diskussionen der 70er Jahre erinnert, in denen es um das Thema Frau und Minirock ging. Damals wurde Mädchen und Frauen eine Mitschuld an Übergriffen zugeschoben, heute sollen Smartphone- und Social-Media-Nutzer eine Mitschuld an der Überwachung tragen. Damit wird uns (und mit uns meine ich jetzt tatsächlich alle Menschen) ein ungeheurer Vorwurf gemacht, der uns von den eigentlich wichtigen Themen ablenkt. Auch wenn wir unser Verhalten ändern würden, so würde dies nichts an der Ausgangslage und an der damit verbundenen Gefahr für unsere Grundrechte, unseren Rechtsstaat und unsere Demokratie ändern.

Mein Fazit
Nein, ich bin nicht selbst schuld an Überwachung.
Nein, ich habe der Überwachung nicht zugestimmt und ich glaube auch nicht, daß ich sie durch ein geändertes Nutzerverhalten verhindern kann.
Nein, auch wenn ich mein Smartphone für immer ausschalte, werde ich (wie alle anderen Menschen) weiter überwacht werden.
Nein, ich glaube nicht, daß wir so eine „Lösung“ für dieses Problem finden werden, ich habe eher das Gefühl, daß mir immer wieder Sand in die Augen gestreut wird.

Neues wagen!

Drei „Ereignisse“ haben für mich die letzte Woche geprägt: das eMarketingCamp der IHK Mittlerer Niederrhein in Krefeld, mein Besuch der Malewitsch-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn und die Dozenten-Weiterbildung der LVQ in Mülheim an der Ruhr. Drei Veranstaltungen, die auf den ersten Blick völlig unterschiedlich sind und die doch ein „roter Faden“ verbindet.

Der rote Faden
„Haben Sie in den letzten 12 Monaten etwas Neues ausprobiert?“ fragte am Samstag die Dozentin Martina Jensen in der Dozenten-Weiterbildung der LVQ. Eine sehr gute Frage. Konkret bezogen auf die Nutzung „neuer Methoden“ in den Kursen der LVQ, läßt sich diese Frage auch allgemein stellen. Ich mußte die Frage für mich erst einmal sacken lassen. In den letzten 24 Monaten habe ich durchaus einiges Neues ausprobiert – ich habe „mein“ Urheberrechtsquiz entwickelt, ich habe Hangouts für mich entdeckt und meine Leidenschaft für das Live-Twittern. Die Ausbeute in den letzten 12 Monaten sieht etwas magerer aus – wirklich „Neues“ konnte ich auf den ersten Blick nicht entdecken.

Was ist denn überhaupt „neu“?
Habe ich tatsächlich 12 Monate lang gar nichts Neues ausprobiert? Oder verlange ich gerade zuviel von mir und möglicherweise auch von anderen?

Eine spannende Frage – gerade auch, wenn ich an das Barcamp in Krefeld und die Malewitsch-Ausstellung in Bonn denke. Malewitsch hat seine Liebe zur Kunst und seine künstlerische Berufung erst relativ spät entdeckt. Umso faszinierender ist es, daß er mit dem Bild „Das Schwarze Quadrat“ und der Stilrichtung des Suprematismus etwas völlig Neues entwickelt hat, in dem er sich von Gegenständen völlig gelöst hat. Welche Wirkung müssen diese Kunstwerke damals (1915) auf die Ausstellungsbesucher gehabt haben? Malewitsch hat – folgerichtig – aus der Sicht des Künstlers drei Tätigkeitskategorien unterschieden: das Erfinden als Gestaltung des Neuen, das Kombinieren als Umgestaltung des Vorhandenen und das Reproduzieren als Nachbildung des Vorhandenen. Auch wenn Malewitsch diese Einteilung auf die künstlerische Arbeit bezog, läßt sich die Unterteilung auch auf andere Bereiche anwenden. Aber in welchen Bereich fällt dann das eMarketingCamp der IHK in Krefeld? Als themenfokussiertes Barcamp ist es keine „Neuerfindung“ – Themenbarcamps findet man in relativ großer Auswahl. Ist das eMarketingCamp also eher eine Umgestaltung oder eine Nachbildung des Vorhandenen?

Der subjektive Aspekt
Würde ich mich jetzt nur an dieser Frage orientieren, dann würde wohl ich einen wichtigen Aspekt außer Acht lassen – die persönliche oder subjektive Seite. Es mag ja durchaus sein, daß es schon irgendwo ein Barcamp zum Thema eMarketing gegeben hat. Auch mag es sein, daß irgendwo in Deutschland eine IHK schon einmal ein Barcamp veranstaltet hat. Aber: für die IHK Mittlerer Niederrhein war es etwas Neues! Es war nicht einfach eine Kombination bereits vorhandener Veranstaltungselemente und es war auch kein Wiederholen eines bereits durchgeführten Veranstaltungsformats. Für die IHK (unterstützt durch einschlägige Experten) und viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war diese Veranstaltung sicher etwas komplett Neues, etwas Gewagtes – und der eingesetzte Mut wurde mit einer erfolgreichen Veranstaltung belohnt.

Das große Aber: die Angst vorm Scheitern
So weit so gut. Leider wissen wir alle, daß nicht jedes Experiment mit neuen Formaten oder neuen Inhalten „gut“ ausgeht. Viele Faktoren können über das „Gelingen“ oder „Scheitern“ entscheiden. Gute Vorbereitung (wie im Beispiel der IHK Mittlerer Niederrhein beim eMarketingCamp) kann entscheidend zum Erfolg beitragen, ein Garant für den glücklichen und guten Ausgang ist sie jedoch nicht. Zu einer guten Vorbereitung gehört es meines Erachtens auch, sich darüber Gedanken zu machen, welche Faktoren von Bedeutung sind und welchen Einfluß sie auf das „Ergebnis“ haben. Checklisten können in mancher Hinsicht hilfreich sein – vor allem, weil man wichtige Punkte nicht so schnell vergißt. Andererseits kann der Wunsch nach (vermeintlicher) Perfektion auch zu einem Hindernis werden. Mehr Vorbereitung kann auch zu mehr Angst vor dem „Mißerfolg“ und damit zu einem ständigen Herauszögern führen. Später halt …..

Später ….. oder: wann ist der richtige Zeitpunkt für Neues?
Ein wichtiger Aspekt ist der „richtige“ Zeitpunkt. Malewitsch erwischte mit der Ausstellung seiner bahnbrechend neuen Werke einen „unglücklichen“ Zeitpunkt – die Ausstellung fand 1915 statt, als Europa sich im ersten Weltkrieg befand. Hätte er warten sollen? Hätte er überhaupt warten können?
Hier möchte ich die Abschlußfrage aus der Dozenten-Weiterbildung der LVQ aufgreifen: Was möchten Sie in der nächsten Zeit neu ausprobieren? Eine Frage, die mich hoffentlich länger begleiten wird, denn ich finde sie sehr wichtig. Für manche Ideen werde ich einen „Testlauf“ brauchen (zum Beispiel auf einem Barcamp), andere Ideen kann ich sicher schnell – und notfalls auch ausdrücklich als „Test“ – ausprobieren. Ja, das ist nicht immer leicht und sicher wird nicht jeder Versuch nach meinem eigenen Verständnis „gut laufen“. Aber auch (oder gerade) mißglückte Anläufe haben einen großen Lerneffekt.

Auf den Weg machen ….
Mein Fazit der letzten Woche: es ist wichtig, daß ich mich auf den Weg mache. Dabei geht es gar nicht um die „großen“ Ziele, das radikal Neue. Auch die kleinen Schritte, die ich neu unternehme, sind wichtig – natürlich auch die kleinen und großen Schritte anderer Menschen. Vielleicht sind die kleinen Schritte sogar wichtiger als die großen Schritte, weil so von „Altbewährtem“ nicht nur „Stagnation“ übrig bleibt. Ich wünsche mir, daß ich sowohl bei mir als auch bei anderen mehr auf diese kleinen Schritte achte und wir uns wohlwollend mit den kleinen (und großen) Schritten anderer Menschen befassen.

Geht das Grundgesetz jetzt in Rente?

Schon ziemlich früh begegnete mir heute in meiner Twittertimeline die Nachricht, daß das Grundgesetz heute 65 Jahre alt wird. Herzlichen Glückwunsch, liebes Grundgesetz! Aber – so unter uns – ist das nicht auch der Zeitpunkt, um in Rente zu gehen?

Nein, ich möchte das Grundgesetz nicht in Rente schicken. Aber die politische und gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre macht mich sehr nachdenklich. Arbeiten und leben wir noch „mit“ den Grundrechten aus unserem Grundgesetz und den damit verbundenen Werten? Oder haben wir uns faktisch schon längst davon verabschiedet?

Ich erinnere mich ratlos und immer noch empört an die Diskussion um das „Supergrundrecht auf Sicherheit„, die ich im letzten Jahr verfolgt habe. Ich frage mich gleichzeitig, was aus dem vom Bundesverfassungsgericht in seiner Rechtsprechung entwickelten Recht auf informationelle Selbstbestimmung geworden ist. Was ist mit der Meinungs- und Informationsfreiheit (Artikel 5), der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13) und dem Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Art. 10), wenn ich an Themen wie Überwachung, Vorratsdatenspeicherung und Smart Metering denke. Ich frage mich, wer in allen diesen Fragen meine Rechte aus dem Grundgesetz schützt. Ja, wir können jetzt über den Anwendungsbereich der einzelnen Artikel und die rechtlichen Fragen trefflich streiten. Aber darum geht es mir heute nicht. Heute frage ich mich – gerade an diesem Ehren- und Jubeltag des Grundgesetzes: Haben wir unser Grundgesetz schon „in Rente“ geschickt?

Ich finde, es ist heute der richtige Tag, um darüber nachzudenken, welche Grundrechte und welche Werte wir auch in Zukunft für unser Leben und unsere Gesellschaft zugrundelegen wollen. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen und viele der technischen Entwicklungen möchte ich auch nicht missen. Gleichzeitig möchte ich mich den Entwicklungen, die auch eine negative beziehungsweise mißbrauchende Seite haben können, nicht ausliefern und auch nicht – auf der Basis vermeintlich höherer Werte – ausgeliefert sein. 1949 haben die „Mütter und Väter des Grundgesetzes“ aus einer schwierigen Situation heraus das Grundgesetz mit seinen Grundrechten entwickelt. Ich fände es schön, wenn wir gemeinsam überlegen, welche Werte und damit verbundenen Grundrechte uns heute wichtig sind und wie wir diese (auch verbindlich) umsetzen und verankern können, damit wir auf einer Basis des Vertrauens leben und arbeiten.

In diesem Sinne wünsche ich mir, daß das Grundgesetz auch die nächsten Geburtstage aktiv und voller Leben feiern kann!